Gastbeitrag

Zukunftskompetenz Kreativität

Ob beim Erfinden, Probleme lösen oder Entdecken: Kinder zeigen Kreativität. Fachkräfte können diese schon in der frühen Kindheit stärken. Von Wassilios E. Fthenakis

01.09.2021 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Bildungssysteme legitimieren sich gegenwärtig weniger über die bloße Vermittlung von Wissen, sondern vielmehr über die Stärkung kindlicher Entwicklung und, vor allem, kindlicher Kompetenzen. Die neueren Bildungspläne haben diese Entwicklung aufgenommen, die Kompetenzen, die gestärkt werden sollen, kodifiziert und ein Kompetenztableau vorgelegt, das die praktische Arbeit vor Ort leitet und begründet. In den letzten fünf Jahren entfachte sich eine Debatte darüber, welche Kompetenzen in der Zukunft von Bedeutung sein werden. Kinder, die derzeit den Kindergarten besuchen, werden ihre Ausbildung nach 2045 beenden, in eine völlig veränderte Welt eintreten und Berufe ausüben, die noch entwickelt werden müssen. Vor diesem Hintergrund sind Debatten dieser Art nicht nur verständlich, sondern geradezu geboten.

Bildungssysteme, die Kinder auf diese, wenig prognostizierbare, Welt vorzubereiten haben, stehen vor der Herausforderung Kinder so zu stärken, dass sie ihre eigene Welt aktiv gestalten und mitverantworten, statt sie auf eine von den Erwachsenen erdachte Welt hin vorzubereiten. Die Debatte um Zukunftskompetenzen ist Welt umspannend, in vollem Gang und nicht abgeschlossen. Den Anlass dafür boten bedeutende Veränderungen, wie eine zunehmende Komplexität von Problemen, beispielsweise der Klimawandel, die globale Migration, die schnelle und umfassende Verbreitung von Information mittels des Internets, eine wachsende Verflechtung und Globalität unserer Beziehungen, vor allem aber die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf allen Bereichen des Lebens, um hier einiges zu nennen. Herausforderungen dieser Art bedingen, dass Kinder Kompetenzen entwickeln, die weit über das hinausgehen, was das Bildungssystem mit den Grundkompetenzen: Lesen, Schreiben und Rechnen bislang geboten hat.

Es liegen bereits Konzepte vor, wie man, Evidenz basierend, Zukunftskompetenzen konzeptualisieren und im Bildungssystem implementieren kann. Lamb, Maire und Doecke haben einen Überblick vorgelegt und folgende Kompetenzen als Zukunftskompetenzen identifiziert: Kritisches Denken, Kreativität, Metakognition, Problemlösen, Kooperation, Motivation, Selbstwirksamkeit, Gewissenhaftigkeit, Mut und Ausdauer. Diese neun Kompetenzen wurden aus der Analyse etlicher Konzepte gewonnen, die in den USA, in Australien, in Canada und anderen Ländern entwickelt wurden. Die Implementation dieser Konzepte haben die Autoren in mehreren Modellversuchen untersucht, die in Ontario und Alberta (Kanada), in Neuseeland, in Finnland und in Australien durchgeführt wurden.

In diesem, wie auch in weiteren Überblicken, nimmt die Kreativität als Zukunftskompetenz einen prominenten Platz ein. Die Europäische Kommission hat der Kreativität einen Beitrag gewidmet, und sie als transversale Kompetenz ausgewiesen. In diesem Bericht wird auf der individuellen Ebene betont, dass Kreativität, Neugier und intellektuelle Unruhe, eine Toleranz für Unsicherheit, Risiko und Mehrdeutigkeit sowie die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität Kompetenzen sind, die ein höheres Lernen, langfristige Beschäftigungschancen und soziale Mobilität begünstigen. Die Beschäftigung mit Kreativität in der Bildung ist zwar neu, sie hat jedoch eine über sechzigjährige Geschichte. Einer der ersten, der sich mit Kreativität befasst hatte, war Rohdes von dem das Rahmenwerk der vier P der Kreativität (Person, Product, Process and Press, letzteres im Sinne der Umwelt) stammt und die nachfolgenden Forscher stark beeinflusst hat.

