Kultusministerin Karin Wolff stellt Zukunft der Hauptschule vor
Kultusministerin Karin Wolff hat heute bei einer Pressekonferenz die neue hessische Hauptschule vorgestellt: "Wir werden das Angebot der Hauptschulen und Hauptschulzweige im Land wesentlich verbessern, indem wir das Erfolgsmodell SchuB ab der nächsten Legislaturperiode konsequent an allen Hauptschulen in ganz Hessen einrichten. Die Landesregierung wird durch eine Schulrechtsnovelle dieses Modell zu einem gesetzlich geregelten Standard machen und damit eine Aufwertung der Hauptschulen bewirken". Die Übertragung des SchuB-Modells auf alle Hauptschulen werde schrittweise erfolgen und durch eine Projektgruppe von Partnern aus der Wirtschaft begleitet. Aufgabe der Projektgruppe werde es unter anderem sein, konkrete Begleithilfen für die beteiligten Schulen und Unternehmen zu entwickeln und die hessenweite Einführung von SchuB in der Praxis zu begleiten.
16.11.2007 Hessen Pressemeldung Hessisches Ministerium für Kultus, Bildung und ChancenHessen hatte 2004 die Initiative "Lernen und Arbeiten in Schule und Betrieb" (SchuB) gestartet, um vom schulischen Scheitern bedrohte Jugendliche zum Hauptschulabschluss zu führen und so deren Ausbildungs- und Beschäftigungschancen zu erhöhen. "Worthülsen und ideologische Parolen verhelfen den Jugendlichen, die heute zur Schule gehen, nicht zu einem Schulabschluss, noch erhöhen sie die Chancen dieser jungen Menschen auf einen Ausbildungsplatz. Anstatt nur zu reden, haben wir gehandelt und vielen Schülerinnen und Schülern damit zu einem besseren Start in ihr Berufsleben verholfen. Heute können wir nach drei Jahren SchuB mit Stolz auf ausgezeichnete Ergebnisse verweisen, denn in jedem Jahrgang haben fast alle SchuB-Schülerinnen und -Schüler doch noch ihren Hauptschulabschluss geschafft und mehr als ein Drittel konnte direkt im Anschluss eine Ausbildung beginnen. Dazu können wir einen massiven Rückgang der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss feststellen. Dieser Rückgang wurde entscheidend durch die SchuB-Klassen begünstigt", unterstrich die Kultusministerin.
Im Schuljahr 2007/2008 gibt es hessenweit insgesamt 142 SchuB-Klassen mit 1.900 SchuB-Schülerinnen und -Schülern an 80 Standorten. Zum Ende des Schuljahres 2006/2007 erreichten 90 Prozent den Hauptschulabschluss, darunter 45 Prozent sogar den qualifizierenden Hauptschulabschluss. 33 Prozent hatten direkt nach der Schule eine verbindliche Zusage für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. 54 Prozent besuchten im Anschluss an die SchuB-Klasse eine weiterführende Schule.
Landesweit beteiligten sich Hunderte Betriebe am SchuB-Programm. Einer dieser Betriebe ist das führende Elektronikunternehmen Conrad Electronic SE, das bereits seit 2004 das Frankfurter SchuB-Programm unterstützt und Schülerinnen und Schülern der Friedrich-Stoltze-Hauptschule Praktika im Bereich des Einzelhandels anbietet. "Gerade benachteilige Jugendliche brauchen bereits zu einem frühen Zeitpunkt Unterstützung und Angebote zur Berufsorientierung und Berufsvorbereitung", betonte Günter Lutz, Leiter der Frankfurter Filiale. Es sei wichtig, dass es schon in der Schulzeit verlässliche Angebote gebe, die die Ausbildungsfähigkeit junger Menschen förderten. "Ich habe in unserer Filiale die Erfahrung gemacht, dass auch Jugendliche mit schlechteren Voraussetzungen bei entsprechender Anleitung durchaus sehr gute Arbeitsleistungen zeigen. Wichtig ist nicht, welche Schulform die Jugendlichen besuchen, sondern wie motiviert und lernbereit sie im Betrieb sind. Deshalb bietet ein guter Hauptschulabschluss eine solide Basis für Ausbildungschancen im Handel", erklärte Lutz.
