Bessere Noten durch Gleichgewichtstraining
Schlechtes Gleichgewicht - schlechtere Noten, gutes Gleichgewicht - bessere Noten. Das sind, auf einen kurzen Nenner gebracht, die Ergebnisse des Projekts Schnecke in Hessen. Mit umfangreichen Screenings und ausführlichen Tests konnten Wissenschaftler in den vergangenen Jahren einen Zusammenhang zwischen Gleichgewichtstörungen und Schulleistungen nachweisen. In einem zweiten Schritt wird nun erprobt, ob spezifische Trainingsprogramme Gleichgewicht und damit Lernerfolge der Kinder verbessern können.
23.11.2010 ArtikelDen Stein ins Rollen gebracht hatte ein HNO-Arzt, der dem Ministerium über auffällige Zusammenhänge zwischen Hören, Lärm und Lernen bei seinen jungen Patienten berichtete. Was darauf folgte, war das bundesweit bisher einmali¬ge Projekt "Schnecke – Bildung braucht Gesundheit". "Seinen Namen hat das Projekt nicht vom Kriechtier, sondern von der Gehörschnecke im Innenohr", erklärt Projektleiterin Dorothea Beigel den Namen. Bis Anfang 2009 wurden im Schnecke-Projekt knapp 8000 Schüler zwischen fünf und 19 Jahren aus allen Schulformen in den Bereichen Hören, Sehen und Gleichgewicht gescreent.
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Die Schulnote entscheidet
"Wir haben acht Prozent Sehauffälligkeiten und zehn Prozent Hörauffälligkeiten feststellen können. Erschreckend aber war: Zweidrittel der Schüler hatten Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht." Wahrhaft kein gutes Ergebnis. Über die möglichen Folgen allerdings sagt es noch nichts aus. Deshalb setzten die Wissenschaftler ihre Untersuchungen fort: "Wir entdeckten, dass Schüler mit Gleichgewichtsstörungen im Fach Deutsch um bis zu 0,7 Punkte schlechter waren und in Mathematik und Sport um bis zu 0,6 Punkte", berichtet Dorothea Beigel. "Bei 0,6 und 0,7 Punkten geht es um eine Schulnote. Das kann entscheidend sein für den Übergang zur weiterführenden Schule, es beeinflusst die Berufswahl oder senkt den Notendurchschnitt beim Abitur und damit die Chancen bei der Studienplatzvergabe."
Ist es möglich, das Gleichgewicht zu stärken und damit möglicherweise den Lernerfolg zu steigern? Das wollen die Wissenschaftler jetzt in einem weiteren Schritt herausfinden. "Dafür haben wir 35 erste und zweite Klassen ausführlicher getestet: mit einem Lesetest, einem Rechentest, einem Rechtschreibtest und einem Motoriktest. Außerdem haben wir emotional-soziale Testungen durchgeführt sowie Hören, Sehen und Gleichgewicht überprüft", berichtet die Projektleiterin.
"Die Kinder bekamen plötzlich Mut"
Für das anschließende Training hatten die Grundschullehrerinnen verschiedene Optionen: Sie konnten mit den Kindern jeden Morgen eine Minute spielerisch den Gleichgewichtssinn trainieren, den Gleichgewichtsgarten am Nachmittag nutzen oder das Balance Board von Nintendo einsetzen. Gerade Kinder, die Schwierigkeiten hatten, sich zu bewegen, die sich zu dick fühlten oder die sich in einer großen Gruppe nichts zutrauten, wurden in den kleinen Gruppen mit Board und Konsole motiviert, erklärt Dorothea Beigel. "Wir konnten sehen, dass Kinder, die sich wenig trauten, auf dem Board plötzlich Mut bekamen."
Noch liegt das Projektergebnis nicht vor, aber "im Moment bekommen wir bereits viele Rückmeldungen. Lehrerinnen erzählen, die Klassen seien durch das Ritual ruhiger geworden, oder die Kinder seien aufmerksamer." Fundierte Ergebnisse aber werden erst im Frühjahr 2011 erwartet, wenn die Tests in allen teilnehmenden Klassen wiederholt werden und ein Vergleich möglich ist.
"Es braucht Geduld"
"Wenn es Veränderungen gibt, werden wir ein zweites Jahr anschließen. Wenn nichts zu sehen ist, dann muss man einräumen, dass es nicht der richtige Ansatz war", erklärt Beigel ganz offen. "Aber wir haben natürlich nicht einfach ins Blaue hinein geplant. Ich habe viele Jahre in der neurophysiologischen Entwicklungsdiagnostik gearbeitet und Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, mit Dyskalkulie oder ADHS gefördert, die gleichzeitig Auffälligkeiten im Gleichgewichtssinn zeigten. Das waren Einzelfälle, ich wusste nicht, wie es in der Breite aussieht. Eines aber weiß ich: Wenn ich mit diesen Kindern Gleichgewicht trainiert habe, dann hat sich mit der Zeit etwas getan. Es braucht Geduld und jeden Tag eine kleine Prise von gezielter Bewegung. Dann dauerte es manchmal bis zu einem dreiviertel Jahr, bis plötzlich eine Veränderung wahrnehmbar war. Sowohl im Gleichgewichtssinn als auch im Verhalten der Kinder, in ihren Erfolgen und ihrer Motivation und ihrer Lust zu lernen. Weil nämlich das Lernen besser klappte."
Weiterführende Links
- Internetportal Schule & Gesundheit
- Das Projekt Schnecke
- Broschüre Projekt „Schnecke – Bildung braucht Gesundheit“, Ausgabe 2010
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