Englisch in der Grundschule: Die Lebenswelt "Schule" zum Thema machen

(von Petra Burmeister) So wie in anderen Fächern beziehungsweise Fächerverbünden der Grundschule sollen auch die Themenfelder für Englisch aus den Lebenswelten der Kinder stammen, in Bildungsplänen – je nach bildungsphilosophischer Grundlage – auch Lernräume, Erfahrungsräume, Erlebniswelten oder Lebenswirklichkeiten genannt. Geht man davon aus, dass Schulkinder im Spannungsfeld von mindestens drei Lebenswelten leben – nämlich Familie, Freizeit und Schule –, so kommt der Schule allein schon aufgrund des zeitlichen Umfangs eine große Bedeutung zu.

06.10.2008 Artikel
  • © bikl

Das Thema "Schule" bietet authentische Sprechanlässe …

Wenn Kinder noch dazu gern in die Schule gehen, wenn sie dort viele Freunde haben und zusätzlich ein reichhaltiges außercurriculares Angebot wahrnehmen (können), gewinnt die Lebenswelt "Schule" durch eine positive Einstellung zusätzlich an Gewicht (leider gilt das auch für ein worst case scenario – nur dann mit negativen Vorzeichen …). Es liegt also nahe, die für Mädchen und Jungen so bedeutsame Lebenswelt "Schule" zum Thema zu machen.

Kaum etwas ist authentischer als Sprechanlässe, die das Unterrichtsgespräch selbst (I don´t understand!), die Dinge in der Klasse (Where is my ruler?), die Örtlichkeiten (I want to take this box to the gym!) die Routinen des Schulalltages (Enjoy your break!) oder die Mitschülerinnen und Mitschüler (Stop that!) betreffen. Denn während viele Situationen im Englischunterricht zwangsläufig zu Pseudokommunikation führen, zum Beispiel wenn die Kinder Einkaufen spielen, ist ein spontaner Beitrag wie That´s MY pencil case! wirklich "echt".

Und sollten die Kinder tatsächlich in die Situation kommen, ein muttersprachlich-englisches Kind zu treffen, dann wird "Schule" vermutlich eher ein Thema sein als beispielsweise die Themenkreise shopping, clothes oder colours. Dann geht es nämlich darum, die eigenen Erfahrungen in dieser Lebenswelt beschreiben zu können – angefangen bei den Schulfächern, den Unterrichtszeiten, den Gebäuden oder Personen, bis hin zu Projekten in AGs.

Wenn die Schülerinnen und Schüler darüber hinaus noch Einblicke in die Schulkulturen anderer Länder erhalten, können sie ihre Wahrnehmungen auf andere, zum Teil weit entfernte Lebenswelten ausweiten.

… über das Schulgebäude und die in der Schule Beschäftigten

Es versteht sich von selbst, dass die Kinder entsprechende sprachliche Mittel benötigen, wenn sie über ihre Schule sprechen möchten. In einer von Ruth Pasternak beschriebenen Unterrichtseinheit "Welcome to school!" (Take Off! S. 14 ff.) lernen die Kinder den "Schul-Grundwortschatz", das heißt die Bezeichnungen für die wichtigsten Räume der Schule und deren Hauptfunktionen kennen, und sie lernen, den Weg vom eigenen Klassenzimmer zu den Räumen im Schulkomplex auf Englisch zu beschreiben. Außerdem erfahren sie die englischen Bezeichnungen für die an einer Schule beschäftigten Personen sowie für deren Tätigkeiten bzw. Funktionen.

… über spannende Projekte in der Schule

In der von Gisela Ehlers beschriebenen Unterrichtseinheit "Circus – a school project" (Take off!, S. 22 ff.) geht es um das allseits beliebte Thema "circus". Es bietet sich als Projekt insbesondere in solchen Klassen an, in denen Englisch in die anderen Fächer bzw. Fächerverbünde integriert ist. So lassen sich etwa zusätzlich die Kostüme auf Englisch im Kunstunterricht fertigen, und die Kinder erhalten zudem reichhaltigen Input, indem viel Wortschatz aus den Bereichen Farben und Materialien in einem authentischen Kontext umgewälzt wird. Englische Zirkuslieder werden im Musikunterricht einstudiert, und im Sachunterricht können die Kinder noch mehr über die Lebenswelt "Zirkus" erfahren.

