Gewalt an Schulen: Warum es Resilienzpädagogik braucht
Angesichts von mehr als 25.000 Gewaltdelikten jährlich fordern Verbände Schutzkonzepte an Schulen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie präventive Pädagogik Kinder stärkt, bevor sie zu Tätern oder Opfern werden. Von Rosetta Scianna
05.05.2026 Bundesweit Artikel Rosetta SciannaDie Zahlen sind alarmierend: Mehr als 25.000 Gewaltdelikte an Schulen werden jährlich registriert, über 1.200 davon richten sich gegen Lehrkräfte. Laut Deutschem Schulbarometer 2024 gaben 45 Prozent der befragten Lehrkräfte an, dass Gewalt an ihrer Schule ein Problem darstellt. Der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschland (ASD) und der Deutsche Lehrerverband (DL) schlagen Alarm: „Schulen werden mit dieser Entwicklung oft allein gelassen“, kritisiert der ASD-Vorsitzende Sven Winkler. Die Forderungen der Verbände sind klar: verbindliche Schutzkonzepte, mehr Personal, systematische Qualifizierung. Doch was konkret fehlt, sind umsetzbare pädagogische Strukturen, die nicht nur reagieren, sondern präventiv wirken. Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum.
DL-Präsident Stefan Düll bringt es auf den Punkt: „Gewaltvorfälle an Schulen sind Teil einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz mit mehr Aggressivität.“ Doch diese Erkenntnis allein reicht nicht. Wer verstehen will, warum Kinder und Jugendliche zunehmend mit Gewalt reagieren, muss genauer hinschauen – auf die Lebenswelten, aus denen sie kommen.
Laut Statistischem Bundesamt waren 2024 rund 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland armutsgefährdet – das sind 15,2 Prozent aller Minderjährigen. Armut bedeutet nicht nur weniger Geld. Sie bedeutet Stress zu Hause, Ausgrenzung in der Schule, fehlende Rückzugsräume, ständige Überforderung. Doch Krisen kennen keine soziale Schicht. Auch Kinder aus gesicherten Verhältnissen kämpfen mit Belastungen: psychische Erkrankungen in der Familie, Trennungen, Mobbing, Leistungsdruck oder die permanente Konfrontation mit Gewaltinhalten in Social Media. Was Kinder unterscheidet, sind die Ressourcen, mit denen sie diesen Krisen begegnen können. Manche haben ein stabiles Zuhause, therapeutische Unterstützung, liebevolle Bezugspersonen. Andere nicht.
Viele dieser Kinder sitzen in unseren Klassenzimmern. Sie sollen sich konzentrieren, lernen, funktionieren – während in ihnen ein Sturm tobt. Wenn Kinder keine Schutzfaktoren haben – keine verlässlichen Bezugspersonen, keine Wertschätzung, keine stabilen Routinen –, fehlt ihnen die Resilienz, mit Krisen umzugehen. Und dann äußert sich das, was sie nicht in Worte fassen können, in ihrem Verhalten: Sie stören, sie provozieren, sie schlagen zu.
Wenn Schule selbst zum Risikofaktor wird
Doch Gewalt hat nicht nur externe Ursachen. Manchmal trägt die Schule selbst dazu bei – ungewollt, aber wirksam: etwa, wenn Klassenarbeiten nach Leistung sortiert ausgeteilt werden und alle wissen, wer „die Schwachen“ sind. Wenn Kinder beim lauten Vorlesen bloßgestellt werden, weil sie nicht flüssig lesen können. Oder das berühmte Kopfrechenquiz: Alle Kinder stehen auf. Die Lehrkraft stellt Rechenaufgaben. Wer als Erstes die richtige Antwort ruft, darf sich setzen. Die Aufgaben werden einfacher – aber einige Kinder stehen immer noch. Bis zum Schluss. Vor der ganzen Klasse. Was als Übung gedacht war, wird zur öffentlichen Demütigung.
Auch gut gemeinte Unterstützungsangebote können beschämen: Wenn Formulare für Zuschüsse zum Mittagessen vor der Klasse verteilt werden, wenn Lehrkräfte gezielt einem Kind den Zettel auf den Tisch legen, „weil man ja weiß, dass Bedarf ist“. Was hier passiert, ist eine stille Bloßstellung. Kinder spüren: Ich bin anders. Vielleicht auch: Ich bin weniger wert.
Resilienzpädagogik bedeutet deshalb nicht nur, Kinder zu stärken. Sie bedeutet auch, Schule so zu gestalten, dass sie niemanden beschämt. Dass Unterstützung würdevoll und anonym erfolgt. Dass Fehler Lernchancen sind, nicht öffentliche Niederlagen.
„Vom Fehltritt zum Fortschritt“ – ein Beispiel aus der Praxis
Genau hier setzt ein Konzept an, das ich als Schulleiterin entwickelt und in meiner Schule erprobt habe: „Vom Fehltritt zum Fortschritt“. Ausgangspunkt war die wiederkehrende Erfahrung, dass herkömmliche Sanktionen – Nachsitzen, Strafarbeiten, Verweise – bei vielen Kindern nicht griffen. Im Gegenteil: Sie verstärkten oft das problematische Verhalten, statt es zu verändern. Die Frage lautete: Wie können wir auf Fehlverhalten reagieren, ohne zu beschämen? Wie können wir Kinder stärken statt nur strafen?