Der Ursprung des Terminus „Kreativität“ geht ursprünglich auf das lateinische creare ((er)schaffen) zurück. Das Adjektiv kreativ ist eine Entlehnung aus dem Englischen creative, gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, wie auch das Wort Kreativität, das im deutschsprachigen Gebiet seit der Nachkriegszeit Verwendung findet. Obwohl es eine Vielzahl von Arbeiten zur Kreativität gibt, liegt keine allgemein anerkannte Definition des Terminus vor. Das häufig verwendete Kriterium der Originalität konnte nicht akzeptiert werden, Stattdessen hat man mit den Begriffen Neuheit und Nützlichkeit gearbeitet. Guilford bezeichnete als kreativ „jede neue, noch nicht da gewesene, von wenigen Menschen gedachte und effektive Methode, ein Problem zu lösen beziehungsweise die Miteinbeziehung von Fakten wie Problemsensitivität, ,Ideenflüssigkeit, Flexibilität und Originalität“.

Versuche zur Konkretisierung der Kreativität unterscheiden zwischen alltäglicher und außergewöhnlicher Kreativität. Letztere findet man bei bekannten Künstlern, Komponisten, Mathematikern und bei Persönlichkeiten, die etwas Großartiges, außergewöhnliches geleistet haben: Einstein, Mozart, Beethoven zählen zu diesen, wie auch bekannte Pädagogen, wie Montessori, Piaget. Alltägliche Kreativität kann man in konkreten Interaktionen zwischen den Kindern, der Fachkraft und dem Kind finden, in vielen Lösungsvorschlägen, bei Diskursen um Konstruktionsspiele und in vielen anderen Aktivitäten. Die Forschung konzentriert sich darauf, wie durchschnittliche Individuen als kreativ angesehen werden können, basierend auf der Art und Weise, wie sie Symbole, Systeme und Konstrukte in ihrem täglichen Leben neu kombinieren. So sind Kinder ein Paradebeispiel dafür, wie sie kürzlich gelernte Konzepte aufgreifen und auf neuartige Weise anwenden.

In der Debatte um Kreativität wird eine Reihe von Fragen behandelt, die für Fachkräfte von eminenter Bedeutung sind. Einige davon:

Ist Kreativität eine Eigenschaft der Person? Ist sie das Produkt? oder der Prozess, der zu kreativen Leistungen führt? Man ist sich heute einig darüber, dass Kreativität keine primär individuell verankerte Kompetenz ist. Vielmehr wird sie sozial prozessiert. In einem jüngsten Beitrag haben Kupers et al. (2019) ein Modell des komplexen dynamischen Systems vorgelegt, das die unterschiedlichen theoretischen Ansätze integriert und den Rahmen für die Einordnung bisheriger Forschung liefert. In diesem Beitrag wird Kreativität auf drei Ebenen konkretisiert:

  1. Kreativität auf der Ebene der Person: Bisherige Forschung betrachtete Kreativität als ein Merkmal der Persönlichkeit und sie setzte es in Verbindung zu anderen Persönlichkeitsmerkmalen. Vor allem untersuchte man die Beziehung zwischen Kreativität und Intelligenz. Insbesondere Gardner und Sternberg räumten der Kreativität in ihren Theorien einen zentralen Platz ein. Kreativität wurde zunächst als Teil der Intelligenz betrachtet. In seiner Theorie der multiplen Intelligenzen hat Gardner Kreativität als einen wichtigen Aspekt verschiedener Arten von Intelligenz betrachtet, wie z. B. musikalische, körperlich-kinästhetische Intelligenz. Eine zentrale Stellung nimmt auch Kreativität in der hierarchischen Intelligenztheorie von Sternberg ein. Er unterscheidet zwischen drei Komponenten der Intelligenz: analytisch, kreativ und praktisch. Er möchte die Frage beantworten, was kreative Menschen von anderen unterscheidet. Für ihn ist es eine Mischung aus Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmalen und Risikobereitschaft mit einem Gespür für gute Ideen. Kreative Menschen wenden oft die Strategie des baying low and selling high an. In diesem Zusammenhang wird auch der Frage nachgegangen, ob Kreativität ein latentes, persönliches, oft stabiles Merkmal, oder ein fließender, situationsabhängiger Zustand sei. Gardner nahm an, dass Kreativität eine neurale Basis habe, während Sternberg den Standpunkt vertrat, dass sie sich im Laufe der Zeit entwickelt.
  2. Kreativität auf der Ebene des Produkts: Hier findet eine Verlagerung von der Persönlichkeit auf das Produkt statt. Ein Produkt ist dann kreativ, wenn sich die Experten auf diesem Gebiet einig sind, dass es kreativ ist und schließlich
  3. Kreativität auf der Ebene des Prozesses: Dieser Position nach verläuft der kreative Prozess geordnet, in aufeinanderfolgenden Phasen (Problemidentifikation, Vorbereitung, Antwortgenerierung und Antwortvalidierung): Kreativität findet nicht isoliert in einzelnen Köpfen statt. Vielmehr stellt sie einen Prozess dar, der durch kontinuierliche Interaktionen zwischen der Person und der Umwelt entsteht. Echt-Zeit Interaktionen bieten die Grundlage für kreative Prozesse. Während die Rolle des Lehrers in kreativen Prozessen bislang hinreichend anerkannt wurde, galt nicht das Gleiche für die Lernbereiche bzw. die Lernaufgaben.

