Soziale Medien

Lehren zwischen Like und Follow

Lehrkräfte teilen auf Social-Media-Plattformen ihren Arbeitsalltag, ihre Ideen für bessere Schulen sowie ihren Frust. Dabei wird deutlich, welche Chancen Social Media für den Austausch bietet und welche Risiken bestehen. Von Viktoria Udjbinac

24.04.2026 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und einem Handystativ. © www.pexels.com Die wachsende Präsenz von Lehrkräften auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder X zeigt, dass Schule längst nicht mehr nur dort stattfindet, wo die Glocke läutet.

Montagmorgen im Klassenzimmer. Die Mathelehrerin Susanne Z. erklärt eine Prozentrechnung an der Tafel, währendalle Schülerinnen und Schüler mitschreiben und ein paar von ihnen die Hand für Fragen heben. Am Abend sitzt sie am Küchentisch und produziert mit ihrem Smartphone ein kurzes Video, in dem sie ebenfalls eine Prozentrechnung erläutert, nur digital und ohne Klassenzimmer.

Die wachsende Präsenz von Lehrkräften auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder X zeigt, dass Schule längst nicht mehr nur dort stattfindet, wo die Glocke läutet. „Lehrkräfte nutzen soziale Medien, um eigene Themen öffentlich zu diskutieren“, so Anna Grabosch, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Kassel im Fachgebiet Schulpädagogik. Sie betont, dass Soziale Medien nicht nur dem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen dienen, sondern auch didaktische Möglichkeiten eröffnen: „Ein Post kann Schüler/-innen eine Form von Nachhilfe bieten“. Für ihre Forschung nutzt Grabosch selbst Instagram.

Zwei Rollen, eine Lehrkraft

Aus der Forschung lassen sich unterschiedliche Motive für Social Media Nutzung identifizieren. Vier Wissenschaftler/-innen der Elon University in den USA zeigten 2020 in der Fachzeitschrift „Teaching and Teacher Education“: Lehrkräfte konsumieren auf Social Media Inhalte zur beruflichen Information, suchen Austausch oder teilen gezielt eigene Ressourcen und Perspektiven. „Der digitale Raum eröffnet die Möglichkeit, auch weitere Austauschpartnerinnen oder -partner zu finden – nicht nur regional, sondern überregional oder international“, erklärt Grabosch. Eine internationale Befragung 225 angehender Lehrkräfte aus den Ländern Deutschland, Neuseeland, Spanien und den USA zu Social Media und Datenschutz im Bildungsbereich zeigte 2022, dass soziale Plattformen sowohl positive als auch negative Effekte auf professionelles Lehren haben können. Zudem gaben viele Lehramtsstudierende an, dass soziale Medien inspirierend wirken, zugleich aber unklare Erwartungen an den pädagogischen Nutzen von Social Media bestehen. Auch der „Monitor Digitale Bildung“ der Bertelsmann Stiftung betont, dass digitale Medien Lehrkräften nicht nur Werkzeuge für den Unterricht bieten, sondern auch neue Vernetzungsformen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.

Brücken bauen

Doch auch über ihr Klassen- und Lehrerzimmer hinaus können Lehrkräfte mit ihren Posts etwas bewirken, betont Grabosch: „Lehrkräfte haben über das Posten in den sozialen Medien – sofern diese Posts auch von vielen Personen rezipiert werden – die Möglichkeit, Kontakt zu anderen Stakeholdern, wie zum Beispiel Politikerinnen und Politikern, herzustellen und dadurch gegebenenfalls Änderungen im Bildungssystem anzustoßen.“ Neben diesen strategischen Vernetzungsmöglichkeiten wirkt Social Media aber auch unmittelbar auf die eigene berufliche Praxis: Lehrkräfte können unkompliziert Feedback erhalten, Unterrichtsideen teilen und sich mit Kolleginnen und Kollegen über Herausforderungen austauschen, was vor allem Lehrkräfte mit kleinen Fächern oder in ländlichen Regionen helfen kann.

Aber Vorsicht: Mit der Digitalisierung gehören Themen wie Datenschutz und professionelle Distanz, also die klare Trennung zwischen beruflicher Rolle und privater Person fest zum Lehreralltag. Lehrkräfte müssen klare Grenzen setzen – zeitlich, inhaltlich und insbesondere im Hinblick auf die Privatsphäre, warnt Grabosch: „Lehrkräfte müssen sicherstellen, dass sie keine personenbezogenen Daten öffentlich teilen.“ Dies betreffe nicht nur Fotos, sondern auch indirekte Hinweise, die Rückschlüsse auf einzelne Personen zulassen könnten. Social Media als pädagogisches Werkzeug für Lehrkräfte verlangt daher neben technischem Knowhow auch, dass Lehrkräfte sowie Schüler/-innen Social-Media-Inhalte kritisch reflektieren, ihre Quellen bewerten und bewusst Chancen und Risiken.

Eine professionelle Identität

„Lehrkräfte, die berufliche Inhalte in sozialen Medien posten, sind dort nicht offiziell beruflich tätig. Sie nutzen ihre berufliche Kompetenz in einem anderen Kontext“, so Grabosch. Diese zwei Rollen können laut der Erziehungswissenschaftlerin bereichernd sein, führen aber auch zu Herausforderungen. Lehrkräfte müssten oft zwischen pädagogischer Verantwortung, persönlicher Präsentation und dem Druck, sichtbar zu bleiben, navigieren.

In diesem Spannungsfeld kann die eigene Professionalität durch unterhaltende oder kommerzielle Dynamiken überformt werden, wie Grabosch kritisiert: „Ein Material, das sich gut verkauft, muss nicht pädagogisch wertvoll sein“. Unterschiedliche Plattformformate beeinflussen dabei, wie der Lehrberuf abgebildet wird und wie Lehrkräfte wahrgenommen werden. TikTok eignet sich eher für kreative Kurzslots, Instagram stärker für die Visualisierung von Unterrichtsmaterialien, X, ehemals Twitter, für textbasierte Diskussionen. „Die Tätigkeiten von Lehrkräften in den sozialen Medien unterliegen anderen Logiken als ihre Tätigkeiten im Schulkontext. Es ist fraglich, ob das, was Lehrkräfte posten, auch so in der Schule erfolgt oder gesagt wird“, merkt Grabosch an.

Duale Realität

Trotz der Chancen, die Social-Media-Aktivitäten bieten, mahnt Grabosch Lehrkräfte zur kritischen Reflexion: „Wenn Lehrkräfte posten, erfolgen wahrscheinlich keine Qualitätskontrollen des Inhalts. Diese müssen die User/- innen selbst vornehmen.“ Ohne institutionelle Qualitätsmaßstäbe besteht die Gefahr, dass Inhalte fehlerhaft oder unangemessen sind – besonders, wenn sie pädagogisch nicht fundiert sind.

Gleichzeitig zeigt die Perspektive der Schüler/- innen, wie relevant digitale Formate sein können: Laut einer aktuellen Bitkom Studie geben fast zwei Drittel der 14- bis 19-Jährigen an, dass sie Inhalte von Influencern und Youtubern teilweise leichter verstehen als Unterrichtserklärungen im Klassenzimmer, und 39 Prozent suchen gezielt digitale Erklärungen, wenn Unterrichtsstoff unklar bleibt. Diese Daten verdeutlichen die duale Realität des Influencerdaseins von Lehrkräften: Präsenzunterricht bleibt unverzichtbar, während digitale Inhalte ergänzend wirken können, sofern Lehrkräfte sie pädagogisch reflektiert einbinden.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2026, S. 42-44, www.didacta-magazin.de



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