Auf dem Prüfstand

Braucht die moderne Schule Zensuren, Klassenwiederholungen und Hausaufgaben?

Hausaufgaben und Sitzenbleiben - zwei erzieherische und organisatorische Grundpfeiler der Schulen stehen seit einiger Zeit auf dem Prüfstand. Eine sinnvolle Entwicklung? Im Pro & Contra dazu der Vorsitzende des Bundeselternrates Hans-Peter Vogeler und der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger.

19.03.2014 Artikel
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Welche Rolle spielen Zensuren und Zeugnisse noch in der Schule?

"Lehrer benutzen Zensuren leider oft als Druckmittel"

Hans-Peter Vogeler: Eine große Rolle - leider. Zensuren eröffnen oder verbauen Bildungswege, denn sie bestimmen über die Versetzung und den Zugang zu Schulformen und stehen im Abschlusszeugnis, mit dem man sich bewirbt. Die meisten Eltern und erstaunlicherweise auch viele Lehrer halten Zensuren für eine objektive Aussage über den Leistungsstand eines Kindes. Zensuren sind aber nur in einer Hinsicht aussagekräftig: Sie zeigen den Eltern, wo das Kind in Bezug auf die Leistung der Klasse steht und wie seine Schullaufbahn aller Voraussicht nach verlaufen wird. Mit dem, was ein Kind tatsächlich kann und weiß und erst recht mit seiner Leistung haben sie nicht viel zu tun. Lehrer benutzen Zensuren leider oft als Druckmittel, also als Ersatz für Pädagogik. Pädagogischer wären Zeugnisse, die den Lernstand und die Leistungsentwicklung so beschreiben, dass sich daraus Fördermaßnahmen ableiten lassen.

"Im fortschrittlichen Skandinavien erleben Noten gerade eine Renaissance"

Heinz-Peter Meidinger: Natürlich spielen Zensuren und Noten nach wie vor eine nicht unbedeutende Rolle an deutschen Schulen. Wichtig ist, deren relative Bedeutung richtig einzuschätzen, Zensuren sind individuelle Rückmeldungen über den Leistungsstand in verschiedenen Fächern und keine Werturteile. Notendruck entsteht in erster Linie, wenn Eltern Zensuren überbewerten, was Kinder instinktiv spüren. Dass aber Noten auch nicht zufällig sind, zeigt die empirisch belegte Tatsache, dass nach wie vor die Abiturdurchschnittsnote die höchste Prognosekraft für den künftigen Studienerfolg aufweist. Im Übrigen: Im fortschrittlichen Skandinavien erleben Noten gerade eine Renaissance. Schweden führt in den Klassenstufen 6 und 7 die Ziffernbewertung wieder ein, und zwar als direkte Reaktion auf den Absturz des Landes bei PISA 2012.

Sitzenbleiben hängt von den Zensuren ab. Aber Sitzenbleiben ist teuer und ineffektiv sagen die einen, Klassenwiederholungen können eine Chance sein, die anderen. Was ist richtig?

"Sitzenbleiben schadet der Motivation"

Hans-Peter Vogeler: Sitzenbleiben bringt leistungsmäßig nichts und schadet der Motivation. War ein Schüler ein halbes Jahr krank, kann es sinnvoll sein, das Schuljahr zu wiederholen. Aber das sind Ausnahmen. Der normale Wiederholer muss seinen Platz in einer neuen Klasse finden, was leicht ein halbes Jahr dauern kann. Und dann wiederholt er sechs Fächer, in denen er den Stoff kann, nur weil er in zwei Fächern schwach war. Gewöhnlich liegt es an einer ungeeigneten Lernhaltung. Die wird nicht besser, wenn er einfach nur wiederholt, ohne spezielle Förderung.

"Diese Auseinandersetzung wird in Deutschland oft wie ein Glaubenskrieg geführt"

Heinz-Peter Meidinger: Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Sitzenbleiberquoten in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken sind, am stärksten an den Gymnasien. Wie bei so vielen bildungspolitischen Streitfragen wird auch diese Auseinandersetzung in Deutschland oft wie ein Glaubenskrieg geführt. Tatsache ist, dass es unnötige Klassenwiederholungen gibt, die bei rechtzeitiger Förderung und Intervention hätten vermieden werden können und sinnvolle, die tatsächlich einen Neustart und das Schließen von Stofflücken ermöglichen. In einigen Bundesländern wiederholen 40 Prozent der Wiederholer freiwillig, das heißt, sie sehen im Zusatzjahr eine echte Chance. Es ist nach meinen Erfahrungen auch ein Zerrbild, wenn das Sitzenbleiben generell mit Identitätskrisen und der Traumatisierung von Kindern in Verbindung gebracht wird. Meist finden die Wiederholer sehr schnell Anschluss und gewinnen oft neues Selbstwertgefühl.

