Gastbeitrag

Lernen in der Zukunft: Selbstbestimmt und generationenübergreifend

Die Sonderpädagogik der emotionalen und sozialen Entwicklung soll Konzepte für das Beheben der zunehmenden Verhaltensprobleme in Schule und Gesellschaft liefern. Probleme, die wir bei einem anderen Lernen, Arbeiten und Leben gar nicht hätten. Von Joachim Bröcher

27.05.2021 Bundesweit Artikel Prof. Dr. Joachim Bröcher
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Immer mehr Kinder und Jugendliche fügen sich nicht mehr ins Schulsystem ein und reagieren mit Verhaltensweisen, die als problematisch gelten. Das inklusive Schulleben wird zur nervlichen Belastungsprobe. Der Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung wird immer größer, bei sinkender Bereitschaft junger Menschen, einen solchen Beruf zu ergreifen. Kaum eine Landesregierung, die keine dualen Schnellstudiengänge an den Start bringt. Wie lange wird das noch gutgehen?

Enge kompetenzorientierte Lerncurricula und ängstliche Kontrollsucht verschärfen die Probleme

Pausenlos wird die Vielfalt der Schüler_innenschaft beschworen, doch zugleich werden kompentenzorientierte Lerncurricula und vorgegebene Lernstandards in den Unterrichtsfächern immer feinmaschiger und einengender. An den auseinanderfallenden sozialen Lebenswelten können Schulen unterdessen nichts ändern. Es gibt in Schulen zu wenig Spielraum, mit den wirklichen Anliegen der Lernenden umzugehen. Es dominieren Bürokratie und ängstliche Kontrollsucht, Systemmechanismen, die zunehmend auch Lehramtsstudiengänge an Universitäten prägen.

Prof. Dr. Bröcher schreibt in seinem Open Access Buch über die Transformation von Pädagogik und Gesellschaft.

Sonder- und Inklusionspädagogik sind keine nachhaltige Lösung

Statt also jetzt mit verhaltensbezogenen Screenings, Monitoring, diagnostischen Tests, Checklisten, Förderplänen und datenbasierten Interventionsmodellen zu versuchen, ein überkommenes System zu stabilisieren, sollten wir neue soziale und pädagogische Formate außerhalb der Schule entwerfen, die dann wieder auf das, ja weiterbestehende, Schulsystem impulsgebend zurückwirken.

Wir sollten die Schulpflicht in eine selbst gestaltete Bildungspflicht umwandeln. Wer unter den engen curricularen Lernbedingungen nicht mehr lernen kann, der muss an andere Orte gehen können. Dazu braucht Deutschland in Zukunft tausende von außerschulischen Projekten, in denen junge Menschen lernen und leben können, selbstbestimmt und nicht nach vorgegebenen Lernplänen und Lernstandards. Noten und Schulabschlüsse wären Vergangenheit. Berufsbezogene Ausbildungsstätten und Universitäten könnten Aufnahmetests machen. Daran können sich alle, die sich in außerschulischen Projekten befinden, orientieren. Die Einführung einer selbstgestalteten Bildungspflicht sollte mit dem Beziehen eines bedingungslosen Grundeinkommens verbunden werden. Gleichzeitig würden dann alle anderen sozialen Transferzahlungen eingestellt. Die enorm teure Sozialbürokratie würde abgewickelt. Viele Kindertagesstätten und Schulen könnten verkleinert oder geschlossen werden. Das würde weitere Finanzmittel freisetzen, die in Form des Grundeinkommens in die Hand der Zivilgesellschaft zurückgegeben werden.

Auch die Mittelschicht würde dadurch mehr Spielraum gewinnen, sich wieder selbst um ihre Kinder zu kümmern, in Kombination mit Teilzeitarbeit oder selbstständiger Tätigkeit. Krankheitskosten würden sinken. Auch würde die übertriebene Akademisierung, die wir jetzt haben, wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgehen. Universitäten könnten verkleinert werden. Männer und Frauen könnten sich zusammentun und Projekte mit den verschiedensten Profilen gründen. Das können ökologische Landwirtschaft oder ein Handwerk aber auch technische oder schöpferische Dinge sein. Das kann ein Hof auf dem Lande sein oder ein urbanes Projekt, wo mehrere Generationen leben, arbeiten und lernen.

