Masterstudienplätze

Gute Aussichten im hohen Norden

(Deutsche Universitätszeitung) Die Universität Hamburg hat zusätzliche Mittel für Masterstudienplätze erhalten. Sie konnte die Politiker der Hansestadt mit Zahlen überzeugen. Aber auch die Zulassung zum grundständigen Studium ist in der Hansestadt so strikt geregelt wie in keinem anderen Bundesland.

21.04.2011 Artikel
  • © UHH/Dichant

(von Frank van Bebber) Manchmal muss es erst ganz schlimm kommen, bevor es etwas besser wird. Diese Erfahrung hat Prof. Dr. Holger Fischer gemacht. Er kümmert sich seit fast acht Jahren als Vizepräsident für Lehre an der Universität Hamburg um Abschlüsse und Studienplätze. Als die Universität der Hansestadt die Abschlüsse Bachelor und Master einführte, tüftelten der Geisteswissenschaftler und seine Kollegen an Kapazitätsvorgaben und Studienverläufen. Das Ergebnis war für die Professoren erschütternd: Nach der Kalkulation zeichnete sich nur für wenige Studenten die Chance ab, über den Bachelor hinaus an der Universität zu bleiben.

"Es wurde klar, dass nur ein Bruchteil der Bachelorabsolventen einen Platz bekommen sollte", erinnert sich Fischer. Eine Übergangsquote von mageren 30 bis 35 Prozent stand im Raum. Der vom Staat geforderte Pflichtbetrieb für eine hohe Zahl von Studienanfängern bis zum Bachelorabschluss fraß das meiste Geld. Für den Master und damit die wissenschaftliche Kür im Studium blieb viel zu wenig übrig. Den Studierenden drohte ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf um die wenigen Masterplätze. Dieses Szenario war so drastisch, dass es auch die Politiker der Hansestadt alarmierte – obwohl deren Interesse nach wie vor überwiegend den Bacheloranfängerplätzen gilt. Denn Wissenschaftsminister werden derzeit daran gemessen, wie sie die doppelten Abiturjahrgänge von der Straße holen. Quer durch die Republik investieren Politiker darum am liebsten in große Erstsemester-Vorlesungen, nicht in kleine Seminare für fortgeschrittene Nachwuchstalente.

Dennoch kann Fischer heute von einer im Vergleich zu anderen Ländern vergleichsweise komfortablen Lage sprechen. In den Verhandlungen mit der Politik konnte die Universität Hamburg vor drei Jahren zusätzliche Mittel für Masterstudienplätze aus dem Haushalt für sich gewinnen. Fischer bilanziert: "Für 80 Prozent der Bachelorabsolventen gibt es Platz in einem Masterstudium." Wobei die Universität davon ausgeht, dass nur sieben von zehn Erstsemestern das Bachelorstudium abschließen. Die Quoten sind von Fach zu Fach verschieden: In Geistes¬, Wirtschafts¬ und Sozialwissenschaften wird Fischer zufolge mit 60 Prozent kalkuliert, in den Naturwissenschaften mit 80 Prozent, bei den Lehrern mit 95 Prozent. Sie liegen damit aber insgesamt deutlich höher als jene 50 Prozent, die von der deutschen Wissenschaftspolitik zu Beginn der Studienreform genannt wurden.

Dabei hatte sich die Hamburger Hochschulpolitik zuvor nicht anders verhalten als andere Länderregierungen. Das hat Viola Herrmann vom Institut für Hochschulforschung (HoF) in einer 2008 veröffentlichten Studie herausgefunden: Offiziell verwies die Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung gern auf die Hochschulautonomie. "Andererseits gibt es Dokumente, die den Einfluss der Behörde verdeutlichen", berichtete Herrmann. So ging ein Gutachten zur Strukturreform der Hamburger Hochschulen 2003 eben von einer 50¬Prozent¬Übergangsquote aus, in den Wirtschafts¬ und Sozialwissenschaften sogar nur von 30 bis 40 Prozent – Schreckenszahlen, die am Ende die besten Argumente für eine Nachbesserung waren.