… über Aktivitäten in der großen Pause

Pausen sind ein wichtiger Teil des Schultages und haben, je nach Land, unterschiedliche Handlungsabläufe bzw. -normen. Was spielen englische Kinder auf dem Pausenhof am liebsten? In der von Siân Williams-Hahn beschriebenen Unterrichtseinheit "Playgound rhymes, chants and songs" (Take off!, S. 30 ff.) werden – ergänzend zu den auf den Seiten 12/13 angebotenen playground games – weitere typische Pausenaktivitäten vorgestellt, wie etwa Abzählreime, skipping rhymes, clapping games und mehr.

…über Schule in fernen Ländern

In der von Ulla Leonhardt-Holloh beschriebenen Unterrichtseinheit "School in Kenya" (Take off!, 36 ff.) können die Schülerinnen und Schüler verschiedene Facetten des Schulalltags in Kenia kennenlernen und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede sprechen. Sie erfahren, wie es in einem kenianischen Klassenzimmer aussieht und dass sich die favorisierten Aktivitäten in kenianischen Schulpausen gar nicht so sehr von denen deutscher Schulkinder unterscheiden. Die Schülerinnen und Schüler können außerdem ausprobieren, wie man mit einfachsten Mitteln selbst einen stabilen Fußball herstellen kann.

Das Thema "Schule" als Einstieg in den Englischunterricht der Klasse 1

Erstklässler müssen die Lebenswelt "Schule" erst für sich entdecken und brauchen dafür Zeit und Hilfe. Mit dem Argument, die Kinder nicht zusätzlich belasten zu wollen, werden daher in den ersten Wochen des Englischunterrichts in vielen ersten Klassen (leider) fast ausschließlich Lieder gesungen. Niemand wird bestreiten, dass Lieder eine wichtige Funktion im Anfangsunterricht haben – es ist jedoch wichtig, den Kindern darüber hinaus einen strukturell reichhaltigen fremdsprachlichen Input zu liefern, denn sonst kann der Spracherwerb nicht richtig "in Gang kommen".

Wichtig ist außerdem, dass die ersten englischen "Vokabeln" für die Kinder relevant sind – und was könnte relevanter sein, als die Bezeichnungen für die Dinge verstehen (und sprechen) zu können, mit denen man täglich im Unterricht oder in der Pause zu tun hat?

Kann man aber schon ab dem ersten Tag einen reichhaltigen fremdsprachlichen Input liefern, auch wenn die Kinder noch gar kein Englisch verstehen? Ja, man kann! Anekdotische Evidenz aus hiesigen bilingualen Kindergärten und ersten Klassen mit Immersionsprogrammen sowie internationale Forschungsergebnisse zeigen dasselbe: Kinder lassen sich von einer neuen Sprache kaum irritieren und verstehen sehr schnell, worum es geht. Voraussetzung ist, dass die Lehrerin bzw. der Lehrer die Fremdsprache in sehr anschaulichen und für die Kinder ersichtlichen Kontexten präsentiert, das heißt gut "kontextualisiert". Die Lehrerin liefert den Kindern Bedeutungsgerüste durch handlungsbegleitende Gestik, Mimik, Intonation oder in Form von Fotos, Gegenständen, Ritualen usw. und ermöglicht den Kindern dadurch, sich die Bedeutung – ohne Kenntnis der Fremdsprache – zu erschließen.

Aus der Lebenswelt "Schule" lässt sich vieles hervorragend kontextualisieren – von den Objekten im Klassenraum bzw. im Schulgebäude bis hin zu Informationen über Schule in anderen Ländern. Dinge in der Schultasche kann man zum Beispiel sehr gut zeigen, und da sie täglich benutzt werden, ist der sprachliche Umsatz vergleichsweise hoch. Die Erfahrung zeigt außerdem, dass durch den häufigen verbalen Umgang mit Stiften und Heften in authentischen Situationen (Take out the green folder, please! Now colour in this circle with your red crayon!) die Bezeichnungen für Farben und bestimmte Handlungen gleich "mitgelernt" werden. Wort-Bild-Karten mit Schulgegenständen, beispielsweise als Ergänzung zum Lernposter "Welcome to school!" bieten zusätzliche visuelle Unterstützung.

Die Autorin

Dr. Petra Burmeister ist Professorin für den Bereich "Lehren und Lernen im Fach Englisch" an der Fakultät II/Englisch der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

Der Beitrag "Die Lebenswelt Schule zum Thema machen" ist erschienen in "Take off! – Zeitschrift für frühes Englischlernen" 3/2008. Diese Ausgabe präsentiert eine Vielzahl lebensnaher Unterrichtseinheiten und bietet in einer beiliegenden CD-ROM Arbeitsblätter, Reime, Lieder und weitere Hörtexte.


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