bpv setzt bei weiterer Reform des bayerischen Schulsystems auf verstärkte Frühförderung und Flexibilisierungen beim Übertritt
Die aktuelle PISA-Studie weist in den einzelnen Teilbereichen auf einen verhalten bis klar positiven Trend bei der Entwicklung der Schülerleistungen und dem Abbau der sozialen Disparitäten hin. Dennoch ist klar: Weitere Reformen und Anstrengungen zur Optimierung unseres Schulsystems sind notwendig. Die Abschaffung des gegliederten Schulwesens zugunsten einer Einheitsschule bzw. Gesamtschule stellt dabei für den Philologenverband aber aus mehreren Gründen keine Option dar:
07.12.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)- Die Gesamtschule fördert die Leistungspotenziale von Schülern bei vergleichbarer Begabung und sozialer Herkunft nur völlig ungenügend. So hat beispielsweise die Langzeitstudie BIJU am Ende der 10. Jahrgangsstufe bei Gesamtschülern Leistungsrückstände von zwei bis drei Jahren gegenüber Realschülern und Gymnasiasten nachgewiesen.
- Die Gesamtschule ist ungeeignet, soziale Disparitäten auszugleichen. Das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung unter seinem Direktor Prof. Jürgen Baumert kommt wörtlich zu dem Schluss: "Auch der Gesamtschule gelingt es nicht, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schullaufbahn aufzuheben oder nachhaltig zu reduzieren." Dies bestätigt auch die Entwicklung im integrierten Schulsystem Englands: In ihm haben sich die sozialen Disparitäten noch verstärkt.
- Die Gesamtschule wird von der Bevölkerungsmehrheit abgelehnt. Das gilt auch für die Verlängerung der Grundschulzeit. Zu diesem Ergebnis kommen übereinstimmend aktuelle Umfragen des FORSA-Instituts und des Münchner Instituts für Marktforschung. Die FORSA-Umfrage zeigt auch, dass das Gymnasium einen überwältigend großen Rückhalt in der deutschen Bevölkerung findet.
Der Bayerische Philologenverband (bpv) setzt daher in Übereinstimmung mit führenden Bildungswissenschaftlern auf Reformen innerhalb des gegliederten Schulwesens. Dabei fordert der bpv vor allem den weiteren Ausbau der frühen Förderung und eine erhöhte Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schularten.
Zur Erläuterung sagte der bpv-Vorsitzende: "Die wissenschaftliche Auswertung von PISA 2000 hat ganz klar ergeben, dass die Sprachkenntnisse gerade auch bei Migrantenkindern ganz entscheidend für die weitere Schullaufbahn sind. Unser vordringliches Ziel muss es daher sein, vor allem sprachlich bedingte Disparitäten bis zum Ende der vierten Grundschulklasse ausgeglichen zu haben. Für die Entscheidung über die weitere Schullaufbahn dürfen sie keine Rolle mehr spielen. Ganz zentral ist, dass alle Zehnjährigen über sehr gute Sprach- und Lesefähigkeiten in der deutschen Sprache verfügen." Damit hält der Philologenverband am derzeitigen Übertrittszeitpunkt fest. Um leistungsfähige Schüler noch stärker als bisher zu einem Wechsel der Schulart zu motivieren, befürwortet der Philologenverband die Pläne der Regierungsfraktion, jedem Schüler zum Zeugnis eine Empfehlung für den Besuch einer weiterführenden Schulart auszustellen. Zusätzlich muss nach Ansicht des bpv die Beratung über die weitere Schullaufbahn ausgebaut werden. "Besonders gute Realschüler müssen ebenso wie hoch begabte Hauptschüler am Ende der fünften Jahrgangsstufe auf einen möglichen Wechsel der Schulart hingewiesen werden. Dies geschieht zur Zeit viel zu selten. Entsprechendes gilt für Schülerinnen und Schüler am Ende der neunten Jahrgangsstufe", sagte Schmidt
Als Neuerung möchte der bpv für die Jahrgangsstufen 5 und 6 aber eine weitere flexible Einstiegsphase schaffen. "Wir wollen für ´Spätzünder´ zusätzliche Chancen", sagte Schmidt, "allerdings ohne eine verlängerte Grundschulzeit, da dies negative Auswirkungen auf die Bildungsqualität hätte. Und wir möchten, dass bei gegebenen personellen Voraussetzungen die Gymnasien die Gewähr dafür übernehmen können, dass alle Schüler der siebten Klassen am Gymnasium mindestens bis zu einem ersten Schulabschluss geführt werden können."
Neu ist auch, dass der Philologenverband in diesem Konzept zukünftig für die Schaffung zusätzlicher Schnittstellen zwischen den Schularten plädiert, sagte der bpv-Vorsitzende. "Wir wollen, dass zukünftig flexibler auf die persönliche Entwicklung der Leistungsfähigkeit und des Leistungswillens von Schülern im Laufe reagiert werden kann. Dazu sollten möglichst viele Optionen zu einem weiterführenden Schulabschluss offen gehalten werden, indem zusätzliche Übergangsstellen für einen Schulartwechsel geschaffen werden. "Es ist unser Ziel, jedem geeigneten Schüler den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife an einem Gymnasium zu ermöglichen", erläuterte Schmidt. Grundsätzlich soll nach den Vorstellungen des Philologenverbandes ein Wechsel zwischen den Schularten zukünftig auch nach der neunten oder zehnten Klasse auf folgende Arten möglich sein:
- Eintritt in die Oberstufe des Gymnasiums (Jahrgangsstufe 10) von der Realschule (Jahrgangsstufe 9/10) oder Hauptschule (Jahrgangsstufe 10).
- Eintritt in die Fachoberschule oder Beginn einer Berufsausbildung mit Mittlerem Bildungsabschluss von Gymnasium, Realschule und Hauptschule.
Am Gymnasium ist für Schülerinnen und Schüler, die keine allgemeine Hochschulreife anstreben, rechtzeitig eine Ausstiegsmöglichkeit auf der Basis eines Mittleren Bildungsabschlusses nach der 9. Jahrgangsstufe vorzusehen. Vom Gymnasium aus betrachtet, ergäbe sich einerseits die Möglichkeit des Beginns einer Berufsausbildung (unter Anerkennung der erreichten Qualifikationen und eventuell kürzerer Ausbildungszeiten), andererseits zum Umstieg auf eine andere Schulform (z. B. FOS) schon nach der Jahrgangsstufe 9. Die Jahrgangsstufe neun und zehn erhaltenen somit eine neue Gelenkfunktion in diesem System.
"Diese Maßnahmen sind natürlich nicht nur organisatorischer Art; zusätzliche Förderung benötigt auch zusätzliches Geld und Personal. Die Erfahrungen der Lehrkräfte wie auch wissenschaftliche Studien zeigen aber, dass diese Mittel gut angelegt sind", sagte Schmidt abschließend.
Für den Inhalt verantwortlich:
Peter Missy, Pressesprecher des bpv, E-Mail: pressestelle@bpv.de, Tel. 089/74 61 63 13
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