Der Bachelor als Regelabschluss – von dieser Annahme hat sich Hamburg de facto verabschiedet. Die Wissenschaftsbehörde ist überzeugt, die Auswahl an Plätzen decke den Bedarf. Im vergangenen Jahr hätten 3384 Masterplätze zur Verfügung gestanden, sagt Behördensprecher Timo Friedrichs. "Damit erfüllen wir die erwartbare Nachfrage." Im vergangenen Jahr hat es erst 1951 Bachelorabsolventen gegeben. Die großen Bachelorjahrgänge sind an der Universität Hamburg jedoch noch nicht bis zum Abschluss gelangt. Entsprechend unterschiedlich ist die Auslastung der einzelnen Studiengänge. Bewerber drängen derzeit vor allem in Betriebswirtschaft, Biologie oder Psychologie.

Hohe Hürden zu Studienbeginn

Der Ansturm an den Hochschulen in Hamburg dürfte sich noch aus einem weiteren Grund in Grenzen halten: Bereits bei der Zulassung zum grundständigen Studium hält die Stadt an der Elbe den Zugang so eng wie kein anderes Bundesland: Für 83 Prozent der Anfänger¬Studiengänge in der Hansestadt besteht eine Zulassungsbeschränkung, im Bundesschnitt ist dies gerade bei der Hälfte der Studiengänge der Fall. Für den Präsidenten der Technischen Universität Hamburg¬Harburg, Prof. Dr. Edwin Kreuzer, haben diese Hürden am Anfang ihren Sinn: "Wir können nicht ins Blaue hinein alle Personalressourcen in den Bachelor stecken und am Ende fehlen dann die Professoren für den Master", sagt er. Kreuzer sieht für seine Ingenieurschmiede den Durchmarsch zum Master ohnehin als Selbstverständlichkeit. "Wir haben immer gesagt, dass wir davon ausgehen, dass vier Fünftel der Bachelorstudenten in den Master übergehen, um das Äquivalent zum Diplom zu erreichen", sagt Kreuzer. Behinderungen durch die Politik oder eine Quotenregelung gebe es nicht. "Wir mussten der Behörde schon erklären, warum wir das so wollen. Aber wir konnten mit Argumenten überzeugen."

Ein Test zum Schutz der Bewerber

Trotz solcher Aussagen spürt Uni¬Vizepräsident Fischer weiter die Angst der Bachelorstudierenden, keinen Masterplatz zu erhalten. Die Fachschaft Informatik an der Hamburger Universität warnt: "Wir haben zu wenig Masterplätze." Und im vergangenen Dezember machte die Geschichte der BWL¬Studentin Tina Streiff die Runde. Trotz eines Bachelorabschlusses mit der Note 1,6 bekam sie keinen Masterplatz. Vize Fischer hält diese Geschichte allerdings vor allem für ein Missverständnis, bei dem die Universität zu Unrecht schlecht wegkommt. Die Studentin hatte nämlich nicht an einem Test teilgenommen, den die Universität für alle BWL¬Masterbewerber eingeführt hatte. Das brachte ihr den entscheidenden Malus.

Der Test aber habe gerade die eigenen Bewerber schützen sollen, sagt Fischer. Und zwar gleichermaßen gegen Bewerber der eigenen Universität wie gegen Bewerber von auswärts. Geben andere Hochschulen nämlich eher bessere Noten, sind die eigenen Kandidaten schnell chancenlos. "Wir wollen nicht in diese Falle tappen", begründet Fischer das neue Zulassungsinstrument. In Großstädten wie Hamburg müssen die Studenten solche Konkurrenz von außen besonders fürchten. Behördensprecher Friedrichs sagt: "Hamburg ist ein klassisches Nehmerland." Sowohl bei den Studienanfängern im ersten Semester als auch bei den Masterplätzen gebe es viele externe Bewerber. Für die Behörde wie für die Universität sei zwar klar, dass sich interne und auswärtige Bewerber einer gemeinsamen Auswahl stellen müssen. "Eine Landeskinderregelung darf es nicht geben", sagt Friedrichs. Die Studierendenvertreter der Fachschaft Informatik fordern dennoch: "Wir wollen genug Plätze für alle, insbesondere für interne Bachelorabsolventen."

