"Geringe Kenntnisse von bildungspolitischen Diskussionen"
(bikl) In einem offenen Brief hat Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) gestern die Kritik des internationalen PISA-Koordinators Andreas Schleicher an der deutschen Bildungspolitik zurückgewiesen.
26.09.2006 ArtikelWie die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) heute berichtet, reagierte Busemann damit auf Vorwürfe, die Schleicher in einem Interview mit der Zeitung geäußert hatte. Unter anderem hatte er erklärt, das deutsche Bildunsgsystem erschöpfe sich im Erfinden immer neuer Detailregelungen, statt klare Ziele zu verfolgen.
"Tiefgreifende Reformen"
"Für den verantwortlichen Abteilungsleiter der PISA-Untersuchungen haben Sie nach meiner Wahrnehmung erschreckend geringe Kenntnisse von bildungspolitischen Diskussionen und Reformanstrengungen in Deutschland", so Busemann in seinem Schreiben. So stimme es einfach nicht, dass sich andere Bereiche der Gesellschaft viel dynamischer entwickelten als das Schulwesen. Tatsächlich, so der niedersächsische Kultusminister, hätten in vielen Bundesländern "tiefgreifende Reformen des Schulwesens eingesetzt wie vorher in den letzten 40, 50 Jahren nicht."
"Vielleicht ist es für Sie schwer, von Paris aus die bildungspolitische Diskussion zu verfolgen", so mutmaßt er und wehrt sich gegen den Vergleich der deutschen Bildungsreformen mit einem Futtersilo und einem Sammelsurium von Maßnahmen und Bestimmungen. Eine solche Einstufung "möchte ich jedenfalls für mein Bundesland zurückweisen und mir diesen Stil und Ton mit Entschiedenheit verbitten", wird Busemann in der NOZ zitiert. Er hoffe, dass das "positive Vorurteil" Schleichers für Gesamtschulen "nicht wieder der Hintergrund war für Ihre jüngsten Angriffe auf die deutsche Bildungspolitik."
Schleicher: Keine Visionen
Andreas Schleicher hatte im Interview mit der NOZ unter anderm erklärt, erfolgreiche Staaten wie Finnland und Japan hätten klare Visionen für ihr Bildungssystem. "Solche Vorstellungen, wo es hingehen soll, kann ich in Deutschland nicht erkennen." Hier würden Randthemen hochgebauscht, anstatt über die entscheidende Anreizstruktur zu sprechen. Als Beispiel nannte er das Sitzenbleiben. In Deutschland würde ein Politiker sagen: Es ist unschön, dass so viele Kinder sitzenbleiben, aber als letztes Sanktionsmittel brauchen wir das. "Da kommt sofort die Idee, den Schüler zu sanktionieren anstatt zu überlegen, wie kann ich als Bildungspolitiker Anreize so setzen, dass die Lehrer Probleme lösen - so wie das in Finnland und Japan geschieht."
Kritik auch aus Bayern
Bereits in der vergangenen Woche hatte Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider die Analyse des OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" bemängelt und harte Kritik an der "gebetsmühlenhaft wiederholten und einseitigen Forderung" von Andreas Schleicher geübt, die Zahl der Abiturienten und Hochschulabsolventen in Deutschland zu erhöhen. "Um eine gute Krankenschwester oder ein guter Techniker zu werden, ist es nicht notwendig, an einer Hochschule zu studieren", so Schneider. "Internationale Studien haben durchaus ihren Wert", aber die OECD und Schleicher sollten endlich annehmen, dass "alle Bildungssysteme aus länderspezifischen Traditionen erwachsen sind." Aufgrund dieser Tatsache sei eine "1:1-Übertragung" von einem Land auf ein anderes nicht möglich.
Die Studie
In ihrem weltweiten Bildungsbericht 2006 "Bildung auf einen Blick" hatte die OECD die Entwicklung der Bildungssysteme der 30 größten Industrienationen analysiert. Die Ergebnisse dieser Studie hatten dem deutschen Bildungssystem erneut wenig gute Noten beschert. So war zwar der Anteil von Hoch- und Fachhochschulabsolventen pro Jahrgang zwischen 2000 und 2004 von 19,3 Prozent auf 20,6 Prozent gesteigen, die meisten OECD-Länder machten in diesem Zeitraum aber deutlich größere Fortschritte. Im OECD-Mittel können mittlerweile 34,8 Prozent eines Jahrgangs einen solchen Abschluss vorweisen gegenüber 27,5 Prozent im Jahr 2000. Auch bei den Bildungsausgaben lag Deutschland dem Bericht zufolge nicht vorn. Anders als in vielen anderen OECD-Ländern stagnierten in Deutschland die Ausgaben für diesen Bereich. So lag 2003 der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (öffentliche und private Ausgaben) mit 5,3 Prozent deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,9 Prozent.
Mehr zur OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" auf bildungsklick.de
Keine Kommentare vorhanden