Bildungswesen

Berufliche Bildung in der Ukraine - ein Überblick

Je länger die aus der Ukraine geflohenen Menschen in Deutschland bleiben, desto dringlicher werden Fragen zu ihrer Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt. Bedeutsamer wird dann auch die Frage, welche schulischen und beruflichen Qualifikationen die Erwachsenen mitbringen.

19.07.2022 Bundesweit Artikel Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)
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Geflüchtete unterscheiden sich in ihren Merkmalen zwar oft von den Menschen, die im Herkunftsland verbleiben. Ein Blick auf das Bildungswesen in der Ukraine und den Bildungsstand der dortigen Bevölkerung zeigt jedoch: Trotz teilweise unterschiedlicher Bildungssysteme dürften die Integrationsperspektiven ukrainischer Geflüchteter im Großen und Ganzen günstig sein.

Zwischen Ende Februar 2022, also kurz nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine, und Mitte Juni 2022 wurden gut 867.000 Menschen aus der Ukraine neu im deutschen Ausländerzentralregister (AZR) registriert. Dies geht aus Angaben des Bundesministeriums des Inneren und für Heimat (BMI) hervor. Rund 67 Prozent der Geflüchteten sind weiblich. Etwa 38 Prozent der registrierten Menschen sind Kinder und Jugendliche. Aufgrund der für ukrainische Flüchtlinge geltenden Visumsfreiheit bei der Einreise sowie zwischenzeitlich erfolgter Weiterreisen in andere Aufnahmeländer oder zurück in die Ukraine besteht bei diesen Angaben allerdings eine erhebliche Unschärfe.

Studien zeigen: Die Menschen, die aus Kriegs- und Krisenregionen nach (West-)Europa fliehen, sind meist besser qualifiziert als die Menschen, die in den Kriegs- und Krisenregionen zurückbleiben (ausführlichere Analysen dazu sind einer Studie von Lucas Guichard aus dem Jahr 2020 sowie einer Studie von Cevat Giray Aksoy und Panu Poutvaara aus dem Jahr 2021 zu entnehmen). Eine Befragung im Auftrag des BMI, die Ende März 2022 durchgeführt wurde, deutet darauf hin, dass viele der bis zu diesem Zeitpunkt aus der Ukraine nach Deutschland Geflüchteten über einen tertiären Bildungsabschluss verfügen. Repräsentative Daten zur schulischen und beruflichen Bildung aller seit Kriegsbeginn eingewanderten Erwachsenen liegen noch nicht vor. Ein Blick auf das Bildungswesen und die berufliche Bildung in der Ukraine kann aber wichtige Hinweise und Hintergrundinformation liefern (lesen Sie hierzu auch Kapitel 3 im IAB-Forschungsbericht 4/2022 von Herbert Brücker).

Das Bildungswesen in der Ukraine

Wie in Deutschland beträgt die Grundschulzeit in der Ukraine vier Jahre (siehe Abbildung 1). Eine frühzeitige Aufteilung der Schulkinder nach der vierten Klasse in verschiedene Schulformen erfolgt in der Ukraine jedoch nicht. Stattdessen folgt der Grundschule der Besuch einer gemeinsamen Basisschule für fünf Jahre. Nach erfolgreichen Abschlussprüfungen in der neunten Klasse erhalten die Schülerinnen und Schüler das Zeugnis der allgemeinbildenden Basisschule. Dieses ermöglicht ihnen den Zugang zur Sekundarstufe II (Allgemeinbildende Oberschule) oder alternativ zu einer beruflichen Ausbildung. Die Sekundarstufe II schließt mit dem Zeugnis der allgemeinbildenden Oberschule ab, dem ukrainischen Äquivalent zur allgemeinen Hochschulreife.

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Ansätze eines dualen Systems wurden 2015 eingeführt

Das Berufsbildungssystem in der Ukraine weist ein ausgedehntes Netz an berufsbildenden schulischen Einrichtungen auf. Es ist in drei Stufen unterteilt, zwischen denen eine hohe Durchlässigkeit besteht (für genauere Informationen besuchen Sie das bq-Portal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz). Die erste Stufe bietet eine berufliche Grundbildung, insbesondere für (Helfer-)Tätigkeiten in der Industrie und im Dienstleistungssektor. Sie wird in Kursen an Berufsschulen sowie in Bildungs- und Produktionszentren vermittelt. Diese dauern zwischen einer Woche und sechs Monaten. Eine Zugangsbeschränkung existiert nicht. Die berufliche Grundbildung wird mit einem Zeugnis abgeschlossen.

Die zweite Stufe vermittelt eine darüber hinaus gehende berufliche Basisbildung – so etwa vertieftes technisches Wissen und die Kompetenz zur Ausübung komplexerer operativer Tätigkeiten. Auf dieser Stufe werden zum Beispiel die Berufe Büroangestellte (Buchhaltung), Operatorin für Informationsverarbeitung und Software, Chefköchin oder Flugbegleiter/Stewardess ausgebildet. Zuständig sind hier (technische) Berufsschulen sowie Bildungs- und Produktionszentren. Die Dauer der Ausbildung hängt von der Einstiegsqualifikation ab und beträgt normalerweise zwei bis vier Jahre. Für den Zugang muss im Regelfall die Sekundarstufe I abgeschlossen sein. Die zweite Stufe wird mit einem Zeugnis als „Qualifizierte Arbeiterin“ oder „Qualifizierter Arbeiter“ abgeschlossen.