Rosetta Scianna ist Schulleiterin und Podcasterin. In ihrer Podcast-Serie „Die Macht der Schule“ widmet sie sich dem Thema Bildungsgerechtigkeit und Demokratie. Die Toolbox zum Konzept „Vom Fehltritt zum Fortschritt" mit konkreten pädagogischen Maßnahmen steht als kostenloser Download zur Verfügung.
Gemeinsam mit meinem Schulleitungsteam entwickelten wir eine sogenannte „Toolbox“ mit pädagogischen Maßnahmen aus verschiedenen Bereichen: Unterstützung im Unterricht (etwa Lernmaterialien für Mitschüler:innen erstellen), persönliche Entwicklung (Reflexion mit Leitfragen), Kommunikation und Sozialkompetenz (Gesprächsregeln erarbeiten), kreative Beiträge (Anti-Mobbing-Poster gestalten), Sport und Umwelt (Sportassistenz, Pflanzenprojekte), Wiedergutmachung (vorbereitetes Entschuldigungsgespräch).
Ein Beispiel: Ein Schüler stört wiederholt den Sportunterricht. Statt Nachsitzen bekommt er die Aufgabe, über vier Wochen beim Auf- und Abbau der Sportgeräte zu helfen. Er übernimmt Verantwortung, erlebt Selbstwirksamkeit, wird anders wahrgenommen – und nimmt sich selbst anders wahr. Am Ende steht ein Gespräch: Was hat sich verändert? Was hast du gelernt? Soll die Aufgabe freiwillig weitergehen? Entscheidend ist: Die Maßnahme muss zum Kind und zum Fehltritt passen. Sie wird dokumentiert, begleitet und nach einem festgelegten Zeitraum evaluiert. Nicht „irgendetwas", sondern das, was wirklich trägt. Und nicht von oben verordnet, sondern gemeinsam entwickelt – mit der Schülerin, dem Schüler, der Klassenleitung, manchmal den Eltern.
Was jetzt notwendig ist
Verbände fordern zu Recht Schutzkonzepte, Qualifizierung und mehr Personal. Doch Strukturen allein genügen nicht. Es braucht eine pädagogische Haltung, die Kinder nicht als Störfaktoren betrachtet, sondern als Menschen in Krisen. Eine Haltung, die fragt: Was steckt hinter diesem Verhalten? Und: Wie können wir dieses Kind stärken, bevor die Situation eskaliert
Resilienzpädagogik muss systemisch gedacht werden:
• In der Ausbildung: Lehrkräfte brauchen eine verbindliche Qualifizierung im Umgang mit Konflikten, Krisen und Gewalt – nicht als Zusatzaufgabe, sondern als festen Bestandteil ihrer Arbeitszeit.
• In den Schulen: Klare Konzepte, die nicht jedes Mal neu erfunden werden müssen, etwa durch Toolboxen, Handlungsleitfäden und kollegiale Fallberatung.
• In der Politik: Ressourcen bereitstellen – für Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, für Zeit zur Begleitung statt nur Reaktion.
• In der Gesellschaft: Die Frage stellen, die DL-Präsident Düll aufwirft: „Wie erziehen wir unsere Kinder? Welche Vorbilder geben wir ab?“
Resilienz beginnt dort, wo Kinder gesehen werden
Gewalt an Schulen ist kein Schicksal. Sie ist vermeidbar – wenn wir Kindern zeigen, dass sie gesehen werden. Nicht nur als Schüler:innen mit Noten, sondern als Menschen mit Stärken, Schwächen, Krisen und Potenzialen.
Das EU-Projekt SESAME-RESIST an der Bergischen Universität Wuppertal entwickelt derzeit ein Präventionsprogramm gegen Extremismus, das in Schulen in Deutschland und vier weiteren EU-Ländern (Italien, Portugal, Spanien, Niederlande) erprobt wird. Der Ansatz: Resilienz gegen Extremismus durch sozial-emotionales Lernen, schulweite positive Verhaltensförderung und Maßnahmen zur psychischen Gesundheit stärken. Lehrkräfte werden geschult, Risikofaktoren für Radikalisierung frühzeitig zu erkennen. Schüler:innen entwickeln kritische Denkfähigkeiten und führen eigene Initiativen durch. Projektleiter Prof. Dr. Gino Casale betont: „Wir stärken Jugendliche dort, wo sie einen Großteil ihres Alltags verbringen – in der Schule.“
Genau das ist der Kern von Resilienzpädagogik: Nicht nur unterrichten, sondern stärken. Nicht nur bewerten, sondern begleiten. Nicht nur reagieren, sondern vorbeugen.
Die Zahlen zur Gewalt an Schulen sind alarmierend. Aber sie sind auch ein Auftrag: Wir müssen handeln. Nicht mit härteren Strafen, sondern mit einer Pädagogik, die Kinder auffängt, bevor sie fallen.
- Deutscher Lehrerverband zu aktuellen Zahlen zur Gewalt gegen Lehrkräfte
- Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt weiter zu – tlv fordert wirksamen Schutz
- Gewalt an Schulen nimmt deutlich zu – ASD fordert konsequentes Handeln
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