Weitere Diskussionen fokussieren auf die Frage, ob Kreativität eine soziale „Situiertheit“ aufweist. Während einige Forscher Kreativität in Zusammenhang mit wichtigen Dispositionen und damit verbundenen Fähigkeiten untermauern, wie z. B. Motivation, Risikobereitschaft, Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen und die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit zu tolerieren, betonen andere die Kontextabhängigkeit von Kreativität und unterstreichen dabei die Rolle des sozialen und kulturellen Umfeldes. Andere wiederum sehen in der Kreativität sowohl eine allgemeine als auch eine domänenspezifische Fähigkeit. Diese Diskussion ist in vollem Gange und es bedarf weiterer Forschung, um Klarheit darüber zu gewinnen.

Ein anderer, für die Pädagogik bedeutsamer Aspekt, betrifft die Frage, ob Kreativität eine Fähigkeit ist, die nur einer bestimmten Minderheit von Kindern vorenthalten bleibt. Bereits Vygotsky bemerkte, dass jedes Kind mit einem Potenzial für Kreativität ausgestattet sei. Kinder können auf einer kleinen persönlichen Skala, die für ihre Umgebung relevant ist, kreativ sein, Kreativität, die als „kleines C“ definiert wird, während das Potenzial für das „große C“ (Kreativität auf einer großen Skala) später in ihrer Entwicklung durch die Zusammenarbeit von Eltern und Fachkräfte gefördert und verbessert werden kann.  Es liegt hinreichende Forschungsevidenz dafür vor, wonach Kreativität bei jedem Kind gestärkt werden kann, wenn angemessene pädagogische und didaktische Bedingungen gegeben sind. Dies trifft auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen zu. Gezielte Maßnahmen können die Kreativität des Kindes verbessern. Schließlich beschäftigt sich die Forschung mit der Frage, welchen Einfluss Kreativität mittel- und langfristig auf den schulischen Erfolg hat. Generell ist Kreativität ein guter Prädiktor für zukünftige schulische Leistungen. Einschränkend muss erwähnt werden, dass die ermittelten Zusammenhänge korrelativer Natur sind, die eine kausale Beziehung zwischen Kreativität und Schulerfolg nicht begründen.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass die Untersuchung von Kreativität in der pädagogischen und psychologischen Forschung inzwischen fest etabliert ist. Auch in der Bildungspolitik wird deren Bedeutung anerkannt. Diesbezügliche Diskussionen und Maßnahmen sind jedoch widersprüchlich: Einerseits wird Kreativität als eine wichtige Kompetenz in den Bildungsplänen verankert, andererseits leitet die Politik Maßnahmen zur Standardisierung von Lernsituationen und deren Evaluation ein, was Kreativität hemmt.

