"In Deutschland ist Kanada Sachsen"
(red) Der [Chancenspiegel](http://www.chancen-spiegel.de/) hat erstmals versucht, Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem zu erfassen und vergleichbar zu machen. Dafür wurde am Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund für jedes Bundesland analysiert, wie gerecht und wie leistungsstark das dortige Schulsystem ist. Das Ergebnis: Bildungschancen in Deutschland sind höchst ungleich verteilt und von Chancengerechtigkeit kann derzeit keine Rede sein. Fragen dazu an den Leiter der Studie, Prof. Dr. Wilfried Bos.
14.03.2012 ArtikelHerr Professor Bos, was zeigt diese Studie?
Wilfried Bos: Wir haben mit dieser Studie wieder den Aspekt der Gerechtigkeit in die Debatte gebracht. Der ist lange – vorsichtig ausgedrückt – ein bisschen außen vor geblieben, weil wir uns sehr auf die Leistung konzentriert haben. Da hat sich auch ein bisschen was getan. Man kann sich aber streiten, ob die Fortschritte die wir gemacht haben, groß genug sind und es nicht mehr hätte sein können. Uns lag also viel daran, den Gerechtigkeitsaspekt einzubringen. Und es ist uns gelungen, Gerechtigkeit und Leistung miteinander zu vereinen, indem wir die Leistung als einen Aspekt der Gerechtigkeit festgelegt haben. Gerecht ist nur ein System, in dem es möglich ist, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Leistungspotenziale entwickeln können. Dies gehört zur Gerechtigkeitsdimension. Es war uns auch sehr wichtig, aufzuzeigen, dass Gerechtigkeit und hohe Leistung kein Widerspruch sind. Kanada im internationalen Vergleich ist ja ein relativ gerechtes Land und ein Land mit hohen Schülerleistungen. In Deutschland ist Kanada Sachsen.
Warum spricht die Studie von Chancengerechtigkeit und nicht von Chancengleichheit?
Wilfried Bos: Wir haben uns für den Minimalstandard entschieden. Wir haben die Messlatte bewusst ganz niedrig gelegt, indem wir gesagt haben, gerecht ist ein System, wenn Ungleichheiten, die vorher schon vorhanden sind, nicht noch verschlimmert werden. Das ist ja in Deutschland der Fall: Bei uns wird es ja mit jedem Schuljahr ungerechter. Die Schere geht immer weiter auseinander je länger die Kinder die Schule besuchen. Und wir sind froh, wenn wir in zehn, zwanzig Jahren erreicht haben, dass unser System in diesem Sinne gerecht ist. Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit, das ist das Verhältnis wie Weltrevolution zu 'Mindestlohn acht Euro fünfzig'. Wir haben jetzt mal beim Mindestlohn angefangen.
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Welche Daten liegen der Studie zugrunde?
Wilfried Bos: Die Daten sind die neuesten, die man kriegen konnte. Neuere liegen schlicht und ergreifend nicht vor.
Wieso moniert der Philologenverband ein "Recycling altbekannter Daten"?
Wilfried Bos: Man muss fragen, welche Gründe es dafür gibt. An sich kann ich das nicht verstehen. Denn der Philologenverband müsste eigentlich begeistert sein über die Daten, die wir geliefert haben. Das Gymnasium ist eine der besten Schulformen die wir in Deutschland haben. Insbesondere dann, wenn es sich noch mehr bemühen würde, Kinder aus unterschiedlichen Schichten zum Abitur zu führen. Insbesondere Gymnasien, die von der Zweigliedrigkeit betroffen sind, bemühen sich. Das hat allerdings Olaf Radtke schon vor vielen Jahren in einer Studie im Bielefelder Großraum nachgewiesen. Als der Pillenknick kam, waren eine ganze Reihe von Gymnasien von der Schließung bedroht. Und dann haben sie begonnen, Kinder aufzunehmen, die sie vorher niemals aufgenommen hätten. Und sie haben diese Schüler dann auch gut zum Abitur geführt. Wenn sie wollen, können sie schon.
Wie verteilt sich Chancengerechtigkeit in Deutschland?
Wilfried Bos: Wenn man sich die Daten und die Ergebnisse anguckt, dann sieht man, es gibt kein Bundesland was wirklich top ist es gibt aber auch kein Bundesland, das wirklich ein Flop ist. Aber in jedem Bundesland finden wir sehr deutliche Indikatoren, bei denen die Verantwortlichen jetzt überlegen können, wie sie nachsteuern und wo sie etwas tun müssten. Der Kollege aus Sachsen hat dies auch gesagt: An vielen Stellen kommen wir gut weg. Aber, dass wir zu viele Jugendliche ohne Schulabschluss in die Welt entlassen, müssen wir ändern. Das ist eine Einstellung, die mir gefällt.
Gibt es ein Problem, das alle Bundesländer betrifft?
Wilfried Bos: Es gibt kein einheitliches Problem für alle, die Problemlagen sind in den Bundesländern schon unterschiedlich. In Sachsen werden gute Leistungen erbracht bei einem hohen Maß an Gerechtigkeit. Aber es gibt zu viele Jugendliche ohne Abschluss. Das will man angehen. Die anderen Bundesländer können sich fragen: Was machen die Sachsen besser und können wir davon lernen?
Was sagt die Studie zur Umsetzung der Inklusion?
Wilfried Bos: Wir haben Daten über Inklusion und Exklusion. Wir wissen also, wie die Verteilung der Kinder auf die verschiedenen Schulen ist. Und das ist ein wichtiger Gerechtigkeitsindikator. Wir haben aber keine Daten – und da bin ich mir nicht sicher, ob die Länder selbst diese Daten überhaupt haben – über die Abschlüsse derjenigen, die inklusiv beschult werden. Was wird aus ihnen? Wir wissen, dass von den Kindern, die in Sonderschulen gehen, ein großer Teil keinen Schulabschluss macht. Das ist bekannt. Aber was ist mit den anderen?
Wie war die Zusammenarbeit mit den Ländern und der KMK?
Wilfried Bos: Das war unterschiedlich. Die Kultusministerkonferenz insgesamt hat diese Studie nicht unterstützt. Wir haben keine Genehmigung bekommen, uns die Daten der PISA-Studie auf Länderebene anzuschauen. Einzelne Bundesländer waren sehr hilfsbereit und haben uns alle Daten, die sie zur Verfügung hatten, auch bereitwillig gegeben. Sie waren daran interessiert. Andere waren eher reserviert.
Wie wird der Chancenspiegel fortgeschrieben?
Wilfried Bos: Beim nächsten Chancenspiegel werden wir den Verlauf über zehn, zwanzig Jahre nachzeichnen. Das haben wir jetzt im Anbetracht der Zeit nicht machen können. Wenn wir uns dann die Zeitreihen anschauen und über 10, 20 Jahre die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern beobachten, dann können wir auch sehen, welches Land auf dem richtigen Weg ist und welches nicht. Ich freue mich schon auf den Chancenspiegel, der in drei oder vier Jahren erscheint. Wir werden die gleichen Indikatoren nehmen und können dann die Länder direkt mit dem Jetzt-Stand und dem Stand in drei, vier Jahren konfrontieren. Dann sieht man, welche Länder fleißig waren und etwas unternommen haben und welche Länder nicht. Aber: Auch dann wird es wieder heißen, die Daten sind alle veraltet.
Weiterführende Links
- Interview im Video auf didacta-bildungsklick.tv
- Homepage Chancenspiegel
- Homepage Prof. Dr. Wilfried Bos
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