Zöllner / Ahnen: Curriculare Standards für Bildungswissenschaften klären erwartete pädagogische Qualifikation künftiger Lehrerinnen und Lehrer

Rheinland-Pfalz ist bundesweit das erste Land, in dem so genannte Curriculare Standards für die Lehrerbildung vorgelegt werden. Gemeint sind damit begründete und verbindliche Vorgaben für die Erstellung von Studienplänen der Hochschulen.

29.06.2004 Rheinland-Pfalz Pressemeldung Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur, Rheinland-Pfalz (bis 11/06)

In einer rund einjährigen Arbeitsphase hat eine zwölfköpfige Arbeitsgruppe unter Leitung des Bildungswissenschaftlers Professor Dr. Jürgen Oelkers (Uni Zürich) solche Curricularen Standards für den Ausbildungsbereich Bildungswissenschaften erarbeitet.

"Mit diesen Empfehlungen machen wir bei der Umsetzung der im vergangenen Jahr vom Ministerrat beschlossenen Reform der Lehrerbildung in Rheinland-Pfalz einen großen Schritt nach vorne", erklärte Wissenschaftsminister Professor Dr. E. Jürgen Zöllner. Der für die Lehrerausbildung zuständige Wissenschaftsminister und Bildungsministerin Doris Ahnen stellten heute bei einer Pressekonferenz in Mainz gemeinsam mit Oelkers die Leitlinien für das Fach Bildungswissenschaften sowie für das System Lehrerbildung insgesamt vor.

Mit der Reform der Lehrerbildung durch das neue "Duale Studien- und Ausbildungskonzept" soll die Ausbildung angehender Lehrerinnen und Lehrer bereits während des Studiums stärker als bislang an den späteren beruflichen Anforderungen in der Schule orientiert werden. "Dies wird erheblich zur Verbesserung der Qualität von Schule und Unterricht beitragen", ist sich Bildungsministerin Ahnen sicher.

Ein wesentlicher Bestandteil des Reformkonzepts sind dabei Curriculare Standards für die Lehrerbildung. Die nun in einem ersten großen Arbeitsabschnitt entwickelten Leitlinien für Bildungswissenschaften beschreiben, welche pädagogischen Qualifikationen im Einzelnen angehenden Lehrerinnen und Lehrern im Studium vermittelt werden müssen. "Bildungswissenschaften" ist dabei die Bezeichnung für ein Fachkonzept, in das verschiedene Disziplinen integriert sind, die sich mit Bildungs- und Erziehungsprozessen befassen. Dazu zählen beispielsweise die Fächer Pädagogik, Psychologie und Soziologie.

Über die fachbezogenen Qualifikationen von Lehrkräften hinaus sollen künftige Lehrerinnen und Lehrer mit dem an klar definierten Standards orientierten Studium der Bildungswissenschaften hinreichende und verlässliche Kompetenzen für den späteren Berufsalltag in Schule und Unterricht erwerben. Dabei sind inhaltliche, methodisch-didaktische und strukturelle Standards zu unterscheiden.

Leitziel der inhaltlichen Standards ist der Aufbau einer pädagogischen Urteils-, Entscheidungs- und Handlungskompetenz. Dazu tragen Studienmodule bei, die sich zum Beispiel mit differenzierter Unterrichtsmethodik, Diagnose und Förderung von Lernprozessen, Umgang mit sozialen und kulturellen Unterschieden in Schulklassen befassen und entsprechende Kompetenzen vermitteln. Dazu gehört auch eine gezielte Vorbereitung auf die zu erwartenden beruflichen Belastungen.

Durch die didaktisch-methodischen Standards soll gesichert werden, dass mit dem Studium eine deutliche Handlungskompetenz erworben wird, das heißt, dass Theoriewissen in schulpraktischen Situationen angewandt werden kann.

Die strukturellen Standards beschreiben, welche äußeren Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um eine qualitativ hochwertige Lehrerbildung zu ermöglichen. Dabei geht es um Gütekriterien der Institutionen, die mit der Lehrerbildung beauftragt sind und die regelmäßig extern evaluiert werden sollen.

"Mit der nun vorgelegten Empfehlung werden Leitbild, Inhalte und Studienmodule für das Lehramtsstudium formuliert. Es wird eindeutig beschrieben, welche Kompetenzen die angehenden Lehrerinnen und Lehrer in die Schulen mitbringen müssen", sagte Wissenschaftsminister Zöllner. Nicht die Zufälligkeit eines Lehrangebotes bestimme die Ausbildung, sondern die für einen guten Unterricht tatsächlich und von allen Lehrkräften zu erwartende Qualifikation. Auf diese Qualifikationen sollen sich Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Schulbehörden verlassen können, so der Minister.

Zöllner wies darauf hin, dass die Erwartung der Schulen von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung und Umsetzung der Reform der Lehrerbildung sei. Deshalb betreibe das Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur (MWWFK) dieses wichtige Projekt in enger Abstimmung mit dem Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend.

