"In unserem monolingualen Schulsystem fehlt eine Wertschätzung von Mehrsprachigkeit!" Ein Gespräch mit der Lehrerin Krystyna Strozyk

Schule muss mit deutlich komplexeren sprachlichen Identitäten umgehen lernen, fordert Krystyna Strozyk aus ihren Unterrichtserfahrungen. Gemeinsam mit Stefan Jeuk und Antje Sinemus hat sie das Lehrwerk "der die das" entwickelt, das als Schulbuch des Jahres nominiert wurde. Im Interview beschreibt sie, worauf zu achten ist und wie Mehrsprachigkeit zum Gewinn werden kann.

02.07.2015 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Frau Strozyk, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Lehrerin. Was macht das Deutschlernen für Kinder anderer Muttersprache so schwierig?

Krystyna Strozyk: Alle Kinder müssen beim Schreibenlernen erstmal erfahren, dass gesprochene Sprache aus vielen Lauten besteht, die über Buchstaben abgebildet werden. Sie müssen lernen, dass ein so großes Tier wie die Kuh deutlich kürzer verschriftet wird als der winzig kleine Marienkäfer. Doch Kinder mit anderer Muttersprache müssen diese Abstraktionsleistungen in einer Sprache erbringen, die sie noch erlernen. Viele lautliche, semantische und sprachstrukturelle Aspekte sind ihnen nicht so vertraut wie deutschsprachig aufwachsenden Kindern. Dies gilt besonders für neu zugewanderte Kinder, die kaum oder gar kein Deutsch sprechen.

Ist unser Schulsystem auf Kinder nicht-deutscher Herkunft ausgerichtet?

Krystyna Strozyk: Unser monolinguales Schulsystem neigt dazu, bereits vorhandene sprachliche Fähigkeiten von Kindern nicht wahrzunehmen, geschweige denn zu honorieren. Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, haben eine äußerst komplexe sprachliche Identität. Wenn wir diese Kinder nicht mit ihrem spezifischen Bedarf erkennen und mit ihren besonderen Fähigkeiten und ihrer sprachlichen Identität wertschätzen, müssen wir uns auch nicht darüber wundern, wenn sie sich von den Lerninhalten, von dem Unterricht, von dem System Schule und unter Umständen später als junge Erwachsene von der Mehrheitsgesellschaft distanzieren. Förderbedarf wird oft zu spät erkannt, vor allem bei Kindern, die über gute alltagskommunikative Fähigkeiten verfügen.

Die Mehrsprachigkeit in den Klassen nimmt zu. Was kann Unterricht bereichern?

Krystyna Strozyk: Seit einigen Jahren mache ich als Initiatorin und Begleiterin des mehrsprachigen Vorleseprojektes "Mulingula" (multilinguale Leseaktivitäten) in Münster die Erfahrung, wie sehr Kinder eine Wertschätzung erfahren, wenn ihre Familiensprache an ihrem Lernort anerkannt wird. Über die wöchentlich stattfindenden Vorleseaktivitäten möchten wir den Kindern bildungssprachliche Zugänge zur Muttersprache eröffnen. Die Resonanzen der Kinder und auch der Eltern sind durchweg positiv und eröffnen ganz neue Dimensionen eines sprachsensiblen Unterrichts.

Was muss ein Lehrwerk für heterogene Klassen berücksichtigen?

Krystyna Strozyk: Wir haben mit "der die das" ein Lehrwerk konzipiert, das auf die Sprachheterogenität in den Klassen reagiert. Hier werden besonders die Lernvoraussetzungen von Kindern mit anderen Familiensprachen, aber auch von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern berücksichtigt. "der die das" bietet eine sukzessive Erweiterung des Wortschatzes, den Gebrauch relevanter Redemittel sowie Sprechmuster und eine systematische Erarbeitung grammatischer Schwierigkeiten. Zusätzlich ermöglichen wir einen Zugang zur Schrift- bzw. Bildungssprache. Die Sprachlernprogression von Kindern, die Deutsch als Zweitsprache lernen, wurde konsequent bedacht. Sprachliche Phänomene werden stärker vermittelt und davon profitieren auch deutschsprachige Kinder.

Umgang mit Heterogenität: Illustrierte Wörterspalten bieten Kindern mit Deutsch als Zweitsprache den Aufbau eines sicheren Wortschatzes. Kinder mit guten Sprachvoraussetzungen finden dagegen hier neue Lernanreize und können Wissen z.B. über Wortarten aufbauen. Die Illustration spiegelt die interkulturelle Zusammensetzung vieler Klassengemeinschaften. Die Protagonisten Umut, Janek und Emira bieten durch die Vielfalt ihrer Herkünfte und Familiensprachen ein hohes Identifikationspotenzial.

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
Fax: +49 30 897 85-97-563
E-Mail: Irina.Groh@cornelsen.de
Web: www.cornelsen.de/presse


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden