Lehrerverband

Kampfansage ans gegliederte Schulsystem

Die sogenannte Gemeinschaftsschule entpuppt sich, wie von lehrer nrw von Anfang an befürchtet, immer mehr als Einheitsschule. Das ist mit der heutigen Pressekonferenz von Schulministerin Sylvia Löhrmann nur zu deutlich geworden.

21.01.2011 Pressemeldung lehrer nrw

Nur zwei der jetzt genehmigten 17 Gemeinschaftsschulen arbeiten kooperativ, das heißt, sie bieten schulformbezogene Bildungsgänge an. An zehn Schulen wird integrativ unterrichtet, an fünf Schulen teilintegrativ. "Differenzierung, das Herzstück des gegliederten Schulsystems, gibt es an 15 Gemeinschaftsschulen gar nicht mehr odr nur noch in Rudimenten. Das ist umso bedauerlicher, als noch keine Studie die Überlegenheit integrativer Bildungsgänge bewiesen hat, im Gegenteil", erklärt Brigitte Balbach, Vorsitzende von lehrer nrw.

Dass der kooperative Weg so unterrepräsentiert ist, hängt damit zusammen, dass die Landesregierung ihn mit Methode unattraktiv macht. So liegt der Klassenfrequenzhöchstwert in der integrativen Gemeinschaftsschule bei 25 und in der kooperativen bei 29. Zudem wird die Gemeinschaftsschule mit Stellenzuschlägen und Geldmitteln versorgt, von denen andere Schulen nur träumen können. Darüber hinaus liegt die Pflichtstundenzahl an der Gemeinschaftsschule bei 25,5 und zum Beispiel an der Realschule bei 28. "In die Lehrerschaft wird ein Keil getrieben: Wer das integrative System bedient, wird belohnt. Insofern ist die Gemeinschaftsschule ist eine ganz klare Kampfansage an das gegliederte Schulsystem, da kann die Ministerin noch so oft betonen, dass alles freiwillig geschieht und das Land keine Schule und keine Schulform schließen werde", so Balbach.

Dass Ministerin Löhrmann vom Gedanken der Binnendifferenzierung fasziniert ist, mag man ihr zugestehen. "Aber es bleibt nach wie vor schleierhaft, wie Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten (hinzu kommen an sieben Gemeinschaftsschulen noch behinderte Kinder) gemeinsam in einer Klasse unterrichtet werden und dabei gymnasiale Standards erreichen sollen", betont Balbach.

"Diese Art der Binnendifferenzierung stellt enorme Anforderungen an die Lehrkräfte, für die die meisten gar nicht ausgebildet sind und die auch für Experten kaum leistbar sind. Wir befürchten deshalb Qualitätsverluste, weil die Heterogenität der Schülerschaft und deren Leistungs-Bandbreite in den Klassen extrem groß sein wird."

Bedenken hat lehrer nrw auch wegen des politischen Stils, mit dem die Gemeinschaftsschule vorangetrieben wird. Für das Experiment mit den 17 nun genehmigten Gemeinschaftsschulen werden bestehende Realschulen und Hauptschulen de facto abgeschafft. Dieser Eingriff in die Schullandschaft ist am Parlament vorbei organisiert worden. Den Konsens, den die Ministerin erreichen will, sucht sie ebenfalls nicht im Parlament, sondern in der Bildungskonferenz. Hier wird aber nicht ergebnisoffen, sondern klar mit Zielrichtung Gemeinschaftsschule diskutiert. Darum hat lehrer nrw die Bildungskonferenz verlassen.

"Diese Art der außerparlamentarischen Politik kritisieren wir aufs Schärfste. Dass Ministerin Löhrmann die Gemeinschaftsschule nun schulgesetzlich absichern will, während sie am Parlament vorbei bereits Fakten geschaffen hat, setzt dem Ganzen die Krone auf", sagt Balbach. "Damit etabliert sie eine neue Schulform, noch ehe eine Entscheidung im Parlament gefallen ist. Das nennt man Entmündigung."

Ansprechpartner

lehrer nrw

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