Mehr Geld für den Master

Die bei der Bürgerschaftswahl im Februar erfolgreiche SPD klagte in ihrem Wahlprogramm: "Das Missverhältnis zwischen der Zahl der Bachelorabsolventen und der Zahl der Masterstudienplätze hat zur Folge, dass das Potenzial vieler junger Menschen brach liegt." Deshalb sei es Ziel eines SPD¬geführten Senats, "dass allen Bachelorabsolventen ein Masterstudiengang offen steht". Das allerdings wird kosten. Als die Fraktion der Linkspartei vor zwei Jahren vergeblich 1000 neue Masterplätze für die Universität Hamburg beantragte, damit jeder Bachelorabsolvent einen Masterplatz bekommt, bezifferte sie den Finanzbedarf dafür auf nicht weniger als 17,3 Millionen Euro im Jahr. Zum Vergleich: Der Gesamtetat der Uni aus Landesmitteln beträgt 200 Millionen Euro. Auch Uni¬Vizepräsident Fischer könnte sich durchaus mit einem Platzangebot anfreunden, das eine Übergangsquote von 100 Prozent möglich machte. Allerdings schätzt er die Chancen darauf nüchtern ein: Möglich sei dies nur mit mehr Geld oder einem Abbau von Anfängerplätzen – "und beides ist nicht sehr realistisch".

Frank van Bebber ist Journalist in Frankfurt / Main.

Hintergrundinformation

Ein neues Gesetz für Hamburg

  • Das Kapazitätsrecht machte den Hochschulen bislang oft einen Strich durch die Rechnung. Mehr Professoren einzustellen – das hieß nicht bessere Lehre, sondern mehr Studienplätze. In der Hamburger Wissenschaftsbehörde ist darum jüngst der Entwurf für ein neues Ausbildungskapazitätsgesetz entstanden. Nach diesem Modell sollen sich Behörde und Universität über die Zahl der Studienanfängerplätze in Bachelor¬ und Masterstudiengängen einigen sowie über eine Bandbreite, in der sich die Lehrleistung je Student bewegen muss. Anschließend verteilt die Universität diese Lehrleistung und Plätze autonom auf ihre einzelnen Studiengänge.

  • Möglich macht die neue Regelung eine Änderung des ZVS¬Staatsvertrages aus dem Jahr 2008. Mit den Hochschulen wurde bereits über das neue Gesetz beraten. Der Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg, Prof. Dr. Edwin Kreuzer, würde die neue Regelung begrüßen: "Das wäre ein großer Schritt nach vorne zu einer gerichtfesten neuen Regelung. Wir wollen die Qualität verbessern und nicht die Kapazität vergrößern."

  • Der Entwuf des Kapazitätsgesetzes sieht erstmals auch die Pflicht vor, die Bürgerschaft über die Zahlen zu informieren – bislang war das Hamburger Parlament bei diesen Fragen außen vor. Betroffen wären alle Fächer außer jenen, für die es einen bundesweiten Numerus clausus gibt.

  • Einen Haken hat der auch vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gelobte Entwurf allerdings: Er passierte den Senat zwar knapp vor der Bürgerschaftswahl, den Sprung ins Parlament schaffte er dann aber nicht mehr. Damit ist erst einmal offen, ob die neue Regierung das Vorhaben wieder aufgreift. (fvb )

Der Artikel erschien im duz MAGAZIN 05/11 vom 21.04.2011

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