Gastbeitrag

PRIMUS-Schulen in NRW vor dem Aus

Das nordrhein-westfälische Schulministerium hat beschlossen, die 5 Schulstandorte, die im Schulversuch die Zusammenlegung von Grundschulen mit weiterführenden Schulen unter einer Schulleitung erproben, über den Versuchszeitraum hinaus nicht fortzuführen.

19.09.2019 Nordrhein-Westfalen Artikel Dr. Brigitte Schumann
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In einer Dienstbesprechung wurde den zuständigen Schulleitungen und Dezernenten die Mitteilung gemacht, dass das durchgängige Lernen von Jahrgang 1 bis 10 als Schulmodell 2023 bzw. 2024 nach dem Willen von Ministerin Gebauer auslaufen soll. 

Damit sind die Befürchtungen wahr geworden, die auf einer Fachtagung im April 2019 zum PRIMUS-Schulversuch artikuliert wurden. Dort hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung eindringlich an das Ministerium appelliert, dem erfolgreichen Schulversuch Planungssicherheit zu geben. Auch die wissenschaftliche Begleitung empfahl die Fortführung des Schulmodells.  

Für die ministerielle Entscheidung gibt es keine schulfachlichen und pädagogischen Gründe. Sie erfolgt zudem gegen die Empfehlungen der wissenschaftlichen Begleitung, die für eine Fortführung plädiert und in ihrem Zwischenbericht eine positive Bilanz zu PRIMUS gezogen hat. Der Beschluss der Ministerin ist in der Ablehnung eines Schulmodells begründet, das die hierarchische Gliederung der weiterführenden Schulen in Frage stellt.

Rückschlag für die schulische Inklusionsentwicklung in NRW  

Der Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitung stellt heraus, dass mit der überwundenen äußeren Trennung von Primar- und Sekundarstufe in der institutionalisierten Langform die innere Schulentwicklung dynamisiert wird. Mit dem Lernen in jahrgangsgemischten Lerngruppen, schulstufenübergreifenden Lernkonzeptionen, multiprofessioneller Teamarbeit und alternativen Formen der Leistungsbewertung werden in den PRIMUS-Schulen Prozesse der inklusiven Schul- und Unterrichtsentwicklung und der Professionalisierung der Lehrkräfte vorangetrieben. 

Davon profitieren alle Schülerinnen und Schüler, insbesondere diejenigen, die im herkömmlichen System zu „Schulversagern“ werden und vom Ausschluss aus dem Regelschulsystem bedroht sind. Mit der Organisation des Lernens in altersgemischten, heterogenen Gruppen von 1-3, 4-6, 7-9 werden lernbiografische Brüche verhindert, die gängige Zusammensetzung der Lernenden nach Jahrgängen und Schulstufen überwunden, individuelle Lernmöglichkeiten erweitert und Entwicklungsräume eröffnet, die sich an den Lernenden anpassen. Die wissenschaftliche Begleitung hat den PRIMUS-Schulen bescheinigt, dass sie sich in besonderer Weise den Anforderungen der Inklusion stellen.

Gegenbeispiel Berlin   

Dass es auch einen anderen Umgang mit pädagogischen und strukturellen Innovationen gibt, zeigt die politische Entscheidung in Berlin. Dort hat man bildungspolitisch zur Kenntnis genommen, dass sich die Erprobung von Gemeinschaftsschulen von Jahrgangsstufe 1-10/1-13 als Erfolg für die Lern- und Leistungsentwicklung aller Schülerinnen und Schüler erwiesen hat. Damit ist auch die für das deutsche Schulsystem typische enge Kopplung von sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb aufgebrochen worden. Mit der schulgesetzlichen Verankerung als eigenständige Schulform neben dem Gymnasium und der Integrierten Sekundarschule ist die Gemeinschaftsschule inzwischen in Berlin auf Dauer gestellt. 

In NRW gäbe es eine naheliegende Möglichkeit, die PRIMUS-Schulen, wenn man es politisch wollte, schulgesetzlich zu verankern. Bietet doch das im Entwurf vorliegende 15. Schulrechtsänderungsgesetz mit der vorgesehenen Ergänzung zu § 25 einen unmittelbaren Bezugspunkt. Dort soll der Paragraph, der sich auf Schulversuche, Versuchsschulen und Experimentierklausel bezieht, um die folgende Aussage ergänzt werden: „Zur systematischen und kontinuierlichen Erprobung kann das Land Versuchsschulen… auch dauerhaft fortführen.“ Dieser Zusammenhang bringt die Ministerin in eine besonders peinliche bildungspolitische Erklärungsnot."

Unverständnis und Empörung 

Die Nachricht über die geplante Abwicklung der PRIMUS-Schulen löste bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Bundeskongress des Grundschulverbandes, der am 13.und 14. September in Frankfurt stattfand, Unverständnis und Empörung aus. Die restaurativen Bemühungen, das Rad des pädagogischen Fortschritts zurückzudrehen, wurden heftig kritisiert. 
Im Zeichen zweier Jubiläen - 100 Jahre Grundschule und 50 Jahre Grundschulverband - schlug diese Nachricht wie eine Provokation ein.  Schließlich wurde die „Schule für alle“ bis zum Ende der Pflichtschulzeit als eine zentrale Anforderung des Verbandes an eine demokratische und kindgerechte Schule in einem feierlichen Festakt in Anwesenheit des Bundespräsidenten pointiert begründet. 

„Für die Grundschule und ihre Kinder“ fordert der Grundschulverband, dass   die „Einrichtung von Gemeinschaftsschulen und Langformschulen vom ersten bis zum zehnten Schuljahr …politisch gefördert, durch wissenschaftliche Begleitung unterstützt und über die Schulgesetze abgesichert werden“. Noch 100 Jahre nach Einführung der vierjährigen Grundschule an dem damals ausgehandelten politischen Kompromiss festzuhalten, der pädagogisch nicht begründbar ist und angesichts der zunehmenden sozialen Spaltung unserer Gesellschaft schadet, sei ein Anachronismus. „Mit dem Blick auf die Zukunft gilt es heute, eine Strukturreform bis zum Ende der Schulpflicht durchzusetzen, die alle Kinder und Jugendlichen einschließt.“  

So erscheint es nur folgerichtig, dass die Vorsitzende des Grundschulverbandes, Maresi Lassek, den PRIMUS-Schulen in der politischen Auseinandersetzung die öffentliche Unterstützung des Verbandes am Ende des Kongresses zusagte.  Weitere Verbände und Organisationen haben schon erklärt, dass sie sich anschließen werden.


Anmerkung der Redaktion: Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalens hat inzwischen in einem Tweet , Berichten über eine Beendigung des Schulversuchs PRIMUS widersprochen. Eine offizielle Verlautbarung auf den Seiten des Ministeriums zu den PRIMUS-Schulen ist bisher jedoch ausgeblieben. In einer Erklärung von Eva-Maria Voigt-Küppers, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag NRW, und der heimischen SPD-Landtagsabgeordneten Christina Weng heißt es zur Sitzung des Schulausschusses am 02.10.2019: „Schulministerin Gebauer hätte heute gut daran getan, sich eindeutig zugunsten der PRIMUS-Schulen zu äußern. Diese Chance hat sie leider vertan.“


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