Bildungsministerin Doris Ahnen unterstrich die nahtlose Übereinstimmung beider Ministerien in Zielsetzung und Umsetzung der Reform. "Qualitätssicherung in der Schule braucht klar definierte Ziele, wie dies durch die von der Kultusministerkonferenz vorgelegten Bildungsstandards geschieht", sagte Ahnen. Bildungsstandards vergrößerten zugleich den pädagogischen Handlungsrahmen. Bei diesem Prozess müssten die Lehrkräfte durch eine verbesserte Aus-, Fort- und Weiterbildung, die vor allem auch die methodisch-didaktischen und diagnostischen Kompetenzen stärke, unterstützt werden. Dies leisteten die vorgelegten Standards für die Bildungswissenschaften, so Ahnen.

Zöllner und Ahnen dankten der Arbeitsgemeinschaft für deren Engagement. Die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller rheinland-pfälzischen Universitäten, Vertreterinnen und Vertretern der Studienseminare sowie der beiden Ministerien erarbeiteten Empfehlungen seien innovativ und zielführend.

"Wir sind schon stolz darauf, dass wir die Ersten sind, die einen umfassenden Standardvorschlag für die Lehrerausbildung im Bereich der Bildungswissenschaften vorlegen", sagte der Leiter der Expertenkommission, Professor Oelkers. "Unser Ziel ist es, angehende Lehrerinnen und Lehrer optimal auf die schulischen Herausforderungen vorzubereiten. Standards sind somit Qualifikationsmaßstäbe für die Absolventen, aber auch Qualitätskriterien für das Ausbildungssystem", so der an der Universität Zürich lehrende Bildungswissenschaftler.

Ahnen, Zöllner und Oelkers waren sich darin einig, dass Ausbildungssysteme nur dann erfolgreich weiterentwickelt werden können, wenn jeder wisse, was von der Ausbildung erwartet werde. Standards müssten deshalb klar definiert, auf den Lehrerberuf spezifiziert, erfüllbar und überprüfbar sein.

Professor Dr. Hermann Saterdag, der Regierungsbeauftragte für die Reform der Lehrerbildung, wies darauf hin, dass nach den Standards für Bildungswissenschaften nun eine intensive curriculare Arbeit in den Fachwissenschaften folge. "So, wie für die Bildungswissenschaften werden jetzt für alle Studien- bzw. Unterrichtsfächer im Zusammenwirken von Universitäten, Studienseminaren, Schulen und den beiden Ministerien weitere Entwürfe erarbeitet", erläuterte Saterdag.

Fünf Arbeitsgemeinschaften - für Deutsch, Englisch, Mathematik, Physik und grundschulrelevante Bereiche - würden im Herbst ihre Ergebnisse vorlegen. "Am heutigen Tage konstituieren sich 13 AGs, und noch vor den Sommerferien werden auch noch die weiteren neun AGs konstituiert sein, damit im Frühjahr 2005 für den gesamten Ausbildungsbereich Vorschläge für Standards vorliegen", teilte der Regierungsbeauftragte mit.

Wissenschaftsminister Zöllner hob hervor, dass mit dieser Ausweitung des Gesamtprogramms inzwischen mehr als 300 Personen unmittelbar an der Umsetzung der Lehrerbildungsreform in Rheinland-Pfalz mitwirken. Gesteuert werde das ehrgeizige Vorhaben durch eine übergreifende Projektgruppe im MWWFK.

"Mit den vorgelegten Standards Bildungswissenschaften stehen wir an der Spitze der Bewegung, das gibt es bislang noch nirgendwo. Und wir werden weitere Schrittmacherarbeit übernehmen durch die Curricularen Standards für die einzelnen Fächer", sagte Zöllner.

Laut Zöllner und Ahnen ist die Reform der Lehrerbildung auf einem guten Weg. Es gehe nicht allein um Strukturen, sondern vornehmlich um Inhalte, die wiederum durch optimale Ausbildungsstrukturen nachdrücklich unterstützt würden.

Mitglieder der AG

Prof. Dr. Jürgen Oelkers, Universität Zürich (Vorsitzender)
Prof. Dr. Rolf Arnold, Technische Universität Kaiserslautern
Frieder Bechberger-Derscheidt, Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend
Prof. Dr. Fritz-Ulrich Kolbe, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Prof. Dr. Rudi Krawitz, Universität Koblenz-Landau
Dr. Walter Kuhfuß, Studienseminar Trier
Prof. Dr. Gisela Müller-Fohrbrodt, Universität Trier
Dr. Ute Pres, Studienseminar Rohrbach Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur:

Franz-Josef Heinrich
Dr. Peter Krug
Dr. Markus Maier
Prof. Dr. Hermann Saterdag


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden