Umfrage

Der Schmerz ist groß

Die Zahlenbasis zum Thema schulische Digitalisierung ist mager. Viele Daten stammen aus dem Vor-Smartphone-Zeitalter und sind damit hoffnungslos veraltet. Die Corona-Pandemie hat dem digitalen Arbeiten im schulischen Kontext einen Schub verpasst – doch wie sieht es damit an den Schulen tatsächlich aus?

27.07.2020 Baden-Württemberg Pressemeldung GEW Baden-Württemberg
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300 in drei Stunden, über 1.000 binnen eines Tages – so viele Schulleitungen haben sich - mitten im Endspurt eines hochanstrengenden Corona-Schuljahres - die Zeit genommen, um über den Status-Quo ihrer schulischen Digitalisierung Auskunft zu geben. Der Schmerz ist groß beim Thema Digitalisierung!

Mit ihrer Abfrage adressierte die Digitalisierungs-Initiative zukunftsorientierter schulischer Interessensvertretungen aus BLV, GEW, Grundschulverband, VBE und GMS-Verein alle staatlichen Schulen in Baden-Württemberg. Über 2.000 Schulen über alle Schularten hinweg haben sich beteiligt. Worum es dabei geht? „Die Diskussion darüber, wie sich unsere Schulgemeinschaften der digitalen Welt öffnen können, bewegt sich zu oft im Bereich von Spekulation und anekdotischem Hörensagen“, erklärt Oliver Hintzen, Stellv. Landesvorsitzender des VBE BW. Solide Fakten für eine evidenzbasierte Betrachtung fehlen - sowohl auf allen Schulverwaltungsebenen, als auch bei den Schulträgern. Diese Lücke will die Initiative schließen und so zur konstruktiven Planung notwendiger Entwicklungen beitragen.

Tatsächlich wurden endlich wichtige erste Schritte gemacht, um die Schulen digital voran zu bringen. Die Vereinfachung des Zugangs zu Mitteln aus dem Digitalpakt geht in die richtige Richtung. „Wir freuen uns, dass unsere Initiative hier einen positiven Impuls setzen konnte – doch Geräte alleine reichen nicht, wir brauchen auch eine zeitnahe und hochwertige Befähigung aller Beteiligten für das digitale Arbeiten an unseren Schulen“, sagt Doro Moritz, Vorsitzende der GEW BW. Trotz Freude über Endgeräte für besonders Bedürftige, darf man die weitere Perspektive nicht aus den Augen lassen: Moderne Elektronik ist innerhalb weniger Jahre veraltet und muss kontinuierlich gewartet werden.

„Wir brauchen eine Perspektive, wie wir einen nachhaltig guten Digital-Status der Schulen etablieren – dazu gehört, dass die Wartung der Technik vor Ort in professionelle Hände gelegt wird“, erklärt Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen BW, als Forderung der Initiative. Auch bei der Funktionalität der mittlerweile vom Kultusministerium lancierten Tools ist Luft nach oben. „Die Threema-Lösung des KM lässt die wesentlichen Akteure von Schule, nämlich die Schülerinnen und Schüler, außen vor - dabei müssten wir gerade hier auf schnelle und einfache Kontaktwege zugreifen“, sagt Thomas Speck, Vorsitzender des Berufsschullehrerverbands BLV BW.

Auch Moodle ist als Anwendung für große Teile der Schulwelt zu kompliziert und damit gerade für die Jüngsten an den Schulen ungeeignet: „Die Idee von Barrierefreiheit muss bei der Digitalisierung von Schule mitgedacht werden, die Schulwelt besteht aus mehr als den Gymnasien“, rügt Prof. Thomas Irion, Vorstandsmitglied des Grundschulverbands BW. Dass die besonderen Anforderungen des Grundschulunterrichts bei vielen Überlegungen zur Digitalisierung nicht angemessen berücksichtigt werden, ist aus Sicht der Betroffenen ein massives Defizit.

