„Wir haben ein strukturell unterfinanziertes Bildungssystem“
Nach dem Aus der Ampelregierung vor gut einem Jahr forderte Maike Finnern „einen deutlichen Kurswechsel in der Bildungspolitik“. Was hat sich seitdem getan? Im didacta-Bildungspodcast zieht die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bilanz.
27.01.2026 Bundesweit Artikel Anna PetersenMit Redakteurin Anna Petersen spricht Maike Finnern über ungleiche Mittelverteilung, verunsicherte Lehrkräfte und die Arbeit ihrer Gewerkschaft. Und die GEW-Vorsitzende verrät, an welchem Punkt sie das Bildungssystem umgehend verändern würde.
Das Gespräch führte Anna Petersen am 9. Januar.
Anna Petersen: Frau Finnern, Sie haben damals [Anm. der Redaktion: im November 2024] gesagt, dass Ihre Gewerkschaft eine neue Bundesregierung in der Verantwortung sieht, eine starke, eine nachhaltige Bildungsoffensive zu starten. Inwiefern hat sich denn diese Forderung erfüllt.
Maike Finnern: Da kann man jetzt nicht so ganz einfach drauf antworten. Also, die Forderung bleibt nach wie vor richtig. Wir brauchen tatsächlich eine Wende in der Bildungspolitik. Und wir haben tatsächlich auf der einen Seite über das Sondervermögen schon eine Menge an Investitionen in Bildung jetzt möglich in den nächsten zehn Jahren oder zwölf Jahren, die wir vorher eben nicht so hatten. Wir haben durch die Zusammenlegung des Ministeriums für Familie und Jugend mit dem Bildungsministerium tatsächlich eine andere Synergie auf Bundesebene. Aber, tatsächlich muss man sagen, das, was man sich so unter dem Ruck oder der Veränderung, der Wende in der Bildungspolitik ist, das ist tatsächlich noch nicht spürbar, muss man einfach leider so feststellen.
Anna Petersen: Ein Punkt, den Sie gerade angesprochen haben, ist ja das Sondervermögen. Es gibt ein Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, und da sollen eben auch Mittel in die Bildung fließen. Eine Sache, die Sie aber ganz groß adressiert hatten, war ja der Investitionsstau im Bildungswesen. Das war so ein Punkt in Ihrer Pressemitteilung damals, wo Sie gesagt haben, das muss einfach mal effizient angegangen werden. Wie sehen Sie da die Große Koalition aufgestellt?
Hier können Sie die aktuelle Folge des didacta-Podcasts anhören:
Maike Finnern: Der Investitionsstau im Bildungswesen, die Zahlen letztes Jahr waren etwa 130 Milliarden Euro. Es gibt inzwischen schon wieder neuere Zahlen, die noch höher liegen. Das ist schon eine Riesensumme, wo ja alleine um die 60 Milliarden Euro im Schulbauwesen fehlen. Und man muss einfach sagen, das, was wir jetzt haben an Infrastrukturpaket, ist leider nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte: zu sagen, es gibt wirklich eine Verpflichtung, auch in die Bildung zu investieren. Sondern wir haben die 100 Milliarden, die an Kommunen und die Länder gehen, und die Länder und Kommunen können damit sehr wohl selber entscheiden, was sie tun. Und es geben längst nicht alle dieses Geld komplett in Bildungsinvestitionen, in Bildungsbau. Es sind ja auch viele konkurrierende Investitionsbedarfe da in den Kommunen und Ländern. Das kann man ja gar nicht leugnen. Also, wenn wir uns die Straßen, die Schienen und sonstige Dinge angucken, da ist ja total viel, in das investiert werden müsste. Oder auch die eigenen öffentlichen Gebäude. Also, da ist ein riesiger Bedarf, der von diesen 100 Milliarden Euro nicht annähernd gedeckt werden kann. Das heißt, wir haben zwar viel Geld nominell zur Verfügung im Moment für Investitionen in den nächsten zwölf Jahren, aber letztlich wird es all diese Bedarfe, die wir haben, gar nicht decken können. Und so wird es in der Bildung natürlich auch: Durch diese Konkurrenzen, die da entstehen, muss man sehen, wie viel jetzt wirklich vor Ort ankommt und wie viel die Kommunen dann auch wirklich in ihre Infrastruktur Bildung investieren oder in andere Infrastruktur. Und das heißt, wir haben trotz dieser massiven Summe an Geld, die jetzt zur Verfügung steht über dieses Sondervermögen, das große Problem, dass es bei Weitem nicht ausreichen wird, um all das zu modernisieren, was zu modernisieren ist. Und es kommen ja auch noch andere Bereiche dazu: Wenn wir den Bereich Digitalisierung uns angucken, das können wir gleich extra noch mal machen, den Digitalpakt. Aber auch das ist eine Finanzfrage. Also, insofern ist das ein Dilemma, dass wir dieses viele Geld haben. Und wir haben viel Geld von dem Sondervermögen, was eben für Militärausgaben rausgeht, und für Bildung tatsächlich haben wir eben diesen Deckel, und es ist völlig unklar im Moment, wie viel wirklich ankommt in den Bildungsinstitutionen. Und das ist tatsächlich für uns auch ein Riesenproblem. Und deswegen sind wir mit der Forderung auch nach wie vor aktiv, dass es eben mindestens diese ein 130 Milliarden Euro alleine für den Bildungsbereich braucht. […]
Das komplette Gespräch finden Sie auf Spotify, Apple, Podcast.de und Deezer.
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