Ich halte auch nichts von Studien, die lediglich synchron Leistungen von Durchfallern mit anderen Schülern vergleichen. Natürlich sind Wiederholer in der Regel keine Spitzenschüler. Wichtiger ist darauf zu schauen, ob das Wiederholungsjahr es ermöglicht, den angestrebten Schulabschluss doch noch zu erreichen. Und da sagen diachrone Studien eindeutig ja dazu. Deshalb kann ich auch nicht verstehen, wenn manche Bildungspolitiker über die Kosten von Klassenwiederholungen jammern. Wenn es der Erreichung des Abschlusses dient, ist es nie verschleudertes Geld.

Welche Bedeutung haben Hausaufgaben in diesem Kontext?

"In vielen Familien sind Hausaufgaben vor allem eines: Hausfriedensbruch"

Hans-Peter Vogeler: Das Sitzenbleiben können Hausaufgaben nicht verhindern. Bestenfalls dienen sie der Festigung des Gelernten. Das hilft dem Schüler nicht, der den Stoff schon in der Schule nicht verstanden hat. Wer keinen Zugang zum Lernstoff gefunden hat, dem helfen nur neue Lernwege. Die entdeckt der Schüler aber nicht allein zu Hause. So wie Hausaufgaben gewöhnlich gestellt werden, sind sie überflüssig bis kontraproduktiv. Sind sie Teil eines umfassenden Lernkonzepts - Lesen üben, Vokabeln lernen - können sie das Lernen unterstützen. In vielen Familien sind sie aber vor allem eines: Hausfriedensbruch.

"Hausaufgaben zu verbieten halte ich für Unsinn"

Heinz-Peter Meidinger: Jeder Pädagoge, jeder Schüler weiß natürlich, dass die Behauptung, Hausaufgaben brächten nichts für den Unterrichtserfolg, nicht stimmt. Die Wirkung von Hausaufgaben hängt von zwei Faktoren ab, zum einen muss die Hausaufgabe von der Lehrkraft so konzipiert sein, dass sie der Schüler aufgrund der Arbeit in der Schule gut bewältigen kann, und zum anderen setzt die Wirkung von Hausaufgaben natürlich auch voraus, dass diese ordentlich bearbeitet und erledigt werden. Außerdem sollten Hausaufgaben regelmäßig kontrolliert werden und auch zu individuellen Rückmeldungen vonseiten der Lehrkraft führen. Hausaufgaben zu verbieten, weil ansonsten Schüler benachteiligt seien, denen Eltern zu Hause nicht helfen können, halte ich für Unsinn. Hausaufgaben sollten grundsätzlich ohne Hilfe bewältigbar sein. Es darf dem einzelnen Schüler auch kein Nachteil entstehen, wenn er einmal eine Aufgabe nicht lösen kann. Dies ist ein wertvolles Feedback an die Lehrkraft dahingehend, was im Unterricht nochmals geübt werden sollte. Unabhängig davon sollte flächendeckend in Deutschland überall vor Ort eine kostenlose nachmittägliche Hausaufgaben- und Ganztagsbetreuung angeboten werden. Diese nützt im Übrigen nicht nur den Kindern aus sozial benachteiligten Familien.

Links

Dazu auf der didacta 2014 in Stuttgart

26.03.2014

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27.03.2014

Leistungsmessung an der Gemeinschaftsschule

Es wird anhand von praktischen Beispielen aufgezeigt, wie Leistungsmessung an der Gemeinschaftsschule erfolgt. Referenten: OStR Knut Becker (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg), Dr. Hans-Joachim Friedrichsdorf (Realschulrektor Tübingen). 12:00 - 13:00 Uhr, Forum Unterrichtspraxis, Halle 1, Stand D72

Inklusion, Demografie und Migration: Wie wird sich Schule verändern?

Die Inklusion muss zügig umgesetzt werden; Ideen und Konzepte werden entwickelt. Doch werden sie tragen? Rückläufige Schülerzahlen machen der Kultuspolitik zu schaffen. Bietet die demografische Rendite eine Chance? Immer mehr Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Wie verändert das die Schulkultur? Die Bundesländer gehen bei diesen zentralen Zukunftsfragen unterschiedliche Wege. Welche führen zum Erfolg? Es diskutieren: Heinz-Peter Meidinger (Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes), Dashne Sardar Sabr (InteGREATer e.V., Leitung Regionalgruppe Bonn), Thomas Strobl MdB (Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg), Hans-Peter Vogeler (Vorsitzender des Bundeselternrates). Moderation: Prof. Dr. Markus Ritter, Ruhr-Universität Bochum. 13:00 - 14:15 Uhr, Forum Bildung, Halle 1, Stand K71


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