Zivilgesellschaft bietet Kindern und Jugendlichen Stabilität

Kindertagestätten und Schulen als bloße Aufbewahrungsorte wären dann überflüssig, denn es gäbe eine größere Gruppe von Erwachsenen in den Projekten, die sich wechselweise um die Kinder kümmern und auch pädagogisch mit ihnen arbeiten würden. Das würde der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern sehr zugute kommen. Es müsste Stellen geben, die diese Projekte überblicken und die überprüfen, ob sie demokratischen Grundsätzen genügen, ob dort ein pädagogisch wertvolles Konzept entwickelt wurde, ob dort geeignete Erwachsene leben, arbeiten und Verantwortung übernehmen, damit sich Heranwachsende dort hineinbewerben können. Es könnten sich dort auch Wissenschaftler_innen verschiedenster Disziplinen einbringen, die es leid sind, beim Monopoly der Academia mitzuspielen und lieber vor Ort an ihren Themen arbeiten, die zugleich für Kinder und Jugendliche ansprechbar sind. Astronomie auf einem Gehöft in Brandenburg, Urban Gardening in Berlin, Tischlern im Schwarzwald, Kunst und Literatur in einer Mühle in der Lausitz. Wissenschaft, Pädagogik und Handwerk gehen, je nach Profil eines Projektes, Hand in Hand.

An solchen Orten sind dann für die Heranwachsenden auch handlungsorientierte Lernformen möglich: körperliche Bewegung, Aktion, mit dem Traktor aufs Feld fahren, Umgang mit Tieren, Pflanzen, Werkzeug, nicht stundenlanges Sitzen an Tischen wie in der Schule. Natürlich wird dort auch gerechnet, gelesen, reflektiert und debattiert, natürlich wird dort Frage- und Problemstellungen nachgegangen und sich Wissen angeeignet, aber situativer und selbstbestimmter, als es in Schulen der Fall ist. Digital aufgerüstete Klassenzimmer allein können die überkommenen Strukturen des Schulsystems nicht ändern. Viele junge Menschen lernen längst autodidaktisch in Datenbanken, virtuellen Communities, mit Apps – jenseits des Schulsystems. Die Beschwörung des Präsenzunterrichts durch schulische Interessensvertreter_innen während der Coronakrise zeigt, dass diese, noch im alten Preußen verhaftete, Institution begonnen hat, um ihre gesellschaftliche Rolle und ihre Kontrollmacht zu kämpfen. Sicher, die Schule wurde in Zeiten der Pandemie von vielen Kindern und Jugendlichen als sozialer Ort vermisst, aber weil es keine Alternativen gibt. Dass die Schule aber als Ort genormten, standardisierten Lernens vermisst wurde, darf bezweifelt werden. Zeit, jetzt neue Lern- und Lebensformen zu finden.

Wanderjahre, persönliches Wachstum und Verantwortung für das Ganze

Während Kinder in den Projekten aufwachsen und lernen, in denen sich auch die Eltern engagieren, könnten Jugendliche die Projekte nach einer gewissen Zeit wechseln. Sie gingen dann auf Wanderschaft und zögen etwa von einer Mühle in der Lausitz oder einem Gehöft im Harz zu einem urbanen Projekt in Berlin. Deutschlands Jugend hätte wieder Wanderjahre, selbstbestimmt. Konzepte für eine solch andere Gesellschaft liefert etwa der irische Philosoph John O’Donohue: belonging, im Sinne der Zugehörigkeit zu sozialen Gemeinschaften oder threshold, im Sinne der Schwellen, die wir, uns weiter entwickelnd, in unserem Leben überschreiten. Ein System, dass aber darauf ausgerichtet ist, junge Menschen in vorgestanzte, längst fragwürdig gewordene, Bahnen hinein zu sozialisieren, darf sich nicht wundern, wenn diese mit wenig erfreulichem Verhalten reagieren.

Es erscheint absurd, diese ja erst durch das jetzige Gesellschaftssystem erzeugten Auffälligkeiten dann wissenschaftlich zu theoretisieren, mit enormem finanziellen Aufwand zu erforschen und dann sonderpädagogische Methoden zu entwickeln, um das Ganze unter Kontrolle zu bringen. Noch weniger nachhaltig kann man das mühevoll von der Zivilgesellschaft aufgebrachte Steuergeld auch nicht ausgeben. Die neue gesellschaftliche Welt entsteht jedoch nicht am Reißbrett von Politik und Verwaltung, sondern von unten, durch ein Design der kreativen Unordnung, wie Richard Sennett es nennt. Das werden emotional und sozial stabile, verantwortungsbewusste Menschen sein, die so aufwachsen und ihr Leben selbstständig in die Hand nehmen. Was für eine Zukunft für uns alle!



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