„Ein Roboterlehrer braucht Gefühle“
Bei dem EU-Projekt „emote“ erforschten Experten, wie zukünftig Roboter im Unterricht eingesetzt werden könnten. Sind Lehrer irgendwann überflüssig? Das Interview führte Tina Sprung
didacta DIGITAL: Ein Roboterlehrer unterrichtet 30 Schüler in einem Klassenzimmer. Ist das Fiktion oder bald Realität?
Arvid Kappas: Beides. Es ist bereits jetzt kein Problem, dass ein Roboter in einer Klasse eingesetzt wird. Professor Jürgen Handke von der Universität Marburg hat Roboter Pepper in seinen Vorlesungen als Assistenten dabei. Er weist die Studenten beispielsweise darauf hin, leise zu sein. Bis ein Roboter eine komplette Unterrichtsstunde hält und den Lehrer ersetzt, wird es allerdings noch 20 bis 30 Jahre dauern.
Warum?
Roboter können bisher nicht auf komplexe Fragen eingehen und kommen durcheinander, hängen sich auf, wenn mehrere Schüler in der Klasse auf einmal sprechen. Der Roboter muss sich auf ein Gesicht konzentrieren, um Informationen aufzunehmen. Hier müssen wir noch viel erforschen.
Arvid Kappas ist Professor an der Jacobs University in Bremen und beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Emotionen. Er erforscht den Einsatz von Robotern an Schulen.
www.emote-projekt.eu
Im vergangenen Jahr haben Sie das EU-Projekt „emote“ abgeschlossen. Was haben Sie genau untersucht?
Wir wollten herausfinden, wie sich der Einsatz von Robotern auf das Lernen auswirkt. Dafür haben wir Schüler in einem überwachten Raum an der Universität mit dem Roboter an Landkarten arbeiten lassen. 30 Wissenschaftler haben dieses Experiment vorbereitet und danach analysiert wie gut die Kinder und die Roboter sich dabei gemacht haben. Die wichtigsten Erkenntnisse sind für uns, dass die Kinder die Roboter faszinierend finden und gerne mit ihnen interagieren. Wenn Roboter die Schüler bei Fehlern verbessern, gehen diese damit besser um, als wenn es der Lehrer tut.
Wie sah das gemeinsame Lernen konkret aus?
In einem Experiment stand ein Schüler vor einem großen Bildschirm, auf dem eine topografische Karte abgebildet ist. Der Roboter steht vor dem Kind und erklärt ihm die Legenden. Die Schüler müssen am Bildschirm Aufgaben lösen und einzelne Orte und Sehenswürdigkeiten auf den Karten finden. Der Roboter übte so lange mit den Kindern bis sie den Stoff sicher beherrschten.
Das heißt, der Roboter übt mehr mit den Kindern als ihnen neuen Stoff zu vermitteln.
Genau. Deswegen sprechen wir bei den Robotern noch von Tutoren. Der Lehrer erklärt den Stoff, der Roboter übt mit den Schülern. Das funktioniert gut. In Schweden haben über mehrere Wochen einzelne Schüler mit den Robotern das Kartenlesen geübt.
Sie untersuchten dem Projekt auch Emotionalität bei Robotern. Ist das die Voraussetzung, damit ein Roboter unterrichten kann?
Emotionalität ist sehr wichtig. Wenn Menschen miteinander umgehen, passiert viel im nonverbalen Verhalten. Ein Lehrer kann am Gesichtsausdruck erahnen, ob der Schüler den Stoff verstanden hat oder nicht. Das muss auch bei Robotern funktionieren, damit sie als Lehrer eingesetzt werden können. Der Roboter braucht die Sensorik, die die Mimik und Gestik aufnimmt, und gleichzeitig das Verständnis, Signale zu deuten. Nur ein gefühlvoller Roboter ist ein guter Lehrer.
Wenn das gelingt: Wie wird sich Unterricht durch den Einsatz von Robotern verändern?
Das Lernen an sich verändert sich nicht stark. Roboter können vor allem Lehrer entlasten, beispielweise in Flüchtlingsklassen als Tutoren, die die Sprache beherrschen. Wird ein Roboter beispielsweise auf Paschto, afghanisch, programmiert und upgedatet, wären auf einmal tausende Roboter an Schulen in der Lage, auf afghanisch zu unterrichten.
Wie können Roboter schon jetzt eingesetzt werden?
Es gibt einfache Roboter, die sich zum Programmieren üben eignen. Allerdings sind sie da kein Lehrer. An ihnen üben Schüler Programmieren lernen. Den Einsatz finde ich gut. In naher Zukunft werden wir mit Robotern auch im Alltag konfrontiert werden. Die Maschinen werden beispielsweise in Krankenhäusern arbeiten. Deswegen brauchen die Kinder schon heute ein Grundverständnis von der Technik. In Zukunft müssen sie mit den Maschinen umgehen können, da sie überall in unserem Alltag sein werden.
Wie geht die Forschung weiter?
Forscher versuchen nach und nach, sich das Wissen, dass wir brauchen, damit Roboter wie Lehrer unterrichten können, anzueignen. Erst gerade ist ein Forschungsprojekt gestartet an dem ich mitarbeite, das vier Jahre dauert und europaweit, von Schweden bis nach Portugal, Nachwuchswissenschaftler ausbildet. Sie sollen weiter daran forschen, wie Roboter beispielsweise die soziale Situation der Schüler besser verstehen.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta DIGITAL – Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien, Ausgabe 1/2018, S. 8-11, www.didacta-digital.de
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