Didacta-Themendienst

Individuelle Förderung: Extrawurst für alle?

Eine möglichst individuelle Förderung gilt als Schlüssel zu einer erfolgreichen Lernbiografie. Die Talente und Schwierigkeiten jedes Einzelnen sollen berücksichtigt werden – nicht als Sonderbehandlung, sondern als Normalfall. Doch wie gelingt das in der Praxis?

28.11.2016 Bundesweit Artikel Johanna Böttges
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Jedes Kind, jeder Erwachsene soll seinen Bedürfnissen entsprechend lernen. Was wie eine Utopie klingt, ist in den Schulgesetzen vieler Bundesländer längst vorgeschrieben: Individuelle Förderung lautet der Grundsatz, in dem Politiker und Wissenschaftler den Schlüssel zum Bildungserfolg einer heterogenen Gesellschaft sehen.

Individuelle Förderung als Kernauftrag

„Alle Kinder und Jugendlichen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt anerkennen, ihre Potenziale erkennen und optimal fördern“: So beschreiben 13 Bundesländer in ihrer Mainzer Erklärung vom Februar 2016 die Leitlinien ihrer Bildungspolitik. Die individuelle Förderung der Leistungspotenziale des Einzelnen sei der Kernauftrag jeder Bildungseinrichtung – von der Kita über die Schule bis zur Hochschule oder Ausbildungsstätte. Mit ihrer Förderstrategie für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler hat die Kultusministerkonferenz 2010 den schülerzentrierten und kompetenzorientierten Unterricht als bildungspolitisches Ziel etabliert. Eine entsprechende Strategie für leistungsstarke Schüler verabschiedete sie 2015.

Der Ansatz steht im Einklang mit den Prinzipien inklusiver Beschulung, zu deren Umsetzung sich die Bundesrepublik mit der 2008 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet hat. Zudem gilt er als Voraussetzung für die Integration von Geflüchteten und anderen Einwanderern. Besonders Sprachförderung spielt dabei eine Rolle. Dies bedingt zum einen der Grundsatz der Bildungsgerechtigkeit, zum anderen sieht die deutsche Wirtschaft hier mit Blick auf den Fachkräftemangel großes Potenzial.

Kompetenz und Eigenverantwortung

In der Praxis sind strukturelle Veränderungen notwendig, angefangen bei der Ausbildung von Erziehungs- und Lehrpersonen bis zur Qualitätsentwicklung an Schulen. Wie erkenne ich die Begabungen und Herausforderungen eines Kindes? Wie gelingt ein differenzierter Unterricht? Welche digitalen Hilfsmittel können das individuelle Lernen unterstützen? Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte brauchen Diagnosekompetenzen und Kenntnisse über individuelle Fördermethoden. Lernfortschritte müssen erfasst und evaluiert werden. Und das Fachpersonal muss umdenken: Nicht das Fach oder ein Klassenziel stehen im Vordergrund, sondern das eigenverantwortliche Lernen und die Kompetenzentwicklung des Einzelnen. Gemeinsame Bildungsziele werden deshalb nicht über Bord geworfen. Das Tempo und der Weg zum Erreichen dieser Ziele unterscheiden sich jedoch.

Langzeitaufgabe

Die Fortschritte bei der praktischen Umsetzung fallen bislang unterschiedlich aus. Eine erste Evaluation der KMK zeigte 2013 bereits Fortschritte, betonte aber auch den Langzeitcharakter der Umstellung. Gut scheint es bereits an Ganztagsschulen zu laufen: Dort bewerteten laut einer Bertelsmann-Umfrage im September 2016 die meisten Eltern die Möglichkeiten der individuellen Förderung positiv. Doch nicht nur innerhalb der einzelnen Bildungseinrichtungen und Lerngruppen ist eine veränderte Haltung notwendig. Auch für reibungslose Übergänge im Laufe einer Bildungsbiografie muss Sorge getragen werden. Nur so kann Chancengleichheit in der Bildung gelingen – jenseits der Utopie.

Über individuelle Förderung, Lernbiografien und Inklusion diskutieren Wissenschaftler, Politiker und Praktiker auch auf der didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Frühe Bildung

Kita-Seminar
Worauf es ankommt – Kompetenzen von Kindern sehen, verstehen und ko-konstruktiv stärken
16. Februar 2017
10:30 – 14:30 Uhr
ICS - Internationales Congresscenter Stuttgart
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Schule/Hochschule

Forum Bildung
Lernwirksamer Unterricht – von der Hattie-Studie zur Feedbackkultur in der Schule
Prof. em. Dr. Andreas Helmke, vormals Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Bildungsforschung an der Universität Koblenz-Landau
18. Februar 2017
10:00 bis 11:15 Uhr
Halle 1, Stand 1H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Inklusion am Gymnasium – eine besondere Herausforderung?   
Jürgen Bock, Otto-Hahn-Gymnasium Springe   
18. Februar 2017
15:00 bis 16:00 Uhr
Halle 1, Stand 1E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Berufliche Bildung/Qualifizierung

Forum Berufliche Bildung
Interview: „Sprint-Dual“: Ausbildungsreife für Geflüchtete
17. Februar 2017
13:30 Uhr - 14:15 Uhr
Halle 6, D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta.

Information für Redaktionen:
Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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Ein Kommentar vorhanden

  • 28.11.2016 17:27 Uhr
    Individuelle Förderung? Doch wie gelingt das in der Praxis?
    Es kann hilfreich sein, wenn man sich an bereits bestehenden staatlichen Schulmodellen und Schulstrukturen orientieren kann. Solche aktuellen Beispiele zeigen Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit auf die eigene – geschichtlich bedingte – Situation auf.
    Meine mehrjährigen Beobachtungen zur Frage der individuellen Förderung weisen auf einen entscheidenden Punkt hin: individuelle Förderung bedingt eine Volksschulstruktur, die ohne Selektion, Diskriminierung und Stigmatisierung arbeitet.
    Der Wechsel von der selektiven zur förderorientierten Struktur verlangt Haltungsänderungen, die enorm zeitintensiv und anspruchsvoll sind, weil sie sich rationalen Argumenten verschliessen.
    Mir ist ein einziges europäisches Land bekannt, das diesen Wechsel geschafft hat: die finnische ‚Gemeinschaftsschule für alle‘. Ein Wechsel, der durch die besondere geschichtliche Situation Finnlands erleichtert wurde.
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