DL-Präsident Josef Kraus im WDR zur aktuellen PISA-Sonderauswertung

Zur aktuellen Sonderauswertung von PISA-Daten aus dem Jahr 2012 nahm DL-Präsident Josef Kraus in einem Interview mit dem WDR sinngemäß wie folgt Stellung:

12.02.2016 Pressemeldung Deutscher Lehrerverband (DL)

"Die aktuell vorgelegten Ergebnisse sind nach wie vor kein Ruhmesblatt für die Schule in Deutschland. Man sollte aber auch nicht übersehen, dass erhebliche Verbesserungen zu verzeichnen sind. Wenn sich der Anteil der sogenannten Schwachleister in einzelnen Testbereichen von 22 auf 14 Prozent reduziert hat, dann ist das eine Reduzierung dieser problematischen Schülerschaft um rund ein Drittel.

Für den nach wie vor problematischen Anteil an leistungsschwachen Schülern gibt es maßgeblich zwei Gründe. Der eine hat mit der Schule, der andere mit deren Elternhaus zu tun.

Was problematische Elternhäuser betrifft, so ist es immer noch nicht gelungen, sie in Sachen Schulbildung ihrer Kinder in die Pflicht zu nehmen. Es gibt jedenfalls – zumal Schulbildung in Deutschland kostenfrei und damit nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig ist – keine Bildungsoffensive ohne elterliche Erziehungsoffensive. Natürlich hat das Gemeinwesen eine große Bringschuld, das heißt die Verantwortung, ein gutes und effektives Bildungswesen zur Verfügung zu stellen. Zugleich gibt es bei den Adressanten des Bildungsangebots eine Holschuld. Hier mangelt es oft – sowohl bei Teilen der deutschen Schülerschaft wie auch bei Teilen der Schülerschaft mit Migrationshintergrund.

Die Schulen allein können das Problem nicht beseitigen. Sie könnten aber, zumal in einer äußerst heterogenen Schülerschaft, mehr individuelle Förderung von schwachen wie auch von besonders leistungsfähigen Schülern leisten, wenn sie eine 105- bis 110-prozentige Stundenausstattung hätten. Damit könnte Unterrichtausfall vermieden werden, der nach wie vor vorhanden ist und vor allem zu Lasten der Schwächsten geht. Außerdem könnten so Förderkurse für schwache Schüler eingerichtet werden.

Die Heterogenität der Schülerschaft an deutschen Schulen wird im Übrigen in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Es ist nicht unrealistisch, davon auszugehen, dass wir im Frühsommer 2016 aufgrund von Familiennachzug 400.000 bis 500.000 schulpflichtige Flüchtlinge in Deutschland haben. Diese Schüler wird man vernünftigerweise nicht gleich in PISA-Tests einbeziehen. Aber unabhängig davon brauchen wir für diese Schüler Tausende von ein- bis zweijährigen Brückenklassen, in denen sie auf die Integration in eine Regelklasse vorbereitet werden."


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