Gastbeitrag

Bye-Bye, Bildungsstandort?

Das Ende dieses Semesters ist nicht das Ende der Probleme, im Gegenteil! Juliane Ziegler, RefRat Humboldt-Universität zu Berlin, über doppelten Prüfungsstress, eingeschränkte Studienangebote, Geldsorgen, Datenschutzprobleme und andere Zumutungen für Studierende.

24.07.2020 Bundesweit Artikel DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft
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Als Mitte März die Ausgangsbeschränkungen in Kraft und die Hochschulen in den Notbetrieb eintraten, hieß es von allen Seiten Studierenden dürften keine Nachteile entstehen. Weder wegen der Prüfungen, die nun verschoben werden müssten, noch in einem möglicherweise digital stattfindenden Semester.

Wir hatten damals die Hoffnung, dass Politik und Hochschulen diese Ansagen ernst meinten. Ich habe wenige Tage später schon einen ersten Katalog mit allgemeinen Maßnahmen und Regelungen, die unseres Erachtens damals ergriffen werden sollten, veröffentlicht und an die Universitätsleitung, die wissenschaftspolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Parteien und die Senatskanzlei geschickt. Es ging in erster Linie darum, die negativen Auswirkungen auf laufende Prüfungen, auslaufende Studiengänge und Studienordnungen, den Nachweis von Leistungen für Masterbewerbungen, BAföG, Aufenthaltsgenehmigungen etc. zu verhindern und die Studienfinanzierung sicherzustellen. Dass der Nothilfefonds des Studierendenwerkes nicht ausreichen würde, wenn zwei Drittel der Studierenden ihr Studium mittels Jobs finanzieren und ein Großteil dieser Jobs durch die Eindämmungsverordnungen zwangsläufig wegfallen würde, war absehbar und bestätigte sich Anfang April, als nach wenigen Tagen und trotz Aufstockung eben jener Fonds ausgeschöpft war.

Juliane Ziegler ist Referentin für Lehre und Studium im „Referent_innenRat" (RefRat, entspricht dem ASta) der Humboldt-Universität zu Berlin und studentisches Mitglied deren Akademischen Senats. Sie studiert Geschichte und Kunstgeschichte.

Wir haben schon damals betont, dass es um die Grundsicherung vieler Studierender geht und mit Einmalzahlungen unterhalb des Existenzminimums niemandem geholfen wäre. Eine Verwendung der nichtabgerufenen BAföG-Mittel für Zuschüsse über die Dauer der Krise und eine Öffnung von Hartz IV für alle Studierenden unabhängig von Aufenthaltsstatus oder Staatsangehörigkeit wären nach wie vor die geeigneten Maßnahmen zur Grundsicherung Studierender. Finanziell bedingte Studienabbrüche wären so verhinderbar.

Die begründeten Anliegen von Studierendenvertretungen zum Umgang mit der Krise wurden angehört, aber nicht ernst genommen. Man will sich offenbar nicht einmal die Mühe machen darüber nachzudenken, inwiefern man sie umsetzen könnte. Das führte dazu dass 30 Prozent der Studierenden (41 Prozent der internationalen Studierenden und 44 Prozent der Studierenden mit Kindern) schon zu Beginn des Semesters einen Studienabbruch in Betracht ziehen mussten, wie wir in unserer Umfrage zur Studien-Situation während Corona ermittelt haben. Dass Frau Karliczek und das Bundesministerium für Bildung und Forschung der Meinung sind, man könne knapp vier Monate warten, um die Studierenden in finanzieller Not dann mit einem Kredit mit horrenden Zinssätzen oder einem Zuschuss in Taschengeldhöhe abzuspeisen, zeigt ein besonderes Maß an Ignoranz und Realitätsferne der Bildungspolitik.

Das Wegbrechen der materiellen Studienvoraussetzungen ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb derzeit viele Studierende über einen Studienabbruch nachdenken müssen. Im Laufe des digitalen Semesters haben sich eine ganze Reihe weiterer Probleme gezeigt. So hieß es zu Beginn des Semesters an der Humboldt-Universität in Berlin, man könne über 80 Prozent des regulären Studienangebots auch digital vorhalten. Jedoch wurde schnell deutlich, dass erstens niemand erklären konnte, wie diese Zahl zustande kam, und zweitens, dass das nicht hieß, dass auch alle Studierenden 80 Prozent der regulären Semesterinhalte studieren konnten, schon gar nicht zu den gleichen Bedingungen wie vorher. Eine zu geringe Anzahl an Kursen, der Wegfall von Praxisformaten, rechtswidrige Kapazitätsbeschränkungen und willkürliche Kurszulassungsverfahren führten dazu, dass nur knapp 46 Prozent der von uns befragten Studierenden angaben, 75-100 Prozent des regulären Pensums studieren zu können. Hier sind also Verzögerungen des Studiums vorprogrammiert, die man sich wiederum erstmal leisten können muss.

Das Ende dieses Semesters ist jedoch nicht das Ende der Probleme, im Gegenteil. Dass Bibliotheken und Lernorte seit kurzem wieder eingeschränkt geöffnet sind, heißt auch, dass viele Studierende erst seit kurzem wieder in der Lage sind richtig zu lernen und sich auf Prüfungen vorzubereiten. Allerdings stehen bei vielen nicht nur die Prüfungen des Sommersemesters, sondern auch die verschobenen des Wintersemesters an. Eine Doppelbelastung, die in Präsenz, trotz der Ansage, dieses sei ein digitales Semester, zu einem abenteuerlichen Ritt durch ein „kreatives Experimentiersemester“ wird. Nie dagewesene Hygienebestimmungen und Infektionsrisiken, oder neuartige Onlineformate, teilweise ohne Beachtung von Privatsphäre, Datenschutz und prüfungsrechtlichen Vorgaben, erscheinen da als ganz besondere Spezialeffekte. Dass viele Studierende wegen der Pandemie oder aus finanziellen Gründen zu ihren Eltern zurück (ins Ausland) ziehen mussten, aus psychischen Gründen oder wegen fehlender Kinderbetreuung und Homeschooling keine Kapazitäten und Voraussetzungen zum Lernen haben: geschenkt. Ob die Gleichbehandlung der Studierenden hier sichergestellt werden kann, ist mindestens fragwürdig.

Als Studierendenvertretung sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Interessen der Studierenden zu vertreten und dafür zu sorgen, dass diese gewahrt werden. Das gestaltet sich aber schwierig, wenn aus Gesprächen mit Hochschulleitungen und Politik nichts folgt und unsere Anliegen nicht ernstgenommen werden. Die Corona-Krise trifft ausländische und Studierende mit Kindern am härtesten. Welche Auswirkungen die finanziell- und belastungsbedingten Abbrüche in den kommenden Semestern auf die Lehrkräftebildung, die Hochschulfinanzierung und letzten Endes auf den Bildungsstandort Deutschland haben werden, bleibt abzuwarten. Will man jedoch verhindern, dass ein Hochschulstudium in Deutschland wieder den weißen, deutschen, kinderlosen, reichen Studierenden vorbehalten bleibt, sollte man anfangen, vernünftige Bildungspolitik zu machen.

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