Interview

„Schon immer politisch“

Unser Wissen und unsere Art der Wissensproduktion zementieren Machtverhältnisse und fördern Rassismus. Die Sozialwissenschaftlerin Claudia Brunner zeigt auf, wie sich „epistemische Gewalt“ auswirkt. Von Rahel Weldemariam

28.05.2021 Bundesweit Artikel DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft
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Frau Brunner, wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen epistemischer Gewalt, struktureller Gewalt und Rassismus?
„Epistemisch“ klingt kompliziert, ist aber im Grunde einfach. Es leitet sich aus dem Griechischen von „epistéme“ ab, was so viel wie „Erkenntnis“ oder „Wissen“ bedeutet. Gewalt klingt erst mal einfach, ist aber eigentlich komplizierter als wir denken. Wir verstehen unter Gewalt meistens die direkte physische, oft auch nur die interpersonale Gewalt. Tatsächlich ist im deutschen Begriff der Gewalt aber beides angelegt: die Ordnungszerstörung (lateinisch: violentia), aber auch die Ordnungsbegründung (lateinisch: potentia), also die strukturelle Ausübung von Macht oder Herrschaft beispielsweise im Sinne der Gewaltenteilung. Wenn wir das nun zusammen denken, also die Ordnungsbegründung beziehungsweise Ordnungszerstörung im Kontext von Wissensproduktion, führt uns das unweigerlich auf Wissensbestände und auf die Frage, welche Rolle Wissen in dieser Begründung von Ordnung spielt. Epistemische Gewalt konstruiert demnach den Zusammenhang von Wissen, Herrschaft und Gewalt in der kolonialen Moderne unserer Gegenwart.

Dr. Claudia Brunner ist Politologin und Assoziierte Professorin am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung der Universität Klagenfurt. Im Rahmen ihres vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Else-Richter-Habilitationsprojekts forschte sie zu epistemischer Gewalt.

Inwieweit gibt es epistemische Gewalt auch in der Wissenschaft?
Unser akademisches Selbstverständnis vermittelt den Eindruck, dass unsere Wissenschaft, wie auch der Wissenschaftsbetrieb selbst, frei, vernunftbasiert, demokratisch, vielfältig und ausdifferenziert in zahlreiche Disziplinen, Forschungsfelder und Fragestellungen sei. Mit Blick auf „epistemische Gewalt“ ist es möglich aufzuzeigen, dass in diesen scheinbar freien und objektiven, vielfältigen und demokratischen Strukturen Funktionen und Handlungen auch Herrschaftsformen und -ansprüche, Machtverhältnisse und Gewaltausübungen stecken. Unsere Wissenschaftslandschaft ist durchzogen von epistemischer Gewalt, besonders wenn es darum geht, wessen und welches Wissen als legitim, anerkennungswürdig, objektiv und universal gültig definiert wird – und wozu welches Wissen gesellschaftlich und politisch dient.

Die Hochschulen, das Wissenschaftssystem als Ganzes, können also gar nicht für sich beanspruchen, für die Ideale der Aufklärung zu stehen?
Universitäten sind zwar Projekte „der Aufklärung“, aber alles andere als wertfreie, demokratische oder gar gewaltfreie gesellschaftliche Räume. Die Universität war immer auch jene Institution, die Herrschaftswissen bereitstellte; die den jeweiligen Herrschenden, Regierungen und dominanten politischen Interessen zuarbeitete. Das Wissenschaftssystem ist kein per se revolutionäres, sondern grundsätzlich eher ein konservativ-bewahrendes System, in dem gesellschaftlich privilegierte Gruppen schon immer überproportional vertreten waren und in dem kritischen, marginalisierten Stimmen Zugang und Mitsprache verwehrt wurde.

