Reflexion

Pandemie-Belastungen für junge Menschen und Schulen

Mit den Belastungen der Pandemie für junge Menschen und das Bildungssystem hat sich die Enquete-Kommission Corona am Montag beschäftigt. In der öffentlichen Anhörung legten die Sachverständigen viele Schwachstellen offen.

13.10.2026 Bundesweit Pressemeldung Deutscher Bundestag
  • Auf einem großen Tisch in einem leeren Besprechungsraum stehen Tischkärtchen. © Adobe Stock Die Enquete-Kommission Corona hat sich am Montag mit den Belastungen der Pandemie für junge Menschen und das Bildungssystem beschäftigt.

Amy Kirchhoff von der Bundesschülerkonferenz sagte, dass Schülern vor allem Sicherheit gefehlt hätte. Mit den Schulschließungen sein „ein Raum weggebrochen“. In der Folge seien die mentalen Belastungen stark angestiegen. „Trotzdem: Die Schulschließungen waren ein wichtiger Schritt.“ Aber: „An vielen Schulen hat es an digitaler Ausstattung gemangelt, da gibt es noch Nachholbedarf.“

Wendelin Haag, der Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings sagte: „Bildung dürfen wir nicht auf die Schule reduzieren.“ Sie finde auch und vor allem dort statt, wo Jugendliche zusammenkommen. „Das ist kein Zusatzangebot zur eigentlichen Bildung, sondern unverzichtbar.“ Doch gerade diese Bildungsräume seien während Corona aus dem Blick geraten. Qualifizierungsangebote seien zurückgegangen. „Wir brauchen deshalb eine dauerhafte Investitionsstrategie für die außerschulische Förderung“, denn Bildung müsse umfassend gedacht werden. „Junge Menschen müssen an Krisenentscheidungen beteiligt werden, gerade in Krisen. Die Politik kann und muss im Interesse junger Menschen handeln.“

Ludger Wößmann, Professor für Volkswirtschaftslehre und Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomie, erinnerte daran, dass in Deutschland während der Pandemie Schulen deutlich mehr geschlossen worden seien als in anderen Ländern. „Das wird sich im Kognitionsniveau der Bevölkerung zeigen.“ Während der ersten Schließung habe sich die Lernzeit halbiert und sei in der zweiten nur geringfügig angestiegen. „Kinder mit geringer familiärer Förderung litten besonders.“ Wößmann kritisierte die aus seiner Sicht fehlenden Leitlinien durch die Ministerien. Nach der Pandemie habe es ernsthafte Bemühungen gegeben, das aufzuholen, sagte er mit Verweis auf die PISA-Tests.

Yukiko-Mathilda Siber berichtete, wie sie als nicht geimpfte Schülerin mit einem Attest zur Maskenbefreiung dem Unterricht in der Klasse hinter einer Plexiglaswand habe folgen müssen. „Auf den Fluren musste ich Abstand halten.“ In der Klasse sei sie von Lehrern verspottet worden. „Ich verlor all meine Kontakte.“ Dabei sei sie nie ein Einzelfall gewesen. Viele hätten nicht verarbeiten können, was damals passierte und würden bis heute leiden. „Es fühlte sich an wie Undercover-Diktatur.“

Eine andere Sichtweise schilderte Stefan Düll. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands sprach von einer Riesenleistung, die während der Pandemie erbracht worden sei. „Insgesamt war es nicht so, dass alle brutal darunter gelitten hätten. Aber es wäre falsch zu sagen, dass es das nicht gegeben hätte.“ Es sei nicht gut gewesen, dass die Schulen so lange geschlossen geblieben seien. „Das war ein Fehler. Aber nachher weiß man es besser.“ Zur digitalen Herausforderung sagte Düll, dass diese von Lehrern und Familien selbst finanziert worden sei; erst mit dem Ende von Corona sei Abhilfe gekommen.

Für Doreen Siebernik von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war die Pandemie eine tiefe Zäsur. Wie in ein Brennglas habe sie einen eklatanten Fachkräftemangel und einen enormen Sanierungsstau offenbart. „Ein unvorbereitetes Fahren auf Sicht dominierte das Handeln der Politik.“ Mit Blick auf die psychische Gesundheit sagt sie: „Auch hier ist die soziale Herkunft entscheidend.“ Die Versorgung mit schulpsychologischen Angeboten müsse ausgebaut werden. Siebernik forderte für Kitas einen festen Personalschlüssel sowie für Schulen eine dauerhafte Personalaufstockung. „Das Geld muss dem Bedarf folgen.“ Ähnlich formulierte es Sabine Walper, Professorin für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Die Möglichkeiten der Eltern zur Unterstützung der Kinder seien sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Ein nüchternes Fazit zog Sabine Andresen. „Wir waren überhaupt nicht vorbereitet, was Bildung auf Distanz angeht“, sagte die Professorin für Familienforschung und Sozialpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. „40 Prozent der Lehrkräfte haben nicht alle Schüler erreicht.“ Schutzrechte seien sehr stark gegenüber Förderrechten priorisiert worden, und die Kompensationsmöglichkeiten von Familien seien überschätzt worden. „Wir haben den Kindern nicht zugehört. Wir haben viel zu sehr die Interessen der Erwachsenen priorisiert.“

Um künftig besser auf Gesundheitskrisen vorbereitet zu sein, arbeitet die Enquete-Kommission interdisziplinär an der Frage, wie Risikobewertung, Früherkennung und Krisenbewältigung in künftigen Pandemien effektiver gestaltet werden können. Dabei sollen die Erkenntnisse aus den Bereichen Gesundheitswesen, Wirtschaft, Bildung, Soziales, Politik, internationale Zusammenarbeit und öffentliche Kommunikation zusammengeführt werden, um gezielt strukturelle Verbesserungen anzustoßen. Bis Ende Juni 2027 soll die Kommission einen umfassenden Abschlussbericht vorlegen, der konkrete Empfehlungen zur besseren Prävention, Bekämpfung zukünftiger Gesundheitskrisen und gesellschaftlichen Resilienz enthalten soll. Der Kommission gehören 14 Abgeordnete sowie 14 externe Sachverständige an.

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