Prentice fand, dass für die Entfaltung von Kreativität bei kleinen Kindern die Unterstützung durch kreative Erwachsene entscheidend ist. Schäfer stellte in seiner Studie fest, dass Kinder, die zur Kreativität neigen, mit hoher Wahrscheinlichkeit imaginäre Begleiter in der Kindheit erlebt haben. Kinder müssen sich frei und sicher fühlen, um ihr kreatives Potenzial entfalten zu können. Fachkräfte sollten Lernumgebungen für den kindlichen Lernprozess wählen, die kreativen Erfolg begünstigen. Lernsituationen im Gruppenraum sollen den Forschergeist der Kinder stärken, die Kinder ermutigen, Risiken einzugehen, Mehrdeutigkeit zu tolerieren, mehrere Lösungen für Probleme zu generieren und dabei die Methode der Ko-Konstruktion anwenden, um Aufgaben zu lösen. Cheung fand in einer Studie, in der die Auswirkung kreativer Bewegungen während der täglichen Sportaktivitäten auf die Gesamtkreativität der Kinder untersuchte, heraus, dass kreative Bewegungen allein nicht ausreichen, um Kreativität zu stärken. Ohne die kreative Anleitung der Fachkraft verfallen die Kinder in die Nachahmung. Daher wird die kreative Fachkraft zu einer entscheidenden Komponente in der Stärkung von Kreativität in der frühen Kindheit. Kreative Fachkräfte handeln oft improvisorisch, aber absichtsvoll. Sie sind selbst neugierig, aufgeschlossen für Neues, entwickeln einen spielerischen Sinn und einen Sinn für Humor, verfolgen ihre Interessen mit Leidenschaft, sind intrinsisch motiviert und kulturell aufgeschlossen. Lau hat drei Vorschläge unterbreitet, wie Fachkräfte die Kreativität von Kindern stärken können: Raum für Spiel schaffen, Zeit und Lernumgebungen mit vielen Ressourcen zur Verfügung stellen und das musikalische Spiel der Kinder unterstützen. Sternberg weist darauf hin, dass Fachkräfte die kindliche Kreativität dadurch stärken können, indem sie lernen, die Beziehung zwischen Kultur und Kreativität angemessen interpretieren können.

Neben der Fachkraft spielt die Kultur der Einrichtung auf die zukünftige Kreativität der Kinder eine wichtige Rolle, indem sie Fragen und Risikobereitschaft, kreative Einschätzungen, Neugier und Offenheit, Zusammenarbeit und Teamwork sowie Aktivitäten fördert, die das kreative Potenzial der Kinder hervorheben, wie beispielsweise Geschichtenerzählen und soziodramatisches Spiel. Die kreative Fachkraft ist entscheidend für die Entwicklung der kindlichen Kreativität. Fachkräfte müssen Multikulturalität, das Geschlecht und die Geschlechtsidentität, sowie die psychologische, kognitive und physische Entwicklung des Kindes verstehen, um die unglaubliche Variabilität und Fähigkeit innerhalb jeder Gruppe erkennen zu können. Weitere Strategien zur Stärkung von Kreativität konzentrieren sich auf die Familie und auf Lernorte außerhalb. Um die Kreativität in der Familie zu stärken ist eine Umgebung notwendig, die einen egalitären und gleichberechtigten Austausch von Ideen und Verhaltensweisen begünstigt. Obwohl es manche Kinder in restriktiven Umgebungen lernen kreativ zu sein, lernen die meisten Kinder am besten mit Unterstützung und Anleitung engagierter Eltern und Fachkräfte.

Lernaktivitäten im Kindergarten bieten zahlreiche Möglichkeiten, um Kreativität zu stärken. Eine gute Grundlage dafür bietet der Bildungsplan. So unterscheidet beispielsweise der schwedische Bildungsplan nicht zwischen Spiel und Lernen, um die Kreativität im Kindergartenalter zu stärken. Kreativität ist Bestandteil aller Lernaktivitäten und wird mit positiven Emotionen verbunden. Spielen und Lernen stellen eine Einheit dar, die mehr Kreativität ermöglicht. Die Fachkraft sollte die Kinder herausfordern, ihre eigenen (kreativen) Gedanken zu äußern und anderen mitzuteilen, diese in einen Diskurs einbeziehen. Fachkräfte haben die Kinder darauf vorzubereiten, dass der Erfolg im kreativen Bereich oft lang andauern kann und sie ermutigen durchzuhalten. Auch sollten Fachkräfte Kindern helfen, Hindernisse zu überwinden, ihnen die Möglichkeit geben, Fehler zu machen, um daraus zu lernen bzw. Strategien zur künftigen Vermeidung zu entwickeln. Kinder sollten die Möglichkeit erhalten, selbst Projekte zu definieren und sich für deren Durchführung einzusetzen. Unzählige Möglichkeiten bieten tägliche Interaktionen im Kindergarten, um Kreativität zu stärken. Diese zu erkennen und systematisch zu nutzen, ist die Aufgabe für jede Fachkraft, die kindliche Kreativität stärken möchte.

Quellenangabe:
Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2021, S. 4-5, www.meine-kita.de


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