Guter Unterricht: Kommt es auf die Technologie an?

Medienwirksam wird das Ende des Buches als Unterrichtsmedium heraufbeschworen. Stirbt das Schulbuch, befinden wir uns am Ende der Gutenberg-Galaxis? Wie realistisch die Diskussion ist, welche Anforderungen Schulen an Unterrichtsmaterialien haben und welche Vision die Bildungsmedienverlage haben, dazu ein Gespräch mit Tilo Knoche, Vorsitzender Geschäftsführer beim Ernst Klett Verlag.

04.02.2015 Pressemeldung Ernst Klett Verlag GmbH

Herr Knoche, gibt es im Jahre 2020 noch Bücher beim Ernst Klett Verlag?

Tilo Knoche: Diese Frage sollte eigentlich nicht ich beantworten – hier müssen wir auf unsere Kunden bzw. Nutzer hören, so wie wir es heute schon tun. Ich habe natürlich eine Meinung: Als ehemaliger Lehrer, als Ehemann einer Lehrerin, als Vater zweier schulpflichtiger Kinder und als regelmäßiger Schulbesucher habe ich eine relativ klare Vorstellung: Ja, es wird beim Ernst Klett Verlag 2020 Bücher geben – neben vielen anderen Produktformaten. Sicherlich werden gegenüber dem heutigen Produktmix weitere, neue Formate hinzukommen.

Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es bestimmte Fächer, Schulformen und Schulen gibt, in denen das "Buch" vielleicht eher auf dem Rückzug ist, da Hefte, Plattformzugänge oder Digitale Unterrichtsassistenten die Funktionen übernehmen, die heute dem "Buch" zugesprochen werden. Sicherlich werden phasenweise digitale Medien bei entsprechender Infrastruktur deutlich häufiger eingesetzt als heute. Wenn die Frage darauf abzielt, ob ich mir vorstellen kann, dass Unterricht komplett digital abläuft: Nein, das kann ich nicht.

Warum wird das Ende des gedruckten Schulbuches ausgerufen?

Tilo Knoche: Die Hauptfrage für mich ist – wer ruft das Ende aus und wer tut das nicht? Wenn es die Lehrerinnen und Lehrer wären, die jeden Tag in der Klasse stehen, würden wir im Verlag sicherlich schnell reagieren – wie gesagt: Wir fragen die Nutzer und nicht die, die vorrangig gerne Hardware oder Software verkaufen, und auch die nicht, die sich ausdenken, wie Schule und Schulalltag und damit das Lernen funktionieren könnte.

Welche digitale Strategie verfolgt der Ernst Klett Verlag?

Tilo Knoche: Für uns stehen der Unterricht und die darin ablaufenden Phasen im Mittelpunkt der Betrachtung. Für die sich daraus ergebenden Anforderungen können ganz unterschiedliche Angebote und Werkzeuge genutzt werden. Die Frage der Medienauswahl ist dabei kein Selbstzweck, sondern sie ist immer vor dem Hintergrund des Nutzens zu stellen. Wir haben also die Strategie, mit unseren vielfältigen Medien genau passende Inhalte für Unterrichtsabläufe und Lernwege zur Verfügung zu stellen – es kommt halt auf den Inhalt an!

Angenommen, bis 2018 erhalten alle Schüler ein eigenes Tablet. Was muss sich bis dahin am Unterricht ändern?

Tilo Knoche: Alle Beteiligten am Unterricht müssten lernen, die doch eher knappe Unterrichtszeit weiterhin mit klaren Zielen zu verbringen. Ich denke, dass der anstrengendste Teil sein wird, herauszufinden, wann das Tablet eingesetzt und wann auch bewusst nicht eingesetzt wird.

Durch Hardware selber ändert sich wenig – es ist eher ein klares Bild von einem Unterrichtskonzept, in dem das Tablet eine bestimmte Aufgabe erfüllt, um einen Nutzen zu bringen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Tablet zukünftig zur Unterrichtsorganisation, zur Bereitstellung von Lernressourcen oder zur Kommunikation aller am Lernen Beteiligten verwendet wird.

Angesichts angespannter Haushaltslagen spielen in die Diskussionen oftmals auch ökonomische Aspekte hinein, etwa wenn Schulbücher als zu teuer empfunden werden. Hilft die Digitalisierung am Ende bei der Einsparung?

Tilo Knoche: Davon gehe ich nicht aus. Computer, Tablets, etc. haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie leider schnell veralten und ausgetauscht werden müssen. Keinesfalls hält ein Tablet auch nur annähernd ein Schülerleben. Gerade Tablets haben ohne Zugänge zum Internet einen eher geringen Nutzen. All dies und der dauerhaft zuverlässige Einsatz im Unterricht kostet dauerhaft Geld – da ist Schule nicht anders als ein Unternehmen, in dem Infrastruktur mit einem relativ hohen Aufwand am Leben erhalten wird.

Die Kosten eines Schulbuchs sind bei mehrjähriger Ausleihe aus meiner Sicht nicht zu unterbieten und damit ist das Argument der Kosteneinsparung eher wenig wahrscheinlich.