Insbesondere während der Schulschließung wurde deutlich, dass viele der aktuellen Landeslösungen nicht grundschulgerecht sind. Die aktuellen Zahlen zur Digitalität von Schule sind ernüchternd: „Der genaue Blick auf die Schulrealität zeigt, dass selbst die angeblichen Vorreiter in diesem Thema bestenfalls Einäugige unter Blinden sind“, sagt Volker Arntz, Sprecher Netzwerk Schule im Verein für Gemeinschaftsschulen, der die Abfrage federführend vorangetrieben hat. Selbst im beruflichen Bereich stehen lediglich an einem Zehntel der befragten Schulen Endgeräte in einer 1:1-Ausstattung zur Verfügung.

Unter der Annahme, dass digitalisierter Unterricht erst möglich ist, wenn sich maximal zwei Lernende ein Endgerät teilen, seien aktuell nur etwa fünf Prozent der Stichprobe von über 2.000 Schulen in der Lage, digitalen Unterricht zu leisten. Dazu kommt die Frage der Internetperformance: Zwar verfügt ein Großteil der Schulen über eine Breitbandverbindung, aber nur 7,5 Prozent davon sind mit Hochgeschwindigkeitsinternet ausgestattet. Zudem ist in drei Vierteln der befragten Schulen die pädagogische Programmfläche zu unter 80 Prozent mit Netzzugängen via LAN/WLAN versorgt – eines von fünf Klassenzimmern dieser Schulen hat keinen Internetanschluss. Wo eine Konnektivität gegeben ist, reicht bei knapp zwei Dritteln der Befragten die Bandbreite für Unterrichtszwecke nicht aus. Technik ist nur ein Teil von Digitalität. Die Anwender:innen müssen zunächst befähigt und dann kontinuierlich weitergeschult werden. Hier wartet die Schulwelt seit vier Monaten gespannt auf die Angebote des neuen Qualitätsinstituts ZSL.

Die Uhr tickt: Der erste Jahrgang hat unter widrigen Bedingungen seine Prüfungen zum Hauptschulabschluss, mittleren Reife und Abitur absolviert, die nächste Schülergeneration steht in den Startlöchern. „Wir brauchen zeitnah echte Unterstützung, falls wir wieder in den Schule@Home zurückkehren müssen“, fasst VBE-Vertreter Hintzen die Forderung der Initiative zusammen. Die Ressourcensituation der Beteiligten muss dabei stets berücksichtigt werden: „Es geht um Entlastung statt Belastung! Diese Prämisse muss über allen Impulsen stehen, die vom Kultusministerium ausgehen“, resümiert BLV-Vorsitzender Speck. Den Austausch mit den Schulpraktiker:innen auf der Arbeitsebene wollen die Verbandsvertreter gemeinsam weiter vorantreiben. Auf Impuls der Initiative fand ein erstes Gespräch im Ministerium statt. Learning Expeditions sind dabei ebenso denkbar, wie Austauschgruppen oder kollegiale Beratung die der Idee aus der Bildungsforschung von Schulfamilien folgen. „Es gibt viel voneinander zu lernen, doch auch dieser Prozess muss professionell moderiert werden, sonst brauchen wir über Qualität nicht länger diskutieren“, sagt dazu GEW Chefin Moritz.

„Man muss sauber zwischen Digitalisierung und digitaler Bildung unterscheiden“, mahnt Grundschul-Experte Prof. Thomas Irion, sich dem Thema nicht zu mechanistisch zu nähern. Denn es gilt eines nicht vergessen: A fool with a tool is still a fool. Statt der Digitalisierung analogen Lernverständnisses bedarf es der Entwicklung eines neuen Verständnisses von Schule und eines schulischen Mindsets für das digitale Zeitalter. Die Bildungsforschung beschreibt dies im 4-K Modell. Matthias Wagner-Uhl erklärt es so: „Wir müssen in den Schulen eine echte Kultur der Digitalität entwickeln, die genau jene Kompetenzen fokussiert, die für die Zukunft im 21. Jahrhundert von herausragender Bedeutung sind, nämlich Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken“.

Ansprechpartner

GEW Baden-Württemberg

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