Das Schulporträt: Eine Frage des Vertrauens
(Von Gerhard Hüfner) In der Grundschule "Bettino Ricasoli" stehen die Lehrerinnen und Lehrer vor schulischen Problemen wie hierzulande – aber sie haben auch mehr Entscheidungsspielräume. Denn Schulentwicklung ist in Italien weit mehr Vertrauenssache als in Deutschland.
18.09.2008 ArtikelDie italienische Provinz Arezzo ist geschichtsträchtig. Dante entdeckte mit seinem Dichterfreund Virgil in dieser Gegend den Eingang zur Hölle. Die Republik Florenz ließ 1337 im oberen Arnotal 50 Kilometer südlich der Stadt Neuland erschließen und ein Kloster zu einer befestigten Siedlung ausbauen. Es entstand eine auf dem Reißbrett konzipierte Kleinstadt, von einer hohen Stadtmauer geschützt und mit dem für die Renaissance typischen symmetrischen Grundriss. Terranuova nahm später den Namen ihres berühmtesten Sohnes in den Ortsnamen auf: Poggio Bracciolini (geb. 1380), Politiker, Papstberater, Dichter, Forscher, Humanist. Weitgehend unbeschadet bildet die Anlage noch heute den Kern von Terranuova Bracciolini. Seit der Gebietsreform gehören zur Gemeinde Terranuova Bracciolini weitere Dörfer, die früher ihre eigenen kleinen Schulen besaßen. Mit dem Niedergang der Landwirtschaft und der großen Landflucht in den sechziger und siebziger Jahren wurden diese Dorfschulen aufgelöst. In der Zwischenzeit hat sich die Gemeinde von diesem Bevölkerungsschwund wieder erholt. Die Lage an der Autobahn, die Mailand und Rom verbindet, zog nicht nur Speditionen und Auslieferungslager an; auch Verwaltungs- und Produktionsstätten eines Modekonzerns und eine Filiale eines italienischen Software-Konzerns schufen seit den 90er Jahren neue Arbeitsplätze. Die Zahl Bewohner ist von 8.000 wieder auf 12.000 gestiegen.
Acht gemeinsame Jahre
Alle Kinder aus den verschiedenen Dörfern der Gemeinde besuchen heute das mit 1.000 Schülerinnen und Schülern größte Schulzentrum der Provinz Arezzo: das "Istituto Comprensivo". Es besteht aus einem Kindergarten "Scuola Infanzia", der fünfjährigen Grundschule "Scuola Primaria" und der vierjährigen "Scuola Secondaria di primo Grado". Alle Kinder der Gemeinde besuchen bis zur Jahrgangsstufe 8 dieses Schulzentrum und werden erst danach auf fünfjährige gymnasiale Oberstufen mit allgemein- oder berufswissenschaftlichen Ausrichtungen verteilt bzw. in Jahrgangsstufe neun auf den Übergang in eine Berufsfachschule oder eine betriebliche Ausbildung vorbereitet. Für die Grundschule bedeutet dies, dass sie keine Auslesefunktion hat. Die Grundschule in Terranuova Bracciolini ist vierzügig mit 20 bis 26 Schülern pro Klasse. Zwei Klassen einer Jahrgangsstufe sind Halbtags- und zwei Ganztagsklassen. Die Eltern können jährlich über die Beschulungsform ihres Kindes entscheiden. Per Gesetz haben alle Schülerinnen und Schüler von der ersten Klasse an mindestens 891 Schulstunden im Jahr zu besuchen. Danach sind in den 33 Schulwochen 27 Unterrichtstunden pro Woche zu bestreiten. Da eine Unterrichtsstunde in Italien 60 Minuten dauert, kann das wöchentliche Pflichtpensum nicht in fünf Vormittagsstunden abgedeckt werden. Halbtagsschüler bleiben mindestens einen Nachmittag der Woche in der Schule. Ganztagsschüler haben sechs Vollzeitstunden Unterricht, eine Stunde Mittag und eine Stunde für ein Projekt, das häufig auch geblockt wird.
Für eine Ganztagsklasse sind zwei, für zwei Halbtagsklassen sind drei Lehrkräfte einplant. Bei einem Stundendeputat von 22 Vollzeitstunden sind rechnerisch täglich ein bis zwei Stunden gemeinsamer Unterricht von zwei Lehrern in einer Klasse möglich. Die Lehrkräfte bedauern, dass dies wegen nicht abgedeckter Vertretungsstunden oft nicht möglich ist.
