Kinder sind nicht blöd
(bt) Jede zweite Erzieherin gibt zu, unzureichend ausgebildet zu sein. Das soll sich künftig ändern: Seit diesem Jahr gibt es unterschiedliche Hochschulangebote, die Pädagogen besser qualifizieren und den Beruf aufwerten. Zwei davon sind in Berlin und Bremen eingerichtet worden.
13.08.2004 ArtikelHilde von Balluseck will endlich mit der "dümmlichen Arroganz der Erwachsenen aufräumen, die meinen, Kinder seien blöd". Nicht nur die PISA-Studie habe bewiesen, dass Kinder gerade in den ersten zehn Lebensjahren enorm leicht und schnell lernen. Damit dieses Potenzial nicht leichtfertig verschenkt wird, entstehen zur besseren Quali¬fikation immer mehr Studiengänge für Erzieher oder auch für Abiturienten. "Warum ist der Himmel blau?" - "Warum fällt ein Flugzeug nicht runter, wenn es doch die Schwerkraft gibt?" - Kinderfragen, die beweisen, wie reflektiert Kinder mit ihrer Umwelt umgehen, Fragen, auf die auch viele Erwachsene keine Antworten wissen. Deshalb hat die promovierte Pädagogin Balluseck für die Studierenden ihres neuen, staatlich finanzierten Bachelor-Studiengangs "Erziehung und Bildung im Kindesalter" an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin (ASFH) u. a. Exkurse mit Professoren aus Chemie, Physik oder Neurobiologie vorgesehen. Sie will keine kindliche Eliteförderung betreiben, hält die kindliche Elementarbildung aber für unerlässlich: "In Deutschland werden so wenig Kinder geboren, da können wir uns keine Ausfälle mehr erlauben."
Frühkindliches Lernen studieren
Der kostenpflichtige weiterbildende Studiengang "Frühkindliche Bildung" an der Universität Bremen und die ASFH in Berlin konzentrieren sich letztlich auf ähnliche Themenbereiche: Die Studierenden sollen sich vertieftes Wissen über frühkindliche Lernprozesse aneignen und Konzepte erlernen, wie man diese unterstützen kann. Sie erhalten einen Überblick darüber, wie sie positiven interkulturellen Umgang vermitteln können und wie sich Mädchen und Jungen sozial und psychologisch unterscheiden. In Schwerpunktbereichen bzw. -modulen befassen sie sich dann genauer mit Themenkomplexen wie Natur und Technik oder Sprache und Kommunikation.
Unterschiedlich sind dagegen Zweck und Abschluss der beiden Angebote: Der Berliner Bachelor-Studiengang "Erziehung und Bildung im Kindesalter" besteht seit April 2004. Er richtet sich an Erzieher mit mindestens vierjähriger Berufserfahrung oder an Abiturienten. Letztere müssen aber ab Sommersemester 2005 bei ihrer Bewerbung auch eine dreimonatige Praxiserfahrung in Kindergarten, Heim oder Hort vorweisen können. "Sie sollen bereits vor dem Studium mit Kindern gearbeitet haben", fordert Balluseck. Während des Studiums müssen nochmals jeweils zwei dreimonatige Praxisphasen absolviert werden. "In dieser Zeit können die Studierenden dann schon die Theorie praktisch umsetzen", erklärt die Pädagogin. Momentan sind 37 junge Menschen eingeschrieben. Balluseck freut sich, dass ihr kürzlich eine staatliche Anerkennung für den Studiengang zugesagt wurde. Wenn alles gut läuft, dürfen sich die Absolventen in ein paar Jahren "staatlich geprüfter Erzieher (B.A.)" nennen.
