"Atlanten sind auch Spiegelbild des Geschichtsbewusstseins"

Mit über 8,5 Millionen verkauften Exemplaren hat sich der Putzger weit über die Schulen und auch über Deutschland hinaus den Ruf eines Standardwerkes der historischen Kartographie erworben. Ein Interview mit Cornelsen-Projektleiter Götz Schwarzrock zur soeben neu erschienenen Großen Ausgabe.

26.11.2009 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Herr Schwarzroch, inwieweit hat der Putzger Ihr persönliches Geschichtsbild geprägt?

Schwarzrock: Ich hatte schon während meiner Schulzeit zwei sehr verschiedene Zugänge zum Putzger: Zum einen war der Atlas und besonders die Wandkarten in meinem Geschichtsunterricht "angstbesetzt": Immer musste man befürchten, dass der Lehrer einen nach vorne holte, um historische Orte oder den Verlauf von Kriegszügen und Völkerwanderungen auf der Karte zu zeigen. Andererseits faszinierte mich der Putzger mit seinen anschaulichen Kartenthemen. Das selbstständige Schmökern im Atlas förderte das Interesse an Geschichte allgemein, bei mir besonders an der Antike und dem Mittelalter. Ende der 1970er Jahre hat sich mein Interesse am Putzger endgültig zum Guten gewandelt – ich übernahm als Redakteur die damalige Neubearbeitung der 100. Auflage.

In der neuen Ausgabe erfährt man erstmals auch etwas über die Geschichte des Putzger und seiner Bedeutung für das Geschichtsbild vieler Schülergenerationen. Hat der Putzger auch in anderen Ländern Einfluss gehabt?

Schwarzrock: Der Putzger ist in Deutschland nicht nur der Schulgeschichtsatlas mit der höchsten Auflage, sondern auch der einzige Geschichtsatlas, der kontinuierlich vom Kaiserreich bis heute erschienen ist und von Auflage zu Auflage permanent aktualisiert wurde. Ein Atlas ist immer auch ein Spiegelbild des Geschichtsbewusstseins der jeweiligen Zeit, in der er erscheint. Insofern lässt sich an seinen Veränderungen der Wandel des Geschichtsbildes in Deutschland ablesen. Durch die Ausgaben für Österreich und für die Schweiz, die es schon seit Ende des 19. Jahrhunderts bis heute gibt, hat er sicherlich auch in diesen Ländern das Geschichtsbild von vielen Schülergenerationen beeinflusst. Wieweit anderssprachige Ausgaben – von einer polnischen und kroatischen Ausgabe der 1920er Jahren bis hin zu einer englisch-amerikanischen Adaption (Shepard) ebenfalls seit den 1920er-Jahren sowie einer hebräischen Ausgabe für Israel in den 1960er-Jahren – auch in diesen Ländern eine Bedeutung hatten, lässt sich nur schwer abschätzen.

Auf welcher Grundlage wird entschieden, welche Kartenthemen im Vergleich zu vorherigen Ausgaben erneuert werden?

Schwarzrock: Grundsätzlich war es unser Anspruch, die Karten nicht nur entsprechend den veränderten "Sehgewohnheiten" im digitalen Zeitalter kartographisch neu zu gestalten, sondern auch alle Karten mit dem aktuellen Forschungsstand abzugleichen und gegebenenfalls zu aktualisieren. Auf Workshops haben wir mit Fachwissenschaftlern und Experten über neu aufzunehmende Themen diskutiert. Hier hat sich ergeben, dass beispielsweise das Thema "Nationalsozialismus" heute um wesentliche Aspekte – ausführlichere Darstellung der Judenverfolgung und -vernichtung, Widerstand und Zwangsarbeit – erweitert werden sollte. Entsprechend der Putzger-Tradition war es für uns auch selbstverständlich, dass in dieser Neubearbeitung aktuelle Themen – zum Beispiel Krisenregion Naher und Mittlerer Osten, Kaukasus, Balkan – ausführlich behandelt werden müssen. Insgesamt haben alle diese Überlegungen dazu geführt, dass von den 366 Karten des Atlas 70 Karten völlig neu sind.

Welchen besonderen Anspruch verfolgen Sie mit der Großen Ausgabe?

Schwarzrock: Ein Anspruch bei dieser Ausgabe bestand darin, einen "Prachtputzger" und einen "Nutzputzger" herauszugeben, das heißt, nicht nur ein sehr schönes Kartenwerk mit üppiger Bebilderung und lockerem Layout zu entwickeln, sondern auch ein umfassend informierendes historisches Nachschlagewerk für alle historisch interessierten Laien zu machen. Dieser Putzger soll gern in die Hand genommen werden und gleichzeitig durch Karten und Texte historische Hintergründe und Zusammenhänge vermitteln. Jede Doppelseite bildet ein abgeschlossenes Thema und lässt dadurch eine pragmatische Handhabung zu. Eine weitere Idee bildete das Einbringen von zentralen aktuellen Themen in ihrer historischen Perspektive. So werden erstmals in Längsschnitten der Klimawandel und die Geschichte von Krankheiten behandelt.

Worauf muss man bei einem solchen Print-Werk im 21. Jahrhundert achten?

Schwarzrock: Trotz der voranschreitenden Digitalisierung in der Branche sind wir davon überzeugt, dass der typische Nutzer des Putzger eher eine Affinität zum hochwertig gedruckten Produkt hat und nicht erst den Computer anstellen und ins Internet gehen will, um sich schnell über historische Zusammenhänge und Hintergründe, zum Beispiel einer Tagesschaumeldung über Kommunalwahlen im Kosovo, zu informieren.

Wie erklären Sie sich den Erfolg des Putzger?

Schwarzrock: Es gibt viele Gründe, warum der Putzger zu einem Standardwerk geworden ist. Einer ist sicherlich, dass Friedrich Wilhelm Putzger schon in der ersten Auflage 1877 ein Kartenangebot machte, dass in Auswahl und Darstellung dem damals vorherrschenden historischen Bildungskonsens entsprach. Der Verlag pflegte diesen Bestand kontinuierlich über jetzt mehr als 132 Jahre und weitete ihn aus. Ein weiterer Grund ist, dass die erste Begegnung mit dem Putzger in der Schule stattfindet, sich aber bald herausstellt, dass er auch über die Schulzeit hinaus als Nachschlagewerk nützlich ist.

Cornelsen Verlag (Hrsg.)
Putzger – Atlas und Chronik zur Weltgeschichte
448 Seiten, Leineneinband mit Schutzumschlag, Atlasformat 25 x 34 cm
ISBN 978-3-464-63970-2
€ (D) 49,95/ € (A) 51,40/ sFr 83,40*
Cornelsen Verlag 2009
* unverbindliche Preisempfehlung

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
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