Welche Wirkung hat diese elitäre Prägung auf die Struktur unseres Wissenschaftssystems heute?
Das sehen wir zum Beispiel an der verhältnismäßig geringen Anzahl von Frauen, Kindern aus Arbeiterfamilien oder People of Color, ganz zu schweigen von Menschen, bei denen mehrere dieser sozialen Marker wirksam werden, in der Forschung und Hochschullandschaft. Hinzu kommt die oftmals fehlende Anerkennung bis hin zur wissenschaftlichen Diskreditierung von bestimmten Fachgebieten wie Gender Studies, Postkoloniale Theorie oder African American Studies (Black Studies), die sich mit strukturellen Ungleichverhältnissen in der Gesellschaft befassen. Diese Form struktureller, symbolischer oder auch epistemischer Gewalt hat also nicht nur Auswirkungen auf die Frage, wer Wissenschaft repräsentieren darf, sondern auch darauf, welcher Kanon und welche Theorien anerkannt werden. Warum lesen wir überwiegend nur „alte weiße Männer“ und nicht auch andere Autorinnen und Autoren, die es zwar ebenfalls immer gegeben hat, denen die wissenschaftliche Erkenntnisproduktionsfähigkeit aber über Jahrhunderte hinweg zum Teil bis heute systematisch abgesprochen wurde und wird?

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe von „DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft“.

Bedeutet das, der Objektivitätsanspruch der Wissenschaft gilt immer nur eingeschränkt?
Ja. Diese weitverbreitete Annahme, dass das universalisierte Wissen von einem neutralen Ort kommt und quasi über den gesellschaftlichen Verhältnissen und Bedingtheiten steht, bezeichnet die Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway als „Gottestrick“ und Santiago Castro-Gómez als die „Hybris des Nullpunktes“. Beide argumentieren, dass der Objektivitätsanspruch der Wissenschaft tatsächlich immer nur einer partikularen Subjektivität entspringt und abhängig von gesellschaftlicher und sozialer Position, Geschlecht, kulturellen, materiellen und vielen anderen Bedingungen ist. Diese Faktoren, in die wir eingebettet sind, werden von der Wissenschaft oft ausgespart, um eben diesen vermeintlich neutralen, objektiven, universalen und damit sehr machtvollen Standpunkt behaupten zu können – das zu erkennen und zu benennen, leistet ein wichtiger Teil der Forschung zu epistemischer Gewalt.

Die Forschung zu epistemischer Gewalt rüttelt grundlegend an unseren Strukturen und wird als wissenschaftliches Konzept oft abgelehnt. Woran liegt das?
Michel Foucault, der das Verhältnis von Wissen, Macht und Deutungshoheit erforschte, prägte den Begriff der „Episteme“ als sozialtheoretisches Konzept, das von der US-amerikanischen/indischen Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak aufgenommen wurde. Ausgehend von Foucault begann sie, dessen Analysen um Fragen von Norm(ativität) und Abweichung in den kolonialen Kontext des British Empire zu setzen. Sie versteht epistemische Gewalt als das eigentliche Potenzial, Menschen als das koloniale (nicht weiße) Andere, das „Fremde“, überhaupt konstruieren, vereindeutigen und als minderwertig verwerfen zu können – und damit Herrschaft zu sichern. Spivak prägte 1985 hierfür den Begriff des „Othering“, den die Kultursoziologin Julia Reuter 2011 dann ins Deutsche mit „VerAnderung“ übersetzt hat. Damit entsteht aus der wissenschaftstheoretischen eine politische und herrschaftskritische Betrachtungsweise, die das, was in der Wissenschaft geschieht, zusammen denkt mit dem, was politisch passiert, und zeigt: Wissenschaft ist immer schon politisch gewesen.

Ist die Anerkennung epistemischer Gewalt eine Voraussetzung, um strukturellen Rassismus abzubauen?
Davon bin ich fest überzeugt. Es geht darum, nicht immer nur die konstruierten oder auch real existierenden Andersheiten in den Blick zu nehmen, die ja der vermeintliche Gegenstand von Rassismus sind, sondern die dominanten Normen selbst zu hinterfragen, die bestimmte Unterschiede immer wieder markieren. Anders formuliert: die dominante Norm von Whiteness („Weißheit“), von Männlichkeit, von Bürgerlichkeit oder auch Heteronormativität und anderen vermeintlichen Universalismen zu überprüfen. Diese Formen der systematischen gruppenbezogenen Abwertung und/oder Ausschließung, die sich auch miteinander verschränken (Intersektionalität), wie etwa die Rassifizierung oder die Sexualisierung bestimmter Menschen entlang dieser Kategorien, reichen weit zurück. Sie waren vor 500 Jahren religiös und theologisch begründet, dann zunehmend naturalistisch und biologistisch und heute werden sie kulturalistisch legitimiert. Diese epistemischen Grundlagen von Diskriminierung und Herrschaft sind tief in unseren Gesellschaftsverhältnissen verankert.

