Bayern

Grundschulkinder leiden unter absurdem Druck

Der am Freitag in Berlin vorgestellte Vergleich der Grundschulleistungen sollte aus Sicht des Präsidenten des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, auch dazu genutzt werden, über die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte sowie die Lern- und Lebensbedingungen der Grundschüler nachzudenken:"Es ist der Öffentlichkeit zu wenig bekannt, dass viele Grundschullehrkräfte einer Dauerbelastung ausgesetzt sind, die oft nicht mehr erträglich ist", sagte er heute in München.

08.10.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Zu große Klassen, eine immense Spreizung bezüglich des Verhaltens und der Leistungen der Kinder sowie steigende Erwartungen seitens vieler Eltern erschwerten ihre Arbeit. "Dazu kommt gerade bei den engagierten Lehrern eine große Unzufriedenheit, weil sie nicht alle Schüler so fördern können, wie sie es gerne wollten. Das führt schließlich dazu, dass gerade die Schwächsten auf der Strecke bleiben. Diese Ausgrenzung hat leider auch die aktuelle Studie bestätigt". Wenzel monierte, dass die Studie den wachsenden Übertrittsdruck, der an Grundschulen herrsche, unberücksichtigt lasse. "Er wirkt sich auf das Verhalten vieler Kinder aus, bremst ihre Lern- und Leistungsbereitschaft und macht viele krank. So gut das Abschneiden beim Ländervergleich auch ist, der Preis, den Kinder, Eltern und Lehrer dafür zahlen müssen, ist hoch." Wenzel forderte das Kultusministerium auf, umgehend Veränderungen einzuleiten, die den absurden Druck abbauen helfen. "Bislang hat keine einzige Maßnahme etwas dazu beigetragen, die Not zu lindern."

Er sei nicht glücklich - und niemand könne dies sein - dass Kinder an den bayerischen Grundschulen einem enormen Lern- und Leistungsdruck ausgesetzt seien, sagte Wenzel heute in München. Dieser Druck führe dazu, dass viele Kinder unter Stresssymptomen wie Übelkeit, Bauchweh, Kopfschmerzen, Konzentrationsproblemen oder Schlafstörungen leiden würden, weil sie sich überfordert fühlten. Kindliche Bedürfnisse könnten im Schulalltag dritter und vierter Grundschulklassen kaum eine Rolle spielen. Im Mittelpunkt stünden Leistungsnachweise und der Erwerb von Berechtigungen. "Die Erwartungen sind enorm", betonte der BLLV-Präsident. Der zu bezahlende Preis für das gute Abschneiden gelte auch im eigentlichen Wortsinn: "Eltern, die es sich leisten können, subventionieren ihren Kindern Förderunterricht und sichern ihnen so höhere Abschlüsse. Sie wollen für ihr Kind das Beste und niemand kann ihnen das vorwerfen."

Aufgrund dieser Zwänge würden schon an den Grundschulen Bildungsverlierer "produziert", führte Wenzel aus. Dazu zählten nach wie vor Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial schwachen Familien, die sich teure Nachhilfe nicht leisten könnten. Es sei daher auch keine Überraschung, dass Bayern im Bereich Lesen und Zuhören zu den drei Bundesländern gehört, in denen die Spreizung "sehr guter" und "sehr schlechter" Schüler am größten ist. "Dieses Ergebnis wurde allerdings weniger publik gemacht."

Der Druck ende aber nicht mit der Grundschule, er setze sich fort und begleite Heranwachsende während ihrer kompletten Schulzeit. "Kinder, die den Sprung auf ein Gymnasium oder in eine Realschule geschafft haben, wissen genau, dass sie ausgesiebt werden, wenn ihre Leistungen nicht stimmen."

Wenzel verlangte Sofortmaßnahmen: "Unser Schulsystem zwingt Lehrer und Eltern viel zu früh, eine Entscheidung über die schulische Laufbahn ihrer Kinder zu treffen. Solange das so ist, sollte der Elternwille frei gegeben werden. Das heißt: Die Eltern entscheiden über die schulische Laufbahn ihres Kindes. Sie tragen auch die Verantwortung. Die Grundschule begleitet und berät intensiv."

Ferner müsse garantiert sein, dass in der Wahrnehmung von Eltern und Wirtschaft alle zur Auswahl stehenden Schularten gleichwertig sind. "Und es muss dafür gesorgt werden, dass an jeder Schulart so intensiv gefördert werden kann, dass jeder Schüler an der von ihm bzw. seinen Eltern gewählten Schulart verbleiben kann." Grundsätzlich müssen Lehrer und Schüler so schnell wie möglich vom Zwang der Auslese befreit werden. Im Mittelpunkt schulischer Arbeit steht die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. "Deshalb brauchen alle Pädagogen mehr Zeit und alle Schüler mehr individuelle Förderung."

Grundsätzlich sei die Aussagekraft von Studien infrage zu stellen, die lediglich auf die Messung kognitiver Leistung abzielten, wiederholte Wenzel seine Kritik am Ländervergleich. Er regte zudem erneut an, künftig nicht mehr ganze Bundesländer miteinander zu vergleichen, sondern wirtschaftlich und soziokulturell ähnliche Regionen.


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