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„Das Thema Terrorismus drängt sich in das Leben der Schüler“

Terrorismus und Islamismus sind im deutschen Alltag angekommen – auch an Schulen. Wie diese Themen im Unterricht behandelt werden können, erklärt Journalist Elmar Theveßen. Als ZDF-Terrorismusexperte geht er der Frage nach, ob aktuell ein „Kampf der Kulturen“ stattfindet.

03.02.2017 Bundesweit Artikel Anne Odendahl
  • © ZDF Elmar Theveßen ist stellvertretender Chefredakteur und Leiter der ZDF-Hauptredaktion „Aktuelles“. Im September ist sein aktuelles Buch „Terror in Deutschland: Die tödliche Strategie der Islamisten“ erschienen.

Herr Theveßen, gibt es auch an Schulen einen „Kampf der Kulturen“?
Zumindest treibt er die Schüler um. Sie wollen darüber reden. Sie haben Fragen oder auch heftige Kritik, weil sie miterleben, was in der Welt los ist. Angesichts der Terroranschläge in Deutschland, drängt sich das Thema Terrorismus in das Leben der Schüler, wenn auch vielleicht nicht in dem Ausmaß wie in Brüssel und Paris. Mein persönlicher Eindruck ist, dass an manchen Schulen offen drüber diskutiert wird, und das ist gut. Wenn sich beispielsweise jemand, der aus einer Krisenregion kommt, empört und nicht verstehen kann, wieso der Westen nichts unternimmt, hat ein anderer ohne Migrationshintergrund andere Vorstellungen und Vorurteile gegenüber den ankommenden Flüchtlingen. Man muss dieser Diskussion Raum geben. Das braucht aber Betreuung durch den Lehrer.

Wie können Lehrkräfte das Thema Terrorismus im Unterricht angehen?
Lehrer haben da natürlich eine ganz wichtige und entscheidende Rolle. Konflikte tauchen eben in der Klasse auf, wenn Fragen gestellt werden oder Kritik geäußert wird. Lehrer wären in der Lage, ein Forum zu schaffen, in dem man offen, ohne Tabus Dinge miteinander diskutieren kann, ohne von vornherein für eine starke Meinung abgestraft zu werden. Dafür müssen Lehrer aber vorbereitet sein und sich mit dem Thema auskennen. In Deutschland ist das Thema Terrorismus in den meisten Bundesländern leider nicht Bestandteil des Curriculums, was im Umkehrschluss heißt, dass Lehrer auf Eigeninitiative hin arbeiten müssen. In der Regel finden sie keine Unterrichtsmaterialien. Das muss sich meiner Meinung nach ändern.

Wie können Lehrkräfte das Thema trotzdem vorbereiten?
Der Lehrer kann vorher recherchieren und sich mit Einzelbiographien beschäftigen. Warum wird ein junger Mensch zum Terrorist? Das kann man anhand von Einzelbeispielen sehr genau nachlesen. Allerdings ist es mühevoll, die entsprechenden Zeitungsartikel und anderen Veröffentlichungen zu finden. In Rheinland-Pfalz versuchen wir über einen Uni-Professor, Materialien und Unterrichtsreihen zu dem Thema durch Studierende vorbereiten zu lassen. Die Konzeptionierung ist 2016 erfolgt. 2017 sollen die Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt werden, möglicherweise per Download. Aber auch die Medien haben einiges zu bieten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben eine Reihe von Dokumentationen zu dem Thema – also mehr als die tagesaktuelle Berichterstattung, die man sich sinnvollerweise auch mal angucken kann, weil sie Emotionen entzündet: zum Beispiel mit schrecklichen Bilder aus Aleppo oder von Terroranschlägen mitten in Europa. Aber die Zusammenhänge werden in Dokumentationen oder Büchern dargestellt und das muss ein Lehrer aufbereiten. Leider sind wir mittlerweile in einem Universum unterwegs, wo es schwer fällt, in all dem Lärm die richtigen Medien herauszusuchen. Das geht jedem so. Auch uns Journalisten, wenn wir mit den sozialen Medien zu tun haben, in denen zu jedem beliebigen Ereignis wilde Gerüchte die Runde machen. Und zwar in so großer Zahl, dass man Schwierigkeiten hat, die Fakten herauszufiltern. Insofern ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen, wie man zwischen Fake-News und dem, was verlässlich ist, unterscheiden kann.

Der „Kampf der Kulturen“ ist eine These des amerikanischen Professors Samuel Huntington. Sie besagt, dass Konflikte nicht mehr zwischen Nationalstaaten entstehen, sondern zwischen Kulturen, Konfessionen und Identitäten. Das Buch „The Clash of Civilizations“ erschien 1996 und war die Erweiterung eines gleichnamigen Artikels, den Huntington 1993 veröffentlicht hatte und der bereits die These beinhaltete.