Die Anforderungen an das Bildungswesen sind vielfältig: Inklusion, Migration, G8/G9 oder die Rechtschreibsicherung. Fungiert die Digitalisierung als Heilsbringer? Wobei kann die Digitalisierung helfen? Wo sind ihre Grenzen?

Tilo Knoche: Heilsbringern darf man berechtigterweise sehr skeptisch gegenüberstehen. Die Grenzen beim Einsatz der IT zwischen Nutzen und Aufwand, den man nicht hätte, wenn man sie nicht einsetzen würde, sind nicht trennscharf. Digitales hat ohne Zweifel die Kommunikation stark beeinflusst. Auch der Zugriff auf Informationen aus dem Internet hat Wissen schneller verfügbar gemacht. All dies und mehr muss man im Hinblick auf den Unterricht kritisch hinterfragen. Anwendungsfelder für digitale Medien sehe ich in der Organisation von Selbstlernphasen, in der Nutzung als Recherche-Werkzeuge, für die Kommunikation oder auch für kollaboratives Arbeiten. Digitale Medien bieten ausgezeichnete Möglichkeiten für Themen wie die Steigerung der Anschaulichkeit (beispielsweise durch Simulationen) oder die Einbeziehung aktueller Entwicklungen und Ereignisse.

Mögliche Grenzen sehe ich dort, wo das direkte Miteinander der am Unterricht Beteiligten zurückgehen würde – oder wenn man für den entsprechenden Einsatz der Technologien keinen ausreichenden Support für den professionellen und störungsfreien Einsatz gewährleisten kann.

Im Unterrichtsalltag sind digitale Unterrichtsmaterialien und Lernumgebungen nur marginal im Einsatz. Liegt in den fehlenden Erfahrungen nicht ein Dilemma für die Produktentwicklung?

Tilo Knoche: Das Bild habe ich so nicht. Ich stelle fest, dass je nach Schule, Fach, Standort, Jahrgangsstufe unterschiedlichste Szenarien anzutreffen sind. Digitale Lernumgebungen sind in der Tat eher selten.

Sie führen aktuell bundesweit Workshops zu digitalen Themen mit Lehrkräften durch. Was wünschen sich die Lehrerinnen und Lehrer von den Verlagen? Welche Erwartungen haben sie an (digitale) Produkte?

Tilo Knoche: Im Zeitalter der vielen schulstrukturellen Veränderungen suchen die Lehrkräfte praktikable Lösungen für ihren Alltag. Praktikabel im Hinblick auf die Unterrichtsgestaltung, die Durchführung und die Nachbereitung. Als Verlag wollen wir nicht vorgeben, wie Schule funktioniert, sondern mit unseren Lehrern und Nutzern über unsere Angebote sprechen, diskutieren und von ihnen kritisiert werden. Wir wollen die Nutzer beteiligen. Neben x-tausend Autoren wollen wir von den Nutzern lernen, was wir ihnen anbieten können und was auch eben nicht. Kurz gesagt: Wir hören zu, was uns die Experten sagen, um dann die entsprechenden Materialien und Medienformate zu entwickeln oder weiterzuentwickeln.

Zusammen mit dem Verband Bildungsmedien wird an der Lösung eines bundesweiten Bildungslogins für alle Schüler und Lehrer gearbeitet. Welche Erwartungen knüpfen Sie daran?

Tilo Knoche: Für Lehrer wird der Zugang zu digitalen Ressourcen deutlich einfacher und die Akzeptanz steigt, je weniger verschiedene Modelle Lehrer und Schüler lernen müssen. Der Bildungslogin ist daher eine Vereinfachung des Zugriffs und damit in Summe sehr zu begrüßen. Die dahinter liegenden Produkte, Dienstleistungen etc. werden vielfältig sein.

Welche Rolle will der Ernst Klett Verlag bei dem Thema Digitalisierung einnehmen?

Tilo Knoche: Wir sind sicherlich nicht diejenigen, die sagen, digital oder analog ist besser. Wir verstehen uns als Nutzenstifter. Dieser Nutzen/diese Nutzung wird von Lehrkräften unterschiedlicher Fächer und Schulformen sowie Jahrgängen unterschiedlich definiert. Also ist es unsere Aufgabe, möglichst vielen unterschiedlichen Nutzertypologien gerecht zu werden, solange das wirtschaftlich möglich ist.

Klett Themendienst

Veranstaltungshinweis didacta

25.2.2015, Forum Bildung H16 E20, 11.00 bis 12.15 Uhr
Digitale Bildung in der Schule: Spielwiese für Jedermann?
Mit Frank Bolten, Vera Fricke, Dr. Ilka Hoffmann, Tilo Knoche und Ludger Pieper. Moderation: Prof. Dr. Markus Ritter

Ansprechpartner

Ernst Klett Verlag GmbH
Anja Vrachliotis
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rotebühlstraße 77
70178 Stuttgart
Telefon: +49 711 6672-1166
E-Mail: pr@klett.de
Web: www.ernst-klett-verlag.de


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