Berufswahl

Frühe Orientierung, passendes Match

Das Berufsorientierungsprogramm einer hessischen Schule hat sich in wenigen Jahren vom individuellen Pilotprojekt zum wachsenden Netzwerk entwickelt. Jugendliche lernen freiwillig, niedrigschwellig und parallel zur Schulzeit. Das Modell SchulePlus ist so erfolgreich, dass künftig auch die AusbildungPlus folgen könnte. Von Anna Petersen

10.04.2026 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Zwei Jugendliche und ein Erwachsener stehen in Arbeitskleidung an einer technischen Maschine. © Adobe Stock Im Rahmens des Berufsorientierungsprogramms SchulePlus gehen Jugendliche neben der Schule zwei Jahre lang in einen teilnehmenden Betrieb.

An einem Dezembermorgen geht es im Computer-Aided Design-Kurs, kurz CAD, der Johann-Textor-Gesamtschule im hessischen Haiger um das Zusammenfügen einfacher Bauteile. Noah Schlemper leitet eine Gruppe Zehntklässler/-innen an: „Wir brauchen eine Schraube, ein Führungselement und ein Spannelement.“ Die Jugendlichen arbeiten an Computern mit einer professionellen 3D-CADSoftware, mit der sich digitale Prototypen von Produkten erstellen und testen lassen. Der 19-jährige Noah Schlemper ist allerdings kein Lehrer, sondern Auszubildender im dritten Lehrjahr bei Rittal, einem lokalen Unternehmen für Schaltschränke. Trotzdem steht er wöchentlich zwei Schulstunden als AzubiMentor mit einer weiteren Auszubildenden und Lehrkraft vor den Jugendlichen, die den CAD-Kurs als Wahlpflichtfach gewählt haben. So wie Noah selbst, als er hier noch zur Schule ging.

Vier der Schülerinnen und Schüler, die an diesem Morgen vor den PCs sitzen, nehmen an dem Berufsorientierungsprogramm SchulePlus teil – einem freiwilligen Zusatzangebot ab Klasse 8 und 9. Zwei Jahre lang gehen die Jugendlichen neben der Schule in einen teilnehmenden Betrieb. Anfangs zwei Stunden pro Woche, später je nach Vereinbarung auch mehr. Sie lernen das Unternehmen und den Arbeitsalltag eines von ihnen ausgewählten Ausbildungsberufs kennen. In passenden Wahlpflichtkursen an ihrer Schule erwerben sie technisches Know-how. Vermittelt von Auszubildenden aus Betrieben, wie Noah Schlemper. Was 2021 als Pilotprojekt der Johann-Textor-Gesamtschule in Haiger begann, war schnell so erfolgreich, dass inzwischen 30 hessische Schulen und mehr als 250 Unternehmen teilnehmen. Tendenz: steigend.

Mehr als ein Praktikum

Noah Schlemper war vor etwa vier Jahren einer der ersten Teilnehmer am Programm. Der damals 16-Jährige besuchte den gymnasialen Zweig der Gesamtschule, als er von SchulePlus hört: „Ich fand das spannender als ein Praktikum, bei dem man nur drei Wochen in ein Unternehmen geht.“ Stattdessen bietet SchulePlus Jugendlichen unter anderem die Möglichkeit, den Ausbildungsberuf Technischer Produktdesigner intensiv kennenzulernen. „Der Beruf hat mich interessiert, weil mir in der Schule der CAD-Kurs Spaß gemacht hat“, erzählt Noah rückblickend. „Ich habe mir gedacht, ich probiere das aus und kann ja aufhören, falls es mir nicht gefällt.“ Denn auch das gehört zum Prinzip des Programms: Wer es beenden möchte, kann das jederzeit tun oder in ein anderes Unternehmen wechseln und sich auf einen anderen Ausbildungsberuf konzentrieren. Das SchulePlusNetzwerk reicht inzwischen von Handwerk und Industrie bis zu Pflege und Verwaltung.

In der Praxis gibt es solche Wechsel aber kaum. Bereits beim Pilotprojekt traten neun von zehn Teilnehmer/- innen im Anschluss eine Ausbildung in dem Unternehmen an, das sie ursprünglich ausgesucht hatten. Denn: Hinter jedem SchulePlus-Platz steht auch ein realer Ausbildungsplatz. Allein an der Johann-Textor-Schule nehmen mittlerweile 90 der 700 Schülerinnen und Schüler an dem Berufsorientierungsprogramm teil. Deshalb ist das Projekt auch bei den teilnehmenden Unternehmen sehr beliebt, die in den letzten Jahren oft große Schwierigkeiten hatten, ihre Ausbildungsplätze mit passenden Bewerbenden zu besetzen.

Früher Zugang, weniger Abbrecher

Noahs Ausbildungsbetrieb Rittal von der Friedhelm Loh Group war eines der ersten kooperierenden Unternehmen von SchulePlus. Der „frühe Zugang zu den Jugendlichen“ sei einer der größten Vorteile für Unternehmen, sagt Daniel Wirth, Leiter von circa 350 Nachwuchskräften in der Firmengruppe. In den letzten Jahren seien die Bewerbungen für Ausbildungsplätze immer später bei der Friedhelm Loh Group eingetroffen. „Auf den letzten Drücker“, wie Wirth sagt. „Da sind dann Leute dabei, die sich das nicht gut überlegt haben, sondern denken: ,Irgendwas muss ich machen‘.“ Diese jungen Menschen hätten häufiger in der Probezeit abgebrochen. Mit SchulePlus habe die Firmengruppe die Möglichkeit, jungen Menschen einen Beruf frühzeitig und intensiv zu zeigen und sie gleichzeitig gut kennenzulernen. Nach zwei Jahren wisse man, ob man „miteinander weitermachen“ will, so Wirth. Die Erfahrung der ersten Jahrgänge zeige bereits: Durch die zunehmend durch SchulePlus vergebenen Ausbildungsplätze sei die Abbruchquote deutlich gesunken.

Zudem erhält die Firmengruppe seit Start der Kooperation mehr Bewerbungen. Vor Start von SchulePlus hätten sich an der Johann-Textor-Schule nach der Sekundarstufe I um die 20 Prozent für eine Ausbildung nach der 10. Klasse entschieden: „Heute interessieren sich wieder 50 Prozent dafür und werden aufgrund des Programms höchstwahrscheinlich eine Ausbildung im Anschluss absolvieren,“ erläutert Wirth. Oft seien darunter Jugendliche, die sonst im Schulsystem geblieben wären, „einfach aus Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen“, so der Ausbildungsleiter.

Abitur oder Ausbildung?

Auch Noah Schlemper hatte sich als Achtklässler zunehmend Gedanken gemacht, wie es nach der 10. Klasse weitergehen soll: Abitur oder Ausbildung? „Eigentlich wollte ich lieber eine Ausbildung in einem Beruf machen, der mich wirklich interessiert“, berichtet der Jugendliche. „Aber ohne zu wissen, was einen in der Praxis erwartet, einen Ausbildungsvertrag zu unterschreiben, konnte ich mir nicht vorstellen.“ Genau deshalb hat Alexander Schüler SchulePlus ursprünglich initiiert. Dem Lehrer an der Johann-Textor-Schule war aufgefallen, dass sich nur wenige seiner Schülerinnen und Schüler für eine Ausbildung entschieden – trotz etlicher freier Stellen in der Region. Er suchte das Gespräch mit den Jugendlichen. „So haben wir gemerkt, dass es nicht an der Attraktivität der Ausbildung liegt, sondern an Ängsten und Unkenntnis“, erzählt Alexander Schüler.

In der Konsequenz entwickelte der Lehrer SchulePlus. Ein Projekt, das inzwischen auch politisch unterstützt wird. Ende November unterzeichnete der hessische Bildungsminister Armin Schwarz mit weiteren Beteiligten aus der lokalen Wirtschaft und Kommunalpolitik eine Absichtserklärung zur Gründung des „Netzwerks SchulePlus“ im Lahn-Dill-Kreis. Dadurch sollen künftig weitere hessische Regionen bei der Umsetzung des Programms Unterstützung erhalten. „Wenn Schule, Wirtschaft und Schulträger so eng zusammenarbeiten wie im Modell SchulePlus, entstehen echte Zukunftsperspektiven“, so Schwarz, dem es ein Anliegen ist, „dass dieses erfolgreiche Modell hessenweit in unseren Schulen und Regionen zur Anwendung kommen kann. So stärken wir die duale Ausbildung und sichern langfristig den Fachkräftenachwuchs, den unsere Wirtschaft dringend braucht.“ Das erfolgreiche Berufsorientierungsmodell könnte bald um eine weitere Stufe ergänzt werden: AusbildungPlus soll helfen, die Auszubildenden in Betrieb und Berufsschule individuell zu fördern.

Daniel Wirth ist Ausbildungsleiter bei der Friedhelm Loh Group und verantwortlich für Personalentwicklung, Ausbildungsprogramme und innovative Lernformate. Zuvor leitete er Personalgewinnung, -entwicklung und Marketing bei der W. Hundhausen Bauunternehmung GmbH und sammelte Erfahrungen bei Adecco, Opel und Rittal.

