Gastbeitrag

Bildung ist Lebensmittel – und mehr als Prüfungsergebnisse

Schule auf oder Schule zu? Aktuelle Debatten zum Umgang mit der Pandemie drehen sich verkürzt um organisatorische Fragen und technischen Lösungen, um Bildung nicht zu gefährden. Dabei schließen sich Gesundheitsschutz und Bildungserfolg gar nicht aus.

21.01.2021 Bundesweit Artikel Dr. Birke Bull-Bischoff
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Unser erster Pandemie-Winter hat uns deutlich vor Augen geführt, dass die Versäumnisse der Politik im letzten Sommer und Herbst zu den Resultaten geführt haben, die wir unbedingt vermeiden wollten: Hohe Infektionszahlen und zu viele Todesfälle, überlastete Gesundheitseinrichtungen und schließlich auch wieder Homeschooling mit besonderen Belastungen für Alleinerziehende, Frauen, Menschen mit Behinderungen und die in Armut leben. Keine Frage ist, dass Maßnahmen getroffen werden müssen, um die Pandemie einzudämmen und Leben zu schützen – dazu gehört auch, dass Begegnungen unter Lehrenden und Lernenden so organisiert werden müssen, dass kein Infektionsrisiko besteht.

Hierfür haben Schulen im Rahmen ihrer Möglichkeiten bereits verschiedene Maßnahmen ergriffen, auch wenn die Unterstützung durch Bund und Länder nicht immer ausreichend und teilweise sogar höchst lückenhaft ist. Den Schulleitungen, Lehrkräften und auch Eltern und Schüler:innen, die unter diesen Umständen Konzepte umsetzen, die Bildung und Zusammenhalt aufrecht erhalten, gilt unser ganzer Dank!

Wenn wir auf die Schulen schauen, denen es gelingt, gut durch die Pandemie zu kommen, fällt auf, dass sich vor allem zwei Faktoren günstig auswirken: Sie haben sich zum einen rechtzeitig für die Digitalisierung geöffnet und verfügen jetzt über nötige Kompetenzen und Erfahrungen, wie Bildung digital klappen kann. Dies erfolgte vielfach auf eigene Initiative, da Bund und Länder es jahrelang versäumt haben, Schulen entsprechend auszustatten und fit zu machen. Zum anderen betrachten sie Schule und Bildung tief und breit – Lernen bedeutet für sie mehr als das Abarbeiten von Lehrplänen. Sie verstehen Bildung ganz nach dem Humboldt´schen Ideal als das Lernen von und für Selbstständigkeit, Mitmenschlichkeit, kritisches Denken und Reflexion - Bildung, die als Ziel mündige und verantwortungsbewusste Menschen hat. Die Pandemie sollte Anlass sein, diese Prinzipien wieder überall in den Vordergrund zu stellen. Die nötigen Schritte, die Schulen, Schulträger und Länder jetzt zum Gesundheitsschutz einleiten müssen, beinhalten auch die Chancen, gleichzeitig neue Bildungserfolge zu ermöglichen:

1. Schule als Lern- und Erfahrungsraum zugänglich erhalten

Schulen sollten unter Wahrung aller Vorsichtsmaßnahmen so bald wie möglich wieder Lern- und Treffpunkte in Kleingruppen ermöglichen können. Dafür brauchen wir nicht nur Lehrer:innen, sondern auch Sozialarbeiter:innen und andere pädagogische Fachkräfte sowie IT-Fachkräfte. Digitale Kommunikations- und Arbeitswerkzeuge gehören zu den Voraussetzungen für Lernen und Erfahren, sie sind nicht kein Selbstzweck. Das soziale Miteinander auch in Kleingruppen (analog oder digital) muss nicht zwingend dem Lehrplan folgen, sondern bietet auch durch Erfahrungsaustausch oder andere gemeinsame Aktivitäten Lernerlebnisse im Sinne des Humboldt´schen Bildungsziels.

2. Prüfungsdruck senken

Es ist wichtig, auch in Pandemie-Zeiten möglichst viel zu lernen, aber es ist nicht wichtig, möglichst viel zu prüfen. Da seit Monaten kaum Regelunterricht stattfindet und Lernende und Lehrende außergewöhnlichen und vielfältigen ungewohnten Belastungen ausgesetzt sind, muss der Druck auf Prüfungen und Abschlüsse dringend verringert werden. Prüfungen können verschoben, vereinfacht oder ganz ausgesetzt werden, Noten können auf Basis bisheriger Leistungen ermittelt werden. Dabei ist wohlwollend im Sinne der Schülerinnen und Schüler zu entscheiden, damit die Pandemie-Belastungen nicht zu Barrieren auf dem weiteren Bildungsweg werden. Prüfungserfolg ist nicht gleichzusetzen mit Lernerfolg.

3. Schwächste in den Mittelpunkt stellen

Homeschooling verdeutlicht und verschärft die sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem dramatisch. Auch hierfür müssen sichere Lern- und Begegnungsräume geschaffen werden. Lernen ist ein sozialer Prozess, der mit einem ruhigen und sicheren Umfeld beginnt. Schulen sollten vor Ort die Möglichkeiten leer stehender Bibliotheken, Jugendclubs, Museen etc. prüfen. Hierbei werden gleichzeitig Zugänge zu neuen Lernerlebnissen geschaffen.

4. Türen öffnen und kreative Lernmethoden integrieren

Um Lehrkräfte zu entlasten und spannendes, motivierendes Lernen zu unterstützen, sollten Kunst- und Kulturschaffende, Handwerker:innen und andere Profis eingebunden werden, die derzeit oftmals gar nicht regulär arbeiten können. Besuche lassen sich in mehreren Kleingruppen aufteilen, um vielfältige Praxis zu erleben und Abwechslung vom Homeschooling zu erfahren. Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln können außerhalb der Stoßzeiten organisiert werden.

5. Beteiligung praktizieren

Demokratie nicht nur lehren, sondern leben! Schulen und Schulgemeinschaften, Expert:innen der Praxis, Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Initiativen – runde Tische, digitale Diskussionsgremien und gemeinsame Entscheidungsfindungen bieten eine ideale Chance, Demokratie praktisch zu erlernen. Schon die Jüngsten können daran teilhaben.


5-Punkte-Papier für Schulen in der Pandemie



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