Was bedeutet das in der Konsequenz für unser Bildungs- und Wissenschaftssystem?
Dass wir grundlegend etwas verändern müssen, an den Bildungsinstitutionen, an den Publikationskonventionen, an der Verteilung von Forschungsgeldern, an Personalpolitiken und an Forschungsagenden. Wir sollten nicht nur fragen, an wen wir Forschungsgelder vergeben, sondern auch für welche Forschungsprojekte. Und wir müssen mehr in kritische Bildung investieren – und zwar auf allen Ebenen. Es genügt nicht, sozusagen nur auf individueller Ebene seine Privilegien zu reflektieren und Gewaltlosigkeit zu üben. Vielmehr sollten wir die Frage von Gewaltverhältnissen als Herrschaftsverhältnissen viel struktureller und systemischer betrachten und angehen. Leider arbeitet das Hochschulsystem massiv mit Vereinzelungen, es beruht auf Individualismus und Abgrenzung, funktioniert nach wie vor nach einem gewissen „Geniekult“ und naturalisiert ein Konkurrenzsystem von vermeintlichen Individualkarrieren. Wissenschaft wird selten als kollektive Arbeit anerkannt oder auch ausgeübt, was – angesichts der notwendigen Transformation des Wissenschaftssystems, aber auch allgemein vor dem Hintergrund der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit – durchaus angemessen wäre.

Was halten Sie von der Forderung, Positionen in der Forschung mit Personen zu besetzen, die marginalisierten Gruppen angehören – wie etwa in den Postcolonial Studies oder Black Studies?
Das „Anderssein“ allein reicht nicht aus. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit der Erfahrung von VerAnderung andere Perspektiven einbringen, ist schon gegeben. Genauso wie ich als Frau anders gesellschaftlich eingebettet bin als als Mann oder als Arbeiterinnensohn anders als als Professorentochter. Als Person of Color mache ich bezüglich Rassismus andere Erfahrungen und habe zum Teil auch andere Wissenszugänge als weißfarbige Menschen. Menschen, die solche Erfahrungen und Auseinandersetzungen mitbringen, müssen Sichtbarkeit und Sprechpositionen erlangen. Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse sollten Eingang in das Wissenschaftssystem finden, wie etwa in den Diskussionen um die Einführung von Diversity Studies, Critical Race Studies oder Black Studies – aber bei Weitem nicht nur dort.

Die deutsche Philosophin Prof. Dr. Maria-Sibylla Lotter sieht in Konzepten zur epistemischen Gewalt eine mögliche Bedrohung für die Wissenschafts- und Redefreiheit. Ist diese Angst berechtigt?
Diese Position ist diskussionswürdig. Denn auch früher war es nicht so, dass alle Menschen frei im wissenschaftlichen Feld sprechen konnten oder gehört wurden. In einem Seminar der 1950er-Jahre, in dem keine Person of Color, so gut wie kein Arbeiterkind und nur sehr wenige Frauen anzutreffen waren, war es schlicht unmöglich, Redefreiheit oder einen offenen Diskursraum herzustellen, weil die meisten Menschen aus derselben bürgerlich und männlich geprägten weißen Mittelschicht stammten. Dass das Freiheitsargument jetzt auf eine so paradoxe Art verdreht wird, weist darauf hin, was die Theoretikerinnen epistemischer Gewalt ohnehin sagen, nämlich dass unsere Wissensbestände und -organisationen nicht per se neutral, gerecht und demokratisch sind, sondern notwendigerweise bestehende Herrschaftsverhältnisse widerspiegeln. Und wenn diese herausgefordert werden, gibt es natürlich auch Gegenwehr und Abwehrreflexe. Das ist eine logische Folge der Diversifizierung, Öffnung und Demokratisierung von Wissenschaft.