„Der hat Lust, also kriegen wir das hin“

Die Friedhelm Loh Group gehörte zu den ersten kooperierenden Unternehmen von SchulePlus. Seit 2021 hat die Firmengruppe ihre Plätze für das Berufsorientierungsprogramm von 3 auf 28 erhöht. Nun unterstützt sie den nächsten Schritt: das Pilotprojekt AusbildungPlus, das im Sommer 2026 mit lokalen Berufsschulen starten soll. Über das Konzept berichtet Ausbildungsleiter Daniel Wirth.

Bildungspraxis: Was steckt hinter dem Konzept AusbildungPlus?

Daniel Wirth: Auszubildende, die zuvor SchulePlus absolviert haben, sollen künftig durch das Modell AusbildungPlus von ihrem Praxis- und Wissensvorsprung im Betrieb profitieren. Die Schülerinnen und Schüler haben zwei Jahre wöchentlich je zwei Stunden in uns investiert und wir möchten ihnen in der Ausbildung zwei Stunden die Woche zurückgeben, zum Beispiel für zusätzlichen Unterricht in der Berufsschule. Jeder soll dabei individuell gefördert werden.

So ist AusbildungPlus geplant:

› Voraussetzung: Teilnahme an SchulePlus

› Für leistungsschwächere Azubis:

  • Unterstützungsunterricht in Mathe, Deutsch und Fachthemen
  • optional: Sprachkurs Deutsch als Fremdsprache
  • bei Bedarf Wechsel von zwei- in dreijährige Ausbildung

› Für Azubis mit guten Leistungen:

  • Verkürzung der Ausbildung um sechs Monate
  • Besuch von Vorbereitungskursen für Meister, Techniker, Fachwirt, Studium

› Für Azubis mit sehr guten Leistungen:

  • Freistellung durch Unternehmen an einem Nachmittag in der Woche für die Zusatzqualifizierung „LehrePlus“ (Fachabitur)

› Für Azubis mit herausragenden Leistungen:

  • zusätzliche Qualifizierungen und Lehrgänge mit IHK-Zertifikat und Anerkennung mit Credit-Points

Was bedeutet das konkret?

Es soll möglich werden, die Ausbildungszeit um sechs Monate zu verkürzen. Bereits zu Ausbildungsbeginn würden die Azubis dann eine entsprechende Absichtserklärung ihres Betriebs bekommen. Denkbar ist das nur, weil die Ausbildungsbetriebe die Jugendlichen bereits zwei Jahre kennengelernt haben und wissen, ob eine Verkürzung realistisch ist. Ambitionierte Auszubildende können zudem mit dem Vorbereitungsunterricht für spätere Weiterbildungen beginnen, beispielsweise zum Meister, Techniker oder Betriebswirt. Leistungsstarke Azubis können während der Ausbildung das Fachabitur erwerben – zukünftig mit Unterricht unter der Woche statt wie bisher samstags: Damit ist anschließend ein duales Studium in Hessen machbar. Und auch Zusatzqualifikationen im dritten Jahr mit IHK-Zertifikat wollen wir ermöglichen. Hier laufen Gespräche mit Hochschulen, diese Zusatzqualifikationen mit ersten Creditpoints für ein gegebenenfalls später stattfindendes duales Studium zu belegen.

Inwiefern fördern Sie mit dem Modell auch leistungsschwächere Auszubildende?

Diese Auszubildenden sollen in den zwei Stunden Förderunterricht erhalten, zum Beispiel in Mathe oder Deutsch als Fremdsprache. Denn durch SchulePlus kommen auch Jugendliche in die Betriebe, die sonst wohl im Bewerbungsprozess aufgrund schlechter Noten oder mangelnder Deutschkenntnisse gescheitert wären.

Was bedeutet das für die Ausbildungsbetriebe?

Ein Beispiel: Ein SchulePlus-Schüler hat sich bei uns beworben und wurde aufgrund seiner schlechten Noten zunächst abgelehnt. Der hatte sich aber im Betrieb bewährt, sodass wir ihn doch haben wollten. Der hat Lust auf die Ausbildung, also wollen wir das jetzt gemeinsam mit ihm hinkriegen. Wenn wir mehr junge Menschen einstellen, die Schwierigkeiten haben, das Ausbildungsziel zu erreichen, dann müssen wir uns als Betrieb eben mehr Mühe geben: also mehr Werksunterricht, mehr Vermittlung mathematischer Grundlagen und künftig mehr Berufsschulunterricht.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 1/2026, S. 22-25, www.bildungspraxis.de



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