Abschied von den Lehrplänen
Ab 1998 wurden den Schulen in Italien mehr Entscheidungskompetenzen übertragen. Die Lehrpläne wurden abgeschafft und Bildungsziele als kompetenzorientierte Standards für jedes zweite Schuljahr vorgegeben. Dabei wurde das letzte Kindergartenjahr und die Eingangsklasse der Grundschule zu einer Zweijahreseinheit zusammengefasst wie danach die Jahrgangsstufen 2 und 3 sowie 4 und 5. Die institutionelle Verzahnung und pädagogische Abstimmung von Kindergarten und Grundschule ist in Terranuova Bracciolini im gleichen Schulgebäude relativ problemlos umzusetzen. Eine Klassenwiederholung ist nur innerhalb einer Zweijahreseinheit und nur mit Zustimmung der Eltern möglich. Jahrgangsstufenteams entwickeln an der Schule, gestützt durch pädagogische Verlage, in Anlehnung an die Bildungsstandards schuleigene Lehrpläne und legen die Stundentafel fest. Der Fachunterricht wird so auf die Besonderheiten der lokalen Schülerschaft abgestimmt und die Projektsequenzen nach den vorhandenen Interessen der Schüler und Möglichkeiten der Schule gestaltet. Es finden z. B. Einheiten statt zu:
- Brot backen, Öl pressen oder Wein keltern früher und heute;
- Umwelterkundungen und Öko-Projekte;
- PC-Unterricht im eigenen Fachraum;
- interkulturelle Erziehung mit Blick auf die zunehmende Zahl von Migranten.
Um diese Unterrichtsplanungen gemeinsam vorzunehmen und die vorgeschriebenen individuellen Lernpläne für die Schüler zu erstellen, sind die Lehrer zu zwei Kooperationsstunden verpflichtet. Diese Zusammenarbeit wird von den meisten als willkommene Entlastung empfunden, erspart sie durch Arbeitsteilung doch allerlei mühsame Alleinarbeit.
Notengebung im Umbruch
Die früher übliche zehnstufige Notenskala wurde abgeschafft. Es gab ein kurzes Experiment mit einem Portfolio, in das Lehrkräfte, Eltern und Schüler ihre Eintragungen machen konnten. Aus Gründen des Datenschutzes und des Arbeitsaufwandes wurde es wieder eingestellt. Heute gibt es eine 5-stufige Notenskala, über deren Anwendung wiederum die Schule entscheidet. So wurde in Terranuova Bracciolini vom Kollegium mehrheitlich beschlossen, "ungenügend" nicht als Fachnote zu vergeben und sich bei den beiden Verhaltensnoten auf "sehr gut" und "gut" zu beschränken. Das "Ministero dell´ istruzione" in Rom verzichtet auf zentrale Schulleistungstests und externe Evaluation der Schulen. Es setzt ganz auf die professionelle Kompetenz und Verantwortung der Lehrkräfte, was diese zu würdigen wissen.
Die Probleme dort wie hier
Probleme, die einige Lehrkräfte der Scuola Primaria artikulieren, kommen einem deutschen Besucher bekannt vor: zu große Klassen, familiäre Erziehungsdefizite, exzessiver Medienkonsum der Kinder, zu geringe gesellschaftliche Anerkennung der Lehrkräfte und eine entschieden zu geringe Bezahlung: bei Vollzeitbeschäftigung nach zehn Dienstjahren 1.350 Euro netto. Nach zehn Jahren erweiterter Selbstständigkeit der italienischen Schulen besteht jedoch der Eindruck, dass die Lehrkräfte die pädagogischen und didaktischen Gestaltungsmöglichkeiten, die in vielen Punkten über die Möglichkeiten in Deutschland hinausgehen, ergreifen und für eine vielfältige Schulkultur und die Verbesserung der Schulqualität fruchtbringend nutzen.
P.S: Das sehr gute Abschneiden der italienischen Schüler bei der internationalen Grundschulleseuntersuchungen 2001 und 2006 war den Lehrkräften an der Scuola Primaria "Bettino Ricasoli" übrigens nicht bekannt.
Der Beitrag "Eine Frage des Vertrauens" ist erschienen in GRUNDSCHULE, Heft 9/2008. Diese Ausgabe widmet sich dem Schwerpunkt "Alles Mathe - Sinnvolle Aufgaben für das Sachrechnen" und enthält außerdem eine Methodenbox zur themenbezogenen Kommunikation.
Der Autor
Dr. Gerhard Hüfner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV).
Die Schule
Istituto Comprensivo Statale
Via Adige n. 1
52028 Terranuova Bracciolino (AR)
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