Kultusministerin Schavan: Medizinische Forschungsergebnisse münden in pädagogisches Handeln

In Anwesenheit der baden-württembergischen Ministerin für Kultus, Jugend und Sport, Dr. Annette Schavan, und der bayerischen Staatsministerin für Erziehung und Kultus, Monika Hohlmeier, wurde am Mittwoch, 28. April, in Ulm das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen eingeweiht.

28.04.2004 Baden-Württemberg Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Ziel der Einrichtung ist es, neueste Erkenntnisse der Hirnforschung unmittelbar in pädagogische Konzeptionen und Lernstrategien für jedes Lebensalter umzusetzen. Die Erkenntnisse dieser bundesweit einzigartigen Einrichtung sollen einer breiten Öffentlichkeit nutzbar gemacht werden. Das Transferzentrum ist an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm eingerichtet und wird geleitet von dem renommierten Hirnforscher Professor Manfred Spitzer, dem ärztlichen Leiter der Abteilung Psychiatrie III des Universitätsklinikums Ulm.

"Wie lernt unser Gehirn?" Das war eine der zentralen Fragen auf dem Bildungskongress, der genau vor zwei Jahren in Ulm wegweisende Signale für die Bildungsplanreform in Baden-Württemberg gegeben hat. Damals wurde erstmals die Vernetzung von Ergebnissen der Hirnforschung mit pädagogischen Konzeptionen in den Brennpunkt der Diskussion gestellt. Eine der Früchte, die der Bildungskongress getragen hat, ist die Einrichtung des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen, das heute in Ulm eingeweiht wurde.

"Das Thema Lernen hat heute einen Stellenwert, der weit über die Schule hinaus Interesse erregt und diskutiert wird", erklärte Kultusministerin Schavan. "Wir lernen täglich und das lebenslang. Bildung ist keine Besonderheit einer bestimmten Lebensphase, sondern ein lebenslanger Prozess. Die Schule wirkt in diesem Prozess wie ein Katalysator. Sie soll für die Kinder und Jugendlichen ein Fundament schaffen, auf dem lebenslanges Lernen beruht und das lebenslanges Lernen überhaupt ermöglicht." Schavan hob hervor, dass die Hirnforschung in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht habe. Die Erkenntnisse der Hirnforschung hätten das Verständnis des Lernens revolutioniert. "Deshalb brauchen wir ein Transferzentrum, das die Forschungsergebnisse bündelt und praktische Handlungsempfehlungen zur Verfügung stellt." Die Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pädagogik sei ein elementarer Reformschritt, der neue Perspektiven eröffne.

Wie muss altersgerecht gelernt werden? Wann wird wo und wie im Gehirn was gelernt? Welche Gefühle beeinflussen wie das Erinnerungs- und Erkenntnisvermögen? Wie beeinflusst die Vorbildung neue Lernprozesse? Welche Wirkungen haben emotionale Bindungen zwischen Lehrenden und Lernenden auf das Lernen? Wie können Lernprozesse wirkungsvoll und nachhaltig gestaltet werden? Das sind Leitfragen, an denen sich die Arbeit des Transferzentrums ausrichtet.

Im Transferzentrum sollen Forschung und Anwendung eng verzahnt sein. In einem 18-köpfigen Team werden verschiedene Berufsgruppen eng zusammen arbeiten: Mediziner, Physiker, Ingenieure, Psychologen und Pädagogen. Die Zusammenarbeit mit Lehrenden, Schulen und Betrieben sowie anderen Einrichtungen ist dabei fester Bestandteil der Arbeit. Die Forschungsergebnisse sollen nicht nur in die Unterrichtspraxis einfließen, sondern werden einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, unter anderem auch Eltern, Trägern der beruflichen Weiterbildung sowie Einrichtungen aus Wirtschaft und Hochschulwesen und den Kindertageseinrichtungen. Schavan betonte die Bedeutung der frühkindlichen Lebensphasen für das Lernen und den Spracherwerb. Aber auch das "späte" Lernen müsse stärker ins Blickfeld genommen werden, um auch den Älteren passgenaue Lernstrategien zur Verfügung zu stellen.

Der Leiter des Transferzentrums, Professor Manfred Spitzer, bekräftigte die Intentionen der neuen Einrichtung: "Die Ziele des Transferzentrums sind die Erforschung von Lernprozessen mit neurowissenschaftlichen Methoden, die Übertragung der Ergebnisse auf Lernumgebungen von Kindergarten über Schule bis hin zur beruflichen Aus- und Weiterbildung und die Weitergabe unserer Forschungsergebnisse an Multiplikatoren."

"Im neuen Transferzentrum werden Antworten auf Fragen gegeben, wie Lernen und Denken nach dem neuesten Stand der Wissenschaft wirklich funktionieren und wie man sie gerade in der Schule optimal fördern kann. Wir wollen die Professionalität der Lehrkräfte auf ihrem ureigensten Terrain, dem des Lehrens und Lernens, optimal fördern", erklärte die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier. Die Erkenntnisse und Ergebnisse aus dem Ulmer Transferzentrum seien von länderübergreifender Bedeutung. Bayern werde von Anfang als Partner in diesem ambitionierten Projekt mit dabei sein. Wichtig sei ein intensiver Kontakt zwischen dem Ulmer Transferzentrum und Institutionen wie dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München oder der Bayerischen Akademie für Personalführung und Lehrerfortbildung in Dillingen, die die Qualitätsentwicklung in den Schulen unterstützen. "Neue Erkenntnisse der Forscher müssen so schnell wie möglich bei unseren Schulen Eingang finden - nicht nur bei den Lehrern. Auch die Lernenden - egal ob Jugendlicher oder Erwachsener - müssen Bescheid wissen, wie nachhaltiges Lernen funktioniert, wie beispielsweise Emotionen und andere Begleitum-stände das Lernen positiv oder negativ beeinflussen", so Hohlmeier.

Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner zeigte sich erfreut darüber, dass das Transferzentrum in seiner Stadt eingerichtet wurde: "Dieses Institut ist ein weiterer Meilenstein der Wissenschaftsstadt Ulm und ergänzt in hervorragender Weise die Bildungsoffensive Ulm. Ich bin überzeugt, das Transferzentrum wird für die gesamte Region - und darüber hinaus - eine wichtige wissenschaftliche Anlaufstelle für alle im Bildungsbereich engagierten Einrichtungen werden, mit großem praktischem Nutzen für Erziehung, Bildung und Pädagogik", erklärte Gönner.

Die Landesstiftung Baden-Württemberg wird das Ulmer Transferzentrum in seiner gemeinnützigen Aufgabe in den nächsten fünf Jahren mit insgesamt 2,3 Millionen Euro fördern. Darin sind sowohl Investitions- als auch Personalkostenzuschüsse einbegriffen. (1,6 Millionen Euro Personalkosten, 200.000 Euro zur Erstausstattung und 500.000 Euro für Investitionen und Sachmittel/laufende Kosten). Der Freistaat Bayern beteiligt sich mit der Finanzierung von zwei Stellen, was einer jährlichen Förderung von rund 100.000 Euro entspricht. Die Stadt Ulm und die Sparkasse Ulm fördern das Projekt mit jeweils 60.000 Euro. Grundlage für die Errichtung des Transferzentrums war ein Beschluss der baden-württembergischen Landesregierung vom 16. Dezember 2003.


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