Wie wichtig ist das Schulfach „Politische Bildung“?

Ich glaube, politische Bildung ist extrem wichtig, weil wir die Tendenz in der Welt haben, Dinge zunehmend fragmentiert anzuschauen. Das heißt, man sieht etwas und wertet es gleich. Ich will mal ein Beispiel nennen: Wenn man sieht, dass Syrien einerseits von russischen Streitkräften und ihren Verbündeten und andererseits von den US-Streitkräften und ihren Verbündeten bombardiert wird, kann man zu dem Schluss kommen, dass sie das Problem erschaffen. Sie sind also Schuld, dass die Flüchtlinge hierher kommen und sollen sich bitteschön auch darum kümmern. Das ist aber ein Kurzschluss. Er verkennt, dass auch wir Europäer massiv dazu beigetragen haben, dass dieses Land 2011 in einem Bürgerkrieg explodiert ist. Die politischen Zusammenhänge sind komplexer als einen Tagesereignisse glauben lassen. Und das kann man nur in Form von politischer Bildung, auch im Unterricht, aufarbeiten, indem man sich die Zeit nimmt, diese Zusammenhänge aufzuspüren und miteinander zu diskutieren.

Kann Schule präventiv eingreifen, bevor sich Schüler radikalisieren?
Absolut, und zwar durch eine offene Diskussionskultur: einerseits im Unterricht, aber möglicherweise auch mit Workshops, Diskussionsrunden oder Vorträgen. Ich glaube, da kann man eine Menge machen. Das kann man nur empfehlen, weil das Unterdrücken strittiger Themen Dampf erzeugt, der irgendwo aus dem Kessel heraus muss. Das kann bei Einzelnen dazu führen, dass sie sich radikalisieren.

Auf der didacta 2017 in Stuttgart spricht Elmar Theveßen über den Umgang mit Islamismus an Schulen:

Forum didacta aktuell
Islamistischer Terror oder Kampf der Kulturen? Wie geht Schule mit dem Thema um?
Prof. Dr. Matthias Degen, WDR, spricht mit dem ZDF-Terrorismusexperten Elmar Theveßen
15.02.2017
12:00 - 12:45 Uhr
Stand: 5D32 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Weitere Veranstaltungen zum Thema:

Frühe Bildung

Kita-Seminar
Forum: Interreligiöse Kompetenz in Kitas
Prof. Dr. Nina Kölsch-Bunzen
17.02.2017
13:00 - 14:30 Uhr
ICS, Raum C4.2
Veranstalter: Didacta Verband e. V.
Die Teilnahme ist anmeldepflichtig. Bitte melden Sie sich hier an: www.didacta.de

Kita-Seminar
Workshop: Interkulturelle Bildung: Projekt Heimat
Anne Groschwald
17.02.2017
13:00 - 14:30 Uhr
ICS, Raum C4.1.1
Veranstalter: Didacta Verband e. V.
Die Teilnahme ist anmeldepflichtig. Bitte melden Sie sich hier an: www.didacta.de

Kita-Seminar
Workshop: Zusammenarbeit mit Eltern unterschiedlicher Herkunft
Daniela Kobelt Neuhaus
17.02.2017
13:00 - 14:30 Uhr
ICS, Raum C4.1.2
Veranstalter: Didacta Verband e. V.
Die Teilnahme ist anmeldepflichtig. Bitte melden Sie sich hier an: www.didacta.de

Schule/Hochschule

Forum Unterrichtspraxis
Pädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern
Prof. Dr. Hubertus Adam, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Martin Gropius Krankenhaus, Eberswalde (bei Berlin)
11:00 - 12:00 Uhr
Halle 1, Stand 1E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Lebenswelten von Jugendlichen verstehen
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann
15.02.2017
15:30 - 16:30 Uhr
Halle 6, Stand 6D32
Veranstalter: Didacta Verband e. V. / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Integration, Inklusion, Individualisierung: Wie kommen wir endlich voran?
Darüber diskutieren:

  • Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des VBE
  • Dr. Johannes Bergner, Leiter der Abteilung „Allgemein bildende Schulen und Elementarbildung“ im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg
  • Georg Eisenreich, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
  • Dr. Ulrich Jahnke, Referatsleiter bei der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration
  • Prof. Dr. Kerstin Ziemen, Universität zu Köln, Leiterin des Projekts Inklunet, Hg. „Lexikon Inklusion“ (2016)

16.02.2017
10:30 - 11:45 Uhr
Halle 1, Stand 1H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier


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