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Das Ende der Handschrift? „Das ist Angstmacherei.“

Verändert die Digitalisierung, wie wir Lesen und Schreiben lernen? Diese Frage stellt sich Dr. Julia Knopf, Professorin für Fachdidaktik Deutsch Primarstufe an der Universität des Saarlandes, im Interview.

11.02.2020 Bundesweit Artikel Martin Stengel
  • © Tania Kraft Prof. Dr. Julia Knopf, Geschäftsführende Leitung des Forschungsinstituts Bildung Digital an der Universität des Saarlandes und Gründerin der Didactic Innovations GmbH Saarbrücken

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung im Rahmen des Interviews verwendet werden.

Frau Knopf, inwiefern können durch digitales Lernen die Lese- und Schreibkompetenzen von Schülerinnen und Schülern gefördert werden?
Zuerst dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass analoges Lesen und Schreiben als Kulturtechnik weiterhin wichtig sind. Wenn uns die Digitalisierung zusätzliche Möglichkeiten bietet, ist das wunderbar: Beim Lesen beispielsweise gibt es sehr viele Apps, die den Leser interaktiv zum Teil der Geschichte machen. Er entscheidet, wie die Geschichte weitergeht, identifiziert sich mit den Figuren besser, weil sie mit ihm kommunizieren. Über kleine Aufgaben können wir zudem überprüfen, ob er das Gelesene verstanden hat. Damit wird die digitale Anwendung zu einem sinnvollen Analysetool.

Wie steht es um die Reihenfolge: Sollten Kinder zuerst von Hand schreiben können oder direkt an Tastatur und Touchscreen geschult werden?
Kinder werden sehr schnell an den Touchscreen herangeführt, lange bevor sie in die Schule kommen und mit der Schriftsprache starten. Kinder sehen das bei Erwachsenen und imitieren schnell. Daher würde ich anders argumentieren: Natürlich ist das Schreiben mit der Hand wahnsinnig wichtig – dafür trete ich auch ein –, aber wir können nicht mehr leugnen, dass Kinder auch frühzeitig lernen müssen, digital zu schreiben.

Einige Experten befürchten, dass die Handschrift verschwinden wird. Gibt es Grund zur Sorge?
Nein. Das zu behaupten ist zum jetzigen Zeitpunkt verantwortungslos. Das ist Angstmacherei. Lehrpläne und Bildungsstandards, die universitäre Lehrerausbildung und die Weiterbildung der Lehrkräfte fokussieren weiterhin das Schreiben mit der Hand.

Sie sind Projektpartner des vom BMBF-geförderten Forschungsprojekts „Schreibtrainer“. Was ist das Ziel dieses Projekts?
Wir forschen schon lange zu der Frage, wie wir die schreibmotorischen Kompetenzen von Kindern erkennen und fördern können. Wie schnell schreiben sie, wie stark drücken sie auf? Schreiben sie automatisiert oder müssen sie jedes Mal überlegen? Das alles mit dem bloßen Auge zu erkennen fällt schwer. Daher wurde in einem Vorgängerprojekt bereits ein intelligenter Stift entwickelt, der die schreibmotorischen Kompetenzen automatisch misst. Mit diesem Stift schreibt man auf einem Blatt Papier. Der Stift ist mit einer App verknüpft, die in Echtzeit ermittelt, über welche Kompetenzen die Schreiber verfügen und wertet diese aus. Allerdings reicht es nicht, die Fähigkeiten nur zu analysieren. Wir haben deswegen auch passende Übungen entwickelt. Im Programm „Schreibtrainer“ wollen wir den Stift nun so weiterentwickeln, dass auch die Rechtschreibung verbessert werden kann.

Ist das die Zukunft? Wir schreiben und lesen analog, werden aber digital begleitet?
Definitiv ist das ein wichtiger Bestandteil. In einer smarten, adaptiven und vernetzten Lernumgebung gibt es neben den digitalen Angeboten auch immer Stift und Papier. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich bin davon überzeugt, dass die kommende Generation diese Dinge viel selbstverständlicher vermischen und das überhaupt nicht als etwas Besonderes ansehen wird. Gerade im Moment arbeiten wir an solchen Lernumgebungen der Zukunft und werden diese auch auf der didacta ausstellen.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Quellenangabe: Dieser Beitrag erschien zuerst im didacta Themendienst.

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