Sie haben die enge Verwobenheit unseres Wissenschaftssystems mit dem Kolonialismus angedeutet. Was können Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gegen die eingeschriebene koloniale Gewalt tun? Und sind alle Fächer gleichermaßen davon betroffen?
Alle Fächer und Disziplinen sind grundsätzlich von unserer kolonialen Vergangenheit beeinflusst und agieren in der Gegenwart einer anhaltenden Kolonialität. Man muss im Grunde jede Disziplin daraufhin untersuchen, welche Rolle sie in dieser Hinsicht wann, wo, wie und warum gespielt hat – oder es noch tut. Inzwischen gibt auf der ganzen Welt, und seit einigen Jahren auch im deutschsprachigen Raum, viele „Decolonizing“-Initiativen wie „Decolonizing the University“. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten intensiv daran, den Kanon zu dekolonialisieren und befassen sich intensiv damit, wie bestimmte klassische Denker der europäischen Moderne im kolonialen Kontext zu verorten sind. Aber nicht nur die Verortung einzelner prominenter Autoren und Autorinnen spielt hier eine Rolle, sondern auch das Nachdenken über unser Selbstverständnis von gesellschaftlich wirkmächtigen Begriffen, Konzepten, Theorien oder auch Methoden. „Decolonizing Methodologies“ untersucht etwa, wie in der Anthropologie, der Ethnologie oder der Soziologie Interview-Settings aufgebaut, wie Forschungsdesigns konzipiert sind und sich über die Organisation von Forschung Machtverhältnisse einschreiben und verfestigen.

Wissenschaft findet auch in nicht westlichen Ländern statt, trägt das nicht ausreichend zu einer vielfältigen Forschungslandschaft bei?
Natürlich findet Wissensproduktion an unterschiedlichsten Orten statt, aber das bedeutet noch nicht, dass sie genuin anders oder gar als gleichwertig anerkannt ist. Das globale kapitalistische Weltsystem hat sich, nicht zuletzt auch über die in ihm generierten Wissensbestände, durchgesetzt und universalisiert. Das hat zur Folge, dass eine American University in Kairo oder Neu-Delhi im Grunde nach denselben epistemischen und vor allem auch ökonomischen Prinzipien arbeitet wie in den USA, Berlin oder Moskau. Es herrscht, wie der Soziologe Boaventura de Sousa Santos es nennt, eine gewisse „epistemische Monokultur“ weltweit. Das zeigt sich auch in der globalisierten Publikationspraxis auf Englisch, wo nur als gültiges internationales Wissen anerkannt wird, was auf Englisch und in einem gewissen, an die Naturwissenschaften angelehnten Stil publiziert wird. Für die wissenschaftliche Praxis bedeutet das, dass die Gutachterinnen und Gutachter erwarten, dass der englischsprachige, euro-amerikanische (re)zitierbare Kanon wiedergegeben wird. Dadurch wird wiederum die Reproduktion von immer gleichem, dominanten, hegemonialen Wissen befördert. Marginalisierte alternative Wissensbestände, wie etwa indigenes oder radikal herrschaftskritisches Wissen, haben es so noch schwerer, Gehör zu finden oder gar als theorierelevant anerkannt zu werden.

Welche Chancen sehen Sie für die Wissenschaft und unsere Gesellschaft, wenn wir epistemische Gewalt anerkennen?
Unsere Wissenschafts- und Hochschullandschaft würde diverser werden – und zwar nicht, damit verschieden aussehende oder klingende Menschen das Gleiche machen, sondern damit die Pluralisierung von verschiedenen und vor allem kritischen Stimmen zu einer demokratisierenden Veränderung und intersektionalen Diversifizierung von Forschungsagenden und der Organisationsform der Universität selbst führt. Meine Hoffnung ist, dass das Herausfordern dominanter Wissensbestände mittelfristig dazu führt, mehr kritisches Wissen zu organisieren und umzusetzen, sodass die Gesellschaft insgesamt langfristig partizipativer und gerechter wird. Für alle und nicht nur für die bereits privilegierte Hochschulgesellschaft.

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