"Der Wert der beruflichen Bildung wird von Schleicher völlig unterschätzt"

Die "Analyse" des deutschen Bildungsystems in der Veröffentlichung "Bildung auf einen Blick" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die daraus resultierenden "Empfehlungen" bemängelte heute Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider in der Sitzung des Bayerischen Kabinetts wegen ihrer einseitigen Wahrnehmung der Bildungssituation.

18.09.2006 Bayern Pressemeldung Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

Harte Kritik übte Siegfried Schneider an der "gebetsmühlenhaft wiederholten und einseitigen Forderung" von Andreas Schleicher von der OECD, die Zahl der Abiturienten und Hochschulabsolventen in Deutschland zu erhöhen. Um eine gute Krankenschwester oder ein guter Techniker zu werden, ist es nicht notwendig, an einer Hochschule zu studieren", wies Minister Schneider auf die ernormen Leistungen der beruflichen Bildung hin.

Die Statistischen Ämter in Deutschland haben in ihrer Untersuchung darauf hingewiesen: "So ist die berufliche Ausbildung in Deutschland weitgehend im dualen System angesiedelt, während in anderen OECD-Staaten die Berufsausbildung zum Teil an den Hochschulen vermittelt wird." Der Erfolg der dualen Ausbildung schlage sich auch in der vergleichsweise niedrigen Arbeitslosenquote von Jugendlichen in Deutschland gegenüber der im OECD-Durchschnitt nieder, so Schneider. Für das Vergleichsjahr, das die jüngste Veröffentlichung "Education at a glance - Bildung auf einen Blick" zugrunde legt, lag der Wert für Deutschland bei 9,3 Prozent, der europäische Durchschnitt aber bei 17,4 Prozent. In Bayern waren nach Daten der Bundesagentur für Arbeit 7,3 Prozent der Jugendlichen zu dem Stichdatum arbeitslos und damit deutlich weniger als im Bundesdurchschnitt. Minister Schneider nutzte die Gelegenheit, den Unternehmen in Deutschland für ihr Engagement in der Ausbildung junger Menschen zu danken. Sie sicherten durch die qualifizierte Ausbildung nicht nur ihre eigene Marktfähigkeit, sondern böten den Jugendlichen ein stabiles Fundament für ihren Lebensweg.

Dank des differenzierten Bildungsangebotes der beruflichen Bildung verfügen 84 Prozent aller 25-64-Jährigen in Deutschland über einen Abschluss im Sekundarbereich II. Dagegen liege der OECD-Durchschnitt bei gerade 67 Prozent. Diese Tatsachen würden von Schleicher übersehen, ganz nach dem Prinzip: "Was ich nicht wahrhaben will, existiert nicht." Die Realität liefere jedoch andere, unübersehbare Fakten.

Bereits heute, ergänzte der Minister, erwerben rund 43 Prozent aller Studierenden in Bayern die Zugangsberechtigung zur Hochschule nicht über das Gymnasium, sondern auf den vielfältigen Wegen der beruflichen Bildung. Diese positive Entwicklung will Minister Schneider nach dem Grundsatz "Kein Abschluss ohne Anschluss" weiter ausbauen.

Minister Schneider widersprach auch dem Vorwurf, dass die deutschen Länder einen zu geringen Anteil des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgeben. In Bayern liegen die Ausgaben pro Schüler absolut betrachtet über den deutschen Durchschnittswerten und mit rund 7.400 € auch merklich über dem Durchschnitt der OECD-Staaten, so Minister Schneider.

Kultusminister Schneider erinnerte daran: "Internationale Studien haben durchaus ihren Wert." Aber die OECD und Schleicher sollen endlich annehmen, dass "alle Bildungssysteme aus länderspezifischen Traditionen erwachsen sind." Aufgrund dieser Tatsache sei eine "1:1-Übertragung" von einem Land auf ein anderes nicht möglich.

Mit großen Anstrengungen arbeite auch Bayern daran, junge Menschen mit Migrationshintergrund beim Erwerb der nötigen Sprachkompetenzen zu unterstützen. "Die deutsche Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg in der Schule und im Beruf", so Minister Schneider. So sei die Anzahl der Unterrichtsstunden in den Vorkursen von 40 auf 160 angehoben worden. Der Besuch des Vorkurses und des Kindergartens sei seit diesem Schuljahr verpflichtend, wenn bei dem Einschulungsgespräch die nötigen Sprachkompetenzen fehlten. Weitere Fördermaßnahmen im Umfang von rund 900 Lehrerstellen werden in der Schule angeboten.

Mit Hilfe verschiedenster Maßnahmen der individuellen Förderung an der Schule, etwa der Praxisklassen und der M-Klassen an den Hauptschulen, sowie durch den Ausbau der Ganztagsangebote habe Bayern in den vergangenen Jahren konsequent die Angebote für Kinder und Jugendliche ausgeweitet, die eine verstärkte Förderung nötig haben. "So verbessern wir gerade die Chancen für die Kinder, die im Elternhaus nicht so intensiv gefördert werden können", so Minister Schneider. Es sei aber klar: Diese Förderung wird erst in einigen Jahren deutlich messbare Früchte tragen. Erstmals haben die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder 2006 einen Tag nach der OECD-Publikation "Bildung auf einen Blick" eine Auswahl der Daten der einzelnen Länder bezogen auf die dort veröffentlichten bundesweiten Aussagen herausgegeben. Die Grundlage der OECD-Publikation bilden längst mehrfach veröffentlichte Daten von 2003 bzw. 2004.


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