"Auf die Sonderschule als Institution verzichten"
Am 26. März 2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft. Damit wurde ein Rechtsanspruch auf inklusive Bildung geschaffen. Wie steht es drei Jahre später um die inklusive Schule und welche Weichen, müssen noch gestellt werden? Fragen dazu an Prof. Dr. Saskia Schuppener, Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik der Universität Leipzig.
03.04.2012 ArtikelFrau Schuppener, was bedeutet die inklusive Schule für die Lehrer?
Saskia Schuppener: Hoffentlich nach dem Grundgedanken: Unterstützung und Hilfe für die Bewältigung oder für die konstruktive Arbeit mit einer heterogenen Schülerschaft. Es soll kein Mehr sein, kein Zusatz, kein "das kommt jetzt auch noch auf Schule, auf Lehrkräfte zu", sondern vom Grundansatz her eigentlich eine Unterstützung, eine offenere Haltung auch gegenüber der Schülerschaft, die ja ohnehin schon sehr heterogen ist und der man sich jetzt stellt.
Also gar nicht so viel Neues für die Lehrkräfte, für die Schulen?
Saskia Schuppener: Es leben ja alle Schulformen, auch das Gymnasium, momentan schon mit einer Schülerschaft, die nicht einheitlich zu behandeln ist. Jeder Schüler steht für sich, jeder Schüler hat seine Schwächen, seine Neigungen, seine Interessen, seine Potenziale, die es alle einzubinden gilt. Nichtsdestotrotz hängen wir noch an diesem homodoxen Grundgesetz fest und schütten gern über alle Schüller das Gleiche aus. Aber viele Lehrer haben sich - auch unabhängig von Integration und Inklusion - schon auf den Weg gemacht, ihren Unterricht so zu strukturieren, dass alle Kinder davon profitieren. Das heißt, ein Unterricht, der sich im Prinzip sukzessive öffnen und methodisch auch verändern muss, um die Potenziale der Kinder stärker einbinden und sie auf ihrem Lernniveau besser erreichen zu können.
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Brauchen wir gar keine Sonderpädagogen mehr?
Saskia Schuppener: Doch. Sonderpädagogen brauchen wir auf jeden Fall. Es gibt natürlich die Haltung, dass wir keine Sonderschulen mehr brauchen. Wir brauchen keine Extra-Institutionen mehr für Kinder, die in unterschiedlichen Formen förderbedürftig sind. Aber wir brauchen sonderpädagogisches Grundwissen, wir brauchen auch Sonderpädagogik in ihrer Spezifik. Und die haben wir in Deutschland in hoher Potenz. Eigentlich geht es darum, diese Sonderpädagogik mitzunehmen in die allgemeine Schule. Und ganz konkret zu versuchen, die sonderpädagogische Qualität, die wir im Moment haben und die wir in kleinen einzelnen Einrichtungen sozusagen gefangen halten, allen zugänglich zu machen: den Grundschulen, den weiterführenden Schulen, den Berufsschulen, auch den Gymnasien. Die Sonderpädagogen brauchen wir ganz elementar.
Auf Sonderschulen können wir aber verzichten?
Saskia Schuppener: Meines Erachtens hätten wir die Option, auf die Sonderschule als Institution, als Schulzweig gänzlich zu verzichten. Es wird eventuell Schwerpunktschulen geben müssen für Kinder mit Sinnesbeeinträchtigungen, aber wir hätten vom Schulhausbudget die Möglichkeit, Schulen barrierefrei umzugestalten. Wir können also alle Kinder in die allgemeine Schule mitnehmen. Das heißt aber nicht, dass jede Schule auf alles vorbereitet sein muss. Wenn wir alle Kinder mitnehmen würden und wirklich einen Systemwandel von heute auf morgen vollziehen würden - was kein Land getan hat, und wir auch nicht tun werden - dann käme pro Klasse etwa ein Schüler mit Förderbedarf hinzu. Das ist eine überschaubare Anzahl. Kinder mit Sinnesbeeinträchtigungen, mit schweren Beeinträchtigungen, mit intensivem Unterstützungsbedarf sind vergleichsweise selten und demzufolge müsste sich nicht jede Schule auf alles einstellen, sondern könnte Schwerpunkte setzen.
Inklusion ist also machbar?
Saskia Schuppener: Wir haben im Durchschnitt eine Quote von 5 Prozent aller Kinder, die Förderbedarf attestiert bekommen haben. Die größte Gruppe besteht aus Kindern, die überhaupt erst schulisch ein Förderbedarfsetikett bekommen, nämlich das Förderbedarfsetikett Lernen und demzufolge ist es eine ganz falsche Diskussion über die Masse an Kindern mit Förderbedarf. Das sind pro Schule je nach Schulgröße vielleicht ein bis drei Kinder maximal.
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Weiterführende Links
- Video: "Auf die Sonderschule als Institution verzichten"
- Homepage Prof. Saskia Schuppener
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