Bildungsgerechtigkeit

Wie ein wildes Tier

Estland erzielt bei den Pisa-Tests Spitzenleistungen und ist weltweites Vorbild für die Digitalisierung. Estnische Schulen arbeiten nicht revolutionär, aber zielgerichtet, datengestützt und leidenschaftlich. Von Roman Eisner

10.07.2025 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Gut gelaunte Kinder sitzen in der Schule um einen Tisch und lernen. © Adobe Stock Die Schulen in Estland schneiden in PISA-Tests mit Spitzenleistungen ab.

Ein Raumschiff schwebt über Mustamäe, einem Stadtteil am Rande der estnischen Hauptstadt Tallinn. Mustamäe ist geprägt von Plattenbauten aus der Sowjetzeit und von Industriegebäuden. Das Raumschiff fällt in dieser Umgebung auf. Es ist ein dreistöckiges Gebäude aus Stahl, Metall und Glas. Da es auf Säulen ruht, macht es den Eindruck, als würde ein Raumschiff zur Landung ansetzen. Seit 2023 ist es die Heimat des Gymnasiums Mustamäe. Schülerinnen und Schüler sollen sich darin fühlen wie Astronauten und Wissenschaftler, die am technischen Fortschritt der Menschheit arbeiten – so der Gedanke des Architektenteams und der Schulleitung.

Das oberste Stockwerk des Raumschiffs beherbergt an seinem spitz zulaufenden Ende die gläserne Bibliothek der Schule. Eigentlich wollten die Architekten hier das Büro der Schulleitung platzieren. Raino Liblik hat abgelehnt. Der Schulleiter entschied, dass diese besondere Fläche allein den Schülerinnen und Schülern gehören soll. In der lichtdurchfluteten Bibliothek erzählt die 17-jährige Schülerin Carol von ihrem Lieblingsfach Zeitstrahl: „Wir lernen darin etwas zu den historischen Ereignissen, der Literatur, der Kunst, Architektur und Musik aller Epochen, von der Antike bis zur Gegenwart.“ Zu schätzen weiß Carol auch, dass Zeitstrahl abwechselnd von verschiedenen Fachlehrkräften unterrichtet wird. Solche Verbundfächer sind die Normalität am Gymnasium Mustamäe.

Estland belegte bei den letzten Pisa-Tests 2022 den ersten Platz in Europa. Weltweit liegt das 1,3 Millionen Einwohner umfassende Land nur hinter Singapur, Japan und Südkorea. Estland hat nicht nur ein hohes Leistungsniveau, sondern erreicht laut Pisa auch ein hohes Maß an Bildungsgerechtigkeit – die estnischen Schulen schaffen es, alle Schülerinnen und Schüler auf ein höheres Leistungsniveau zu heben, unabhängig vom sozioökonomischen Status der Eltern. Im Kindergarten lernen alle Kinder lesen, schreiben und rechnen. Auf diesen Basiskompetenzen können die Grundschulen aufbauen. Bis zur 9. Jahrgangsstufe lernen alle estnischen Kinder gemeinsam, danach geht ihr Weg an eine berufliche Sekundarschule oder an ein Gymnasium. Zudem ist jede estnische Schule eine Ganztagsschule und alle Schülerinnen und Schüler erhalten hier kostenloses Frühstück und Mittagsessen. Estlands Schulen sind der zentrale Lebens- und Lernort für die Kinder und Jugendlichen.

Daten schaffen Transparenz

Den Erfolg ihrer Maßnahmen können die estnischen Schulen jederzeit überprüfen. Die Lernfortschritte und Leistungsdaten der Schülerinnen und Schüler werden laufend digital dokumentiert, zum Beispiel über die SchulmanagementPlattform ekool. Lehrkräfte, Schulleitungen und Regierung haben Einblick in die Leistungen aller Schüler/-innen und richten ihre Entscheidungen danach aus – also etwa zur Frage, welche Kompetenzen im ganzen Land gestärkt werden müssen oder welche individuelle Förderung ein einzelner Schüler benötigt. Seit 2004 laufen all diese Daten in der staatlichen Bildungsdatenbank Ehis zusammen. Das ermöglicht seit über 20 Jahren ein datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung.

Über die ekool-App erhalten auch die Eltern Informationen über die Leistungen ihres Kindes – und im Vergleich dazu den anonymen Leistungsdurchschnitt der ganzen Klasse. Die jungen Menschen können ihren Eltern nichts verheimlichen. Die Eltern sehen das als Grundlage, um sich mit ihren Kindern beim Abendessen auszutauschen und sie zu unterstützen.

Um diese Daten sammeln zu können, sind alle estnischen Schulen digital ausgestattet. Das bedeutet aber keine Eins-zu-Eins-Ausstattung, bereits 2014 hat sich Estland für die Devise „Bring your own device“ entschieden. Alle Klassenzimmer im Land verfügen über einen festinstallierten Laptop für die Lehrkraft, ein Whiteboard und einen Beamer. Das Gymnasium Mustamäe hat bei einer Anzahl von 700 Schülerinnen und Schülern zwei Klassensätze an Tablets. Schüler/-innen, die kein eigenes Gerät besitzen, erhalten ein Tablet von der Schule. Dass sie für kleinere Aufgaben auch ihr eigenes Smartphone benutzen dürfen, findet Carol gut: „Smartphones gehören zu unserem Alltag und sollten nicht verboten werden. Verbote erhöhen eher den Reiz, die Geräte heimlich zu benutzen.“