Seit 2015 bietet die Ukraine Berufsbildung auf der zweiten Stufe zusätzlich als duale Ausbildung an. Diese sieht einen höheren Praxisanteil vor, als es bei den schulischen Ausbildungen der Fall ist, wie Dirk Werner und Koautorinnen in einer aktuellen Studie darlegen. Das System der dualen Ausbildung befindet sich aber noch im Ausbau und scheint bislang wenig nachgefragt zu werden. Im Jahr 2019 wurden weniger als vier Prozent der Auszubildenden dual ausgebildet, wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz auf seinem bq-portal berichtet. Anders als in Deutschland spielt duale Ausbildung in der Ukraine also bislang kaum eine Rolle.

Berufliche Qualifikationen werden vielfach in Fachschulen, Colleges und Hochschulen vermittelt

Auf der dritten Stufe geht es um höhere berufliche Bildung, die in drei bis vier Jahren an spezialisierten Colleges und Fachschulen erworben wird. Dazu zählt beispielsweise spezifisches (technisches und medizinisches) Fachwissen. Dort werden außerdem Kompetenzen vermittelt, um anspruchsvolle Aufgaben bewältigen und mit komplexen Technologien umgehen zu können.

Berufe, die (ausschließlich) auf dieser dritten Stufe erlernt werden können, sind etwa landwirtschaftliche Berufe, Pflege- und Erziehungsberufe und IT-Berufe (zum Beispiel Programmiererin oder Cyber-Sicherheitsexperte). Zugangsvoraussetzung ist im Regelfall der Abschluss der Sekundarstufe II. Abhängig von der Berufsgruppe kann auch die dritte Stufe als „Qualifiziert Arbeitende/r“ abgeschlossen werden oder aber als „Junior-Spezialist/in“. Dirk Werner und Koautoren weisen in ihrer aktuellen Studie darauf hin, dass sich der erstgenannte Abschluss eher auf Berufe mit mittlerem Anforderungsniveau bezieht. Der letztgenannte Abschluss beziehe sich dagegen eher auf technologisch anspruchsvollere Berufe, deren Ausübung ein breiteres Fachwissen erfordert; diese Berufsbildung sei inhaltlich somit nahe an der akademischen Ausbildung anzusiedeln. Zwischenzeitlich wurde der Titel „Junior-Spezialist/in“ durch den „Junior-Bachelor“ ersetzt. Damit ist auch die Aufnahme eines Studiums möglich. Statistisch werden die Abschlüsse auf der dritten berufsbildenden Stufe der tertiären Bildung zugeordnet – was die hohen Anteile tertiärer Abschlüsse unter Geflüchteten aus der Ukraine (etwa in der eingangs zitierten Befragung vom März 2022) teilweise erklären kann.

Häufig können Berufe nicht nur auf einer Stufe der Berufsbildung erlernt werden, sondern auf mehreren Stufen mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus. Für Berufe im Friseurhandwerk zum Beispiel können die Kompetenzen für eher helfende Tätigkeiten auf der ersten Stufe, für anspruchsvollere fachliche Tätigkeiten auf der zweiten Stufe erworben werden. Die Ausbildung etwa zum Beruf „Friseur/Friseurin – Stylist“ auf der dritten Stufe vermittelt zusätzliche Kompetenzen unter anderem in Betriebswirtschaft, Arbeitsrecht und Informatik und berechtigt nach erfolgreichem Abschluss zum Hochschulzugang.

Auch die Ausbildung etwa zum Autoschlosser oder zur Autoschlosserin wird auf unterschiedlichen Qualifikationsniveaus angeboten (detaillierte Informationen zu einzelnen Ausbildungen und Berufen erhalten Sie auf den Seiten des bq-portals). Eine Ausbildungseinrichtung bietet dabei häufig Ausbildungen auf unterschiedlichen Stufen an.

Die im Regelfall fachschulischen Ausbildungen in der Ukraine werden durch teils ausgedehnte Praxisphasen ergänzt. So kann zum Beispiel im Falle pflegerischer oder medizinisch-technischer Ausbildungen einer zweimonatigen schulischen Phase eine zweimonatige praktische Phase in einem Krankenhaus oder Labor folgen. Meist dominieren am Beginn einer Ausbildung schulische Phasen, während praktische Phasen im Ausbildungsverlauf zunehmen. Betriebe sind in der Ukraine aber bislang strukturell weitaus weniger in Ausbildungen eingebunden als in Deutschland.

Den vollständigen Beitrag zum Weiterlesen finden Sie hier.


Literatur

Bossler, Mario; Popp, Martin (2022): Viele geflüchtete Ukrainerinnen könnten mittelfristig in Engpassberufen unterkommen. In: IAB-Forum, 23.03.2022.

Brücker, Herbert (2022): Geflüchtete aus der Ukraine: Eine Einschätzung der Integrationschancen. IAB-Forschungsbericht Nr. 4.

Frings, Dorothee (2022): Sozialleistungen für Geflüchtete aus der Ukraine ab dem 1. Juni 2022. Asylmagazin 6.

Kogan, Irena; Gebel, Michael; Noelke, Clemens (2012): Educational Systems and Inequalities in Educational Attainment in Central and Eastern European Countries. In: Studies of transition states and societies, Jahrgang 4, Heft 1, S. 69–83.

Lukianova, Larysa; Dernova, Maiia (2021): Historical Periods and Current State of Adult Education in Ukraine. In: UNESCO Chair Journal “Lifelong Professional Education in the XXI Century”, Heft 3, S. 13–22.

Nordic Recognition Network (2009): The Educational System of Ukraine.

State Statistics Service of Ukraine (2021): Statistical Yearbook of Ukraine 2020, Kiew.

Zimmermann, Gisela; Schwajka, Oksana (2021): DAAD-Bildungssystemanalyse Ukraine. Daten & Analysen zum Hochschul- und Wissenschaftsstandort. Bonn.


Dieser Text erschien zuerst bei: IAB-Forum. Magazin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.



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