Interview

Lebenslänglich abgehängt

Bildung schafft Chancen – aber nicht für alle. Manche Kinder sind von Beginn an chancenlos. Wie Schulen darauf reagieren müssen. Ein Interview von Tina Sprung

05.07.2021 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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didacta: Sie schreiben in Ihrem Buch „Mythos Bildung“ in Bezug auf die Bildungschancen von Kindern: einmal chancenlos, immer chancenlos. Ist unser Bildungssystem so ungerecht?
El-Mafaalani: Nein, die Gesellschaft ist ungerecht. Wir sehen während der kompletten Bildungslaufbahn einen Herkunftseffekt – Kinder aus unteren sozialen Klassen mit und ohne Migrationshintergrund sind benachteiligt. Sie bekommen seltener eine Gymnasialempfehlung. Die, die auf das Gymnasium gehen, schaffen seltener das Abitur und brechen früher ein Studium ab – unabhängig davon, ob sie durch Prüfungen fallen. Die wenigen, die einen Uniabschluss machen, erreichen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Führungspositionen. Der Herkunftseffekt ist lebenslänglich. Das ist heftig.

Die Gesellschaft ist doch in den vergangenen Jahren offener geworden?
Wir sind viel offener als früher, was uns jedoch vor neue Herausforderungen stellt. Wenn wir uns die Gesellschaft in einem Raum mit einem Tisch vorstellen, bedeutet Teilhabe, dass immer mehr Menschen nicht mehr am Boden sitzen, sondern am Tisch: beispielsweise Frauen oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Es bleiben nur noch wenige Menschen übrig, die am Boden sitzen. Diese werden stärker benachteiligt.

Aladin El-Mafaalani ist Soziologe und lehrt Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Erziehung und Bildung an der Universität Osnabrück. Bekanntheit erlangte er durch seine Bestseller „Das Integrationsparadox“ und „Mythos Bildung“.

Warum?
Weil dadurch, dass der Großteil der Gesellschaft mit am Tisch sitzt, alle davon überzeugt sind, dass, wer noch am Boden sitzt, selbst Schuld sei. Das „Auf dem Boden Sitzen“ – also im übertragenen Sinn das Verweilen im gesellschaftlichen Abseits der Armut und Benachteiligung – wird zum persönlichen Scheitern erklärt. Bei den Betroffenen macht sich Resignation breit, das führt unter anderem bei Migrantinnen und Migranten zu Parallelgesellschaften. Arme Kinder mit und ohne Migrationshintergrund wachsen oft in resignativen Milieus auf, zum Teil in Parallelgesellschaften, und sind dadurch ausgegrenzt. Die Eltern haben keine Hoffnung auf die Zukunft, bieten kaum noch Orientierung für ihre Kinder und pflegen auch gewisse Tugenden nicht mehr, auf die sich die Schulen in der Vergangenheit verlassen konnte. 

Sie sagen, Schulen alleine könnten das Problem der Chancenungleichheit nicht lösen, sie manifestierten lediglich das Problem. Warum?
Ungleichheit entsteht nicht in Schulen, sie ist in der Gesellschaft in hohem Maße da und wird durch sehr unterschiedliche Elternhäusern reproduziert – in der familiären Sozialisation und dem Nichtentgegenwirken der Bildungseinrichtungen. Wenn Schulen bei den Ursachen entgegenwirken wollen, müssen sie ein anregendes Lernumfeld bieten – dafür sind sie aber nicht aufgestellt. Würde man Ärztinnen und Ärzte in die Schule kommen lassen, damit es nicht den Eltern obliegt, Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen, Sport- und Musikvereine über die Schule koordinieren, damit jedes Kind diese Lernangebote bekommt, wäre das ein erster Schritt in Richtung Chancengerechtigkeit. Es ist kein Zufall, dass manche Kinder Ballett und Bratsche lernen, manche Kinder dagegen gar nichts. Das liegt an den Eltern und den Schulen – deswegen sollten letztere sich für die Angebote von außen öffnen.

Warum ist die Öffnung der Institutionen so wichtig?
Keine Lehrkraft kann ersetzen, was Kinder beispielsweise beim Musikunterricht lernen: Erst, wenn man sich Mühe gibt, macht es irgendwann Spaß. Es wäre daher wichtig, dass der reale Zugang zu Musik eröffnet wird. Aber heute ist immer noch die Tradition, dass Eltern dafür zuständig sind – und noch schlimmer: Sie sind zuständig dafür, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, und tragen Mitverantwortung bei der Lernentwicklung der Kinder und Jugendlichen. Das führt zu Ungleichheit. Wichtig wäre, dass die Schule alles erfahrbar macht, was die Welt zu bieten hat. Und dabei nicht zu viel von den Eltern erwartet – und wenn doch, dann sicherstellt, dass die Eltern diesen Erwartungen auch gerecht werden können. Das kann ungleiche Chancen reduzieren. 

Wie sollen Schulen das schaffen?
Wir müssen die Schulen anders aufstellen und benötigen eine große Initiative für den Ganztag: für Gesundheitsprogramme, Angebote zu Kunst, Kultur und Naturwissenschaften, unabhängig von Lehrplänen. Die Lehrkräfte würden durch solche Angebote entlastet werden und könnten sich im Bereich Migrationssensibilität und Ungleichheit weiterbilden. Wichtig wären zudem multiprofessionelle Teams, von der Kita an. Zudem sollten Schulleitungen ein eigenes Budget haben und je nach ihren Herausforderungen unabhängig Entscheidungen treffen können. Veränderungen dauern im zentralisierten Bildungssystem zu lange und werden den lokalen Spezifika immer weniger gerecht. 

Was meinen Sie damit?
Aktuell wird in Schulen das gemacht, was vor 20 bis 30 Jahren sinnvoll gewesen wäre. Mehr Entscheidungskompetenz aufseiten der Schulleitung würde das Problem der fehlenden Aktualität verhindern. Unsere Kinder beschäftigen sich beispielsweise mit Instagram, Facebook – aber in wenigen Schulen wird das im Unterricht behandelt. In Mathematik gibt es Lernprogramme, die genau eruieren, warum ein Kind eine bestimmte Aufgabe nicht lösen kann. Das kann eine Lehrkraft bei 25 Kindern nicht leisten. Wir müssen einen Perspektivwechsel machen und nicht hoffen, dass die Eltern zu Hause diese Themen mit den Kindern bearbeiten – denn das führt zu immer mehr Ungleichheit. Schulen dürfen sich nicht auf Eltern verlassen, sondern müssen selbst sowohl Defizite ausgleichen als auch Talente fördern. 

Räumen Sie der Erlangung akademischer Abschlüsse einen zu hohen Stellenwert ein? 
Das haben internationale Vergleichsstudien wie PISA getan, die nicht die besonderen Gegebenheiten der teilnehmenden Länder, wie in Deutschland das duale Ausbildungssystem, berücksichtigt haben. Seitdem versuchen Politikerinnen und Politiker strategielos, die Akademisierungsrate zu erhöhen. Das führt erneut zu einer Ungleichheit – die, die eine Hauptschule besuchen oder einfache Abschlüsse machen, fühlen sich dadurch noch weniger dazugehörig und haben objektiv immer geringere Teilhabechancen. Das wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken, vor allem durch die Corona-Krise. 

Corona wird die Ungleichheit verstärken?
Auf jeden Fall. Der Ausfall des Präsenzunterrichts führte dazu, dass die Ungleichheit verstärkt wird, weil die Bedeutung der Familien wächst. Auch Schulen waren unterschiedlich vorbereitet, nur wenige konnten Schüler/-innen gleich zu Beginn abholen und den Unterricht aufrechterhalten. In segregierten Stadtteilen war die Inzidenz durchgehend hoch, sodass auch zwischen den Lockdowns – also in den Phasen des Präsenzunterrichts – aufgrund von Quarantäne der Unterricht häufig ausfiel. Das heißt, dass die ohnehin am stärksten benachteiligten Kinder zudem am stärksten von Unterrichtsausfällen betroffen waren. Die Corona-Krise hat alle Problemlagen weiter verschärft. Das einzig Positive dabei ist, dass sie unmissverständlich sichtbar wurden und dabei auch der Blick auf die Bildung gelenkt wurde. Vielleicht können davon alle Schülerinnen und Schüler in Zukunft profitieren

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2021, S. 4-5, www.didacta-magazin.de



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