"Die Hauptschule als Auslaufmodell zu bewerten und jungen Menschen, die diese Schulform besuchen, damit zu suggerieren, dass der Besuch der Hauptschule einen Makel in sich trägt, führt zu Motivationsverlust bei vielen jungen Menschen. Um das zu verhindern, ist es wichtig, die Hauptschule konsequent umzubauen, damit die Jugendlichen wieder Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln können", betonte Wolff. Es gebe unbestritten eine große Zahl von Schülerinnen und Schülern, die besser praxisorientiert lernten und deshalb für die Realschule oder das Gymnasium nicht geeignet seien. Man könne dieses Wissen einfach ignorieren und, den Forderungen von Bildungstheoretikern folgend, die Hauptschulen abschaffen. Der Preis dafür wäre aber, dass die in den Landesprüfungen gesetzten Mindeststandards insgesamt gesenkt werden müssten und eine individuelle Förderung nicht mehr möglich sei. Dies wäre aber nicht im Sinne der Wirtschaft, die zu Recht erwarten könne, dass Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die Berufswelt vorbereitet würden, und zwar nicht nur für akademische Berufe. "Praktische Begabungen gering zu schätzen, ist im Hinblick auf die zurückgehenden Schülerzahlen geradezu sträflich. Mitentscheidend für die Zukunft Hessens und seiner Wirtschaft ist auch, dass wir nicht eine Bugwelle von jungen Langzeitarbeitslosen vor uns herschieben, die aufgrund einer fehlenden rechtzeitigen schulischen Förderung schwieriger in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt integrierbar sind und so mit zu einem Fachkräftemangel beitragen ", warnte die Kultusministerin.
Die sehr hohe Zahl von Abschlüssen der an den SchuB-Klassen beteiligten Hauptschüler hat auch die hessische Wirtschaft positiv überrascht. "Wir sehen darin einen großen Bildungserfolg der bei SchuB engagierten Unternehmen", bewertete der Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände e.V. (VhU) für den Bereich Bildung und Gesellschaftspolitik, Jörg E. Feuchthofen, die Zwischenbilanz zu den SchuB-Klassen in Hessen. Aus der Sicht der VhU habe sich gezeigt, dass selbst leistungsschwache Hauptschüler bei einer ergänzenden Lernumgebung, hier im Betrieb, zum schulischen Erfolg geführt werden könnten. Wenn die Landesregierung jetzt beabsichtige, das SchuB-Konzept auch im Schulgesetz zu verankern, müsse selbstverständlich gewährleistet bleiben, dass die Mitwirkung von Unternehmen nur auf freiwilliger Basis erfolgen könne. "Wir sind auf dieser Grundlage gerne bereit, an einer schrittweisen Ausweitung des SchuB-Klassen-Modells mitzuwirken. Dazu haben wir mit Kultusministerin Wolff die begleitende Arbeitsgruppe von Sachverständigen vereinbart, die die Anregungen aus den bereits beteiligten Betrieben permanent aufarbeiten und in begleitende Informationshilfen für neu interessierte Unternehmen umsetzen soll", kündigte Feuchthofen an. Er verwies darauf, dass es sich bei den SchuB-Praxistagen um eine intensive und auch aufwändige Betreuung der Schüler durch die Betriebe handele, die in Abstimmung mit den Schulen stattfinde.
Hintergrund:
Aktuell kommen nur Schülerinnen und Schüler in die hessischen SchuB-Klassen, die voraussichtlich nicht den Hauptschulabschluss erreichen können. Im Vorfeld müssen die Jugendlichen gemeinsam mit ihren Eltern eine Erziehungsvereinbarung mit klaren Pflichten unterschreiben und einhalten. In kleineren Klassen mit einem hohen Praxisanteil werden die Schüler zu einem Abschluss geführt. Gelernt und gearbeitet wird in der Schule sowie an zwei Tagen pro Woche in einem Betrieb. SchuB-Klassen gibt es in den Klassen 8 und 9 an Haupt-, Förder- und kooperativen Gesamtschulen bzw. Schub-Maßnahmen an Integrierten Gesamtschulen.
Neben den SchuB-Klassen wurde in Hessen seit 1999 eine Vielzahl von Maßnahmen umgesetzt, um die Hauptschule wieder zu stärken. Neben einer eigenen Stundentafel wurde ein neuer Lehrplan erlassen. Außerdem wurden die Hauptfächer massiv verstärkt und Landesprüfungen sowie Projektprüfungen für Hauptschüler eingeführt. Zusätzlich wurde der Unterricht stärker praxis- und handlungsorientiert ausgerichtet und die Vernetzung mit Betrieben vorangetrieben.
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