Bremen arbeitet berufsbegleitend
Während in Berlin vor allem die Qualifikation künftiger Pädagogen verbessert wird, legt die Mathematikerin Dr. Petra Boxler vom Zentrum für Weiterbildung an der Universität Bremen besonderen Wert auf eine höhere Qualifikation bereits ausgebildeter Erzieher. Die Universität reagiert damit darauf, dass sich viele Erzieherinnen überfordert fühlen. Nach einer im Frühjahr 2004 erstellten Studie, in Auftrag gegeben von der baden-württembergischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), fühlt sich jede zweite Erzieherin unzureichend ausgebildet. Im August 2004 wird Boxler beginnen, mit den ersten Pädagogen problemorientiert zu arbeiten: "Sie sollen praxisfähige Konzepte für den Kindergarten als Bildungsstätte mit nach Hause nehmen, die sie sofort umsetzen können", wünscht sich die Mathematikerin. Dennoch hat sie den Anspruch, Hochschulniveau zu bieten. Das Studium ist berufsbegleitend angelegt und besteht aus jeweils fünf Präsenzwochen, die sich auf zwei Jahre verteilen. Mit dem Zertifikat besitzen die Bremer Absolventen gleichzeitig die fachgebundene Hochschulreife und dürfen somit in Bremen Diplom-Erziehungswissenschaften studieren.
Nicht länger das Schlusslicht in Europa
Ist dieser Aufwand für höher qualifizierte Erzieher gerechtfertigt? Kirsten Hanschen, Fortbildungsreferentin des "Landesverbandes evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder der bremischen Evangelischen Kirche" und am Aufbau des weiterbildenden Studiums in Bremen beteiligt, betont, dass die erzieherische Ausbildung in Deutschland und Österreich das Schlusslicht in Europa darstellt. In allen anderen europäischen Ländern seien Erzieher bereits Akademiker. In Bozen (Italien) etwa absolvieren Grundschullehrer und Erzieher dasselbe Grundstudium. Dies erleichtere den Kindern den Übergang in die Grundschule. Balluseck verweist auf die Ergebnisse der PISA-Studie und fordert, "Kindertagesstätten sollen keine Aufbewahrungsorte sein, sondern Bildungseinrichtungen. Kinder sind von Geburt an wissbegierig. Man muss ihnen das Wissen nur so vermitteln, dass sie es begreifen können."
Führungskompetenzen vermitteln
Die Leiterinnen beider Studiengänge streben eine Aufwertung des typischen Frauenberufs "Erzieher" an. Außerdem müsse der kommunikative Umgang mit den Eltern besser trainiert werden: Bei der Vorbereitung des Kindes auf die Schule müssen Eltern und Pädagogen zusammenarbeiten, wenn Bemühungen nicht ins Leere laufen sollen. Ein weiteres Ziel der Studiengänge besteht darin, den Studierenden Kompetenzen für die Leitung einer Einrichtung zu vermitteln: "Angesichts der heutigen Finanzlage des Staates müssen Kindertagesstätten wie Unternehmen geführt werden", meint Balluseck.
Abitur wird Voraussetzung
Mit der Optimierung der Erzieherausbildung geht allerdings einher, dass Absolventen mit Mittlerer Reife ein weiterer Berufszweig verwehrt wird. In Berlin werden bereits ab 2006 geänderte Zugangsvoraussetzungen für die Fachschulen wirksam: Dann sind nur noch Abiturienten zur Erzieherausbildung zugelassen. Balluseck findet das falsch. Nicht nur deshalb, weil die Fachschule damit in direkter Konkurrenz zum neuen Bachelor-Studiengang der ASFH steht. Der Berliner Pädagogin geht es vor allem darum, motivierte junge Menschen nicht wegen des fehlenden Abschlusses auszuschließen. Ihr Traum ist eine zweigliedrige Ausbildung: Junge Erzieher mit Realschulabschluss könnten in Kindertagesstätten als Assistenten fungieren, während studierte Erzieher die Einrichtung leiten. "Das wäre eine Zwei-Klassen-Pädagogik", hält Hanschen dagegen. Sie favorisiert einen Mix aus Gruppenleiter und Facherzieher: "Jeder Erzieher ist für einen Schwerpunkt, etwa Natur und Technik oder Sprache und Kommunikation, zuständig." Auf diese Weise wäre gewährleistet, dass die Kinder zu jedem Thema einen kompetenten Ansprechpartner haben.
Ansprechpartnerin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Alice Salomon Fachhochschule Berlin
Alice-Salomon-Platz 5
12627 Berlin-Hellersdorf
Telefon: 0 30-9 92 45-4 19
balluseck( at )asfh-berlin.de
Erstveröffentlichung Klett Themendienst
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