Lehrkräfte arbeiten autonom

Wie digital, offen oder traditionell der Unterricht abläuft, bestimmt in Estland jede Lehrkraft selbst. Sie müssen sich aber an den Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler messen lassen. Die gesammelten Daten lügen schließlich nicht. Christian Ohler, früher stellvertretender Schulleiter im baden-württembergischen Müllheim, ist seit 2019 Lehrer am Deutschen Gymnasium in Tallinn. Die Autonomie der estnischen Lehrkräfte sieht er als Erfolgsfaktor an: „Als Lehrer in Estland habe ich die volle Verantwortung für den schulischen Erfolg der Kinder und Jugendlichen. Deshalb biete ich auch außerunterrichtliche Unterstützung und individuelle Förderung an.“ Eine Stunde pro Woche bietet jede Lehrkraft am Deutschen Gymnasium Tallinn eine offene Nachhilfe- und Beratungsstunde an.  

Verfehlt eine Klasse die Leistungsstandards mehrmals, schreitet die Schulleitung ein. Dann berät sie mit der Lehrkraft, wie sich die Resultate verbessern lassen – zum Beispiel durch digitale Tools, um einzelne Schüler individueller zu fördern. Solche Beratungsgespräche führt am Gymnasium Mustamäe Karmen Kisel. Als „head teacher“ ist sie die didaktische Leitung der Schule. Neben ihren eigenen Unterrichtsstunden gestaltet Kisel auch den Dreijahres-Entwicklungsplan für ihre Schule und die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern. Eines lässt sich Karmen Kisel aber nicht nehmen. Jeden Morgen steht sie an der Schultür und begrüßt die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Mustamäe. „Werte wie Freundlichkeit, Zusammenarbeit und Innovationsbereitschaft sind uns wichtiger als bestimmte Lerninhalte oder Methoden,“ betont sie.

Will eine Lehrkraft am Gymnasium Mustamäe ihre Schüler/-innen mit digitalen Tools individueller fördern, wendet sie sich an Emma Loore Sinitamm. Sie hat selbst als Lehrerin unterrichtet, arbeitet heute aber in einer anderen Funktion an der Schule: als „educational technologist“, als pädagogische Technologin in Vollzeit. Dafür musste sie nochmal ein zweijähriges Masterstudium absolvieren. Ihren Job beschreibt Sinitamm so: „Als pädagogische Technologin unterstütze ich unsere Lehrkräfte und Lernenden bei der Durchführung von digitalem Unterricht.“ Sinitamm zeigt den Lehrkräften die Vorteile der digitalen Anwendungen, erstellt für sie digitale Unterrichtsmaterialien und schult sie im Umgang mit den digitalen Tools, etwa ekool, Canva, Microsoft Teams oder Moodle. Jede zweite estnische Schule hat mittlerweile einen eigenen pädagogischen Technologen.

Mit großen Sprüngen vorwärts

Bei der Digitalisierung der Bildung verfolgt Estland seit fast 30 Jahren eine klare Strategie. 1996 startete das Projekt „Tiger Leap“, übersetzt Tiger-Sprung. Das Land investierte damit in die Computer- und Netzwerkinfrastruktur. 2001 waren alle estnischen Schulen mit Computern und Internetzugang ausgestattet. 2012 folgten mit dem Programm „Proge Tiger“ Schulungen, um die technologischen und digitalen Kompetenzen von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern zu verbessern, zum Beispiel in den Bereichen Programmierung und Robotik. Das Land sieht sich zu diesem Tempo gezwungen, glaubt man dem estnischen EdTech-Unternehmer Taavi Kotka. Für ihn ist Estland „zu klein zum Scheitern. Länder wie Estland sind wie ein wildes Tier – ständig auf der Hut und gezwungen zu Innovationen.“

Estland setzt bereits zum nächsten Sprung an: dem KI-Sprung. Ab September können 20 000 Schüler/-innen der Oberstufe und 3000 Lehrkräfte die KI-gestützte Lernplattform ChatGPT Edu nutzen. Dafür arbeitet Estlands Bildungsministerium momentan mit OpenAI daran, die KI auf die Lernbedürfnisse estnischer Schüler/- innen zuzuschneiden. Der estnische Präsident Alar Karis selbst hat das Projekt ins Rollen gebracht: „Wir werden die künstliche Intelligenz nicht am häufigsten nutzen, aber am intelligentesten“. Die Schülerin Carol vom Gymnasium Mustamäe teilt diese Haltung: „Ich will nicht, dass Künstliche Intelligenz die ganze Arbeit für mich macht, sondern dass sie mir bei Themen hilft, die ich nicht so gut beherrsche, zum Beispiel in Chemie.“

Herausforderungen gibt es dennoch genug im estnischen Bildungssystem. Es herrscht Lehrermangel, vor allem in den MINT-Fächern. Auch der Umgang mit der russischsprachigen Minderheit im Land belastet das Schulsystem. Seit September 2024 werden russische Schulen und russischsprachiger Unterricht in Estland schrittweise abgeschafft. Bis 2030 sollen alle Schülerinnen und Schüler nur noch auf Estnisch unterrichtet werden. Das Land rechnet deshalb damit, dass ihre Leistungen in der nächsten PisaStudie schlechter werden. Diesen Leistungsknick nehmen die Esten aber gerne in Kauf. Ihnen geht es schließlich um den langfristigen Erfolg.

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 2/2025, S. 12-15 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_2_2025/#14



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