Ökonomische Bildung

Schulbuchstudie des ZÖBIS: Fächer ohne ökonomische Fachlichkeit

Auf der diesjährigen Bildungsmese didacta in Köln stellten Prof. Dr. Nils Goldschmidt und Dr. Marco Rehm die Studie "Marktwirtschaft und Unternehmertum in Schulbüchern. Eine Analyse der ökonomischen Inhalte in deutschen Schulbüchern" vor. Mittlerweile ist sie veröffentlicht.

06.06.2024 Bundesweit Pressemeldung Universität Siegen
  • Ein Stapel Bücker. © www.pixabay.com

Die Autor:innen Nils Goldschmidt, Romina Kron und Marco Rehm kommen zu dem Ergebnis, dass der Stand der ökonomischen Bildung im Lichte von Schulbüchern - vor allem von Integrationsfächern - höchst bedenklich ist. "Es sind oftmals Fächer weitgehend ohne ökonomische Fachlichkeit", so Marco Rehm. "Der 'Politikbereich Wirtschaft', wie es manchmal genannt wird, wird zwar adressiert, aber weitgehend ohne dass ökonomisches Denken angeleitet oder ökonomische Fachmethoden verwendet würden".

In der Studie wurden in 40 Schulbücher der Fächergruppen Wirtschaft, Wirtschaft-Politik, Geschichte und Erdkunde in den dazugehörigen Lehrkräftebände die ökonomischen Anteile analysiert. Dies geschah in einem ersten Schritt anhand einer inhaltlichen Analyse und in einem zweiten anhand der fachdidaktischen Analyse der Aufgaben. Erstmals in einer solchen Studie wurden die Lehrkräftebände und die Aufgaben analysiert.

Wichtigste Erkenntnisse

1. Für die Studie wurden 40 Schulbücher der Fächergruppen Wirtschaft-Politik Sozialwissenschaften, Wirtschaft, Geschichte und Geografie der Sekundarstufen I und II in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland sowie deren zugehörige Lehrkräftebände herangezogen. In der Untersuchung wurde explizit zwischen Darstellungs- und Positionstexten in Schulbüchern unterschieden, die jeweiligen Aufgaben in den Büchern einer kriteriengeleiteten Analyse unterzogen sowie die Lehrkräftebände und die dortigen Lösungshorizonte berücksichtigt. Die Codierung anhand sechs inhaltlicher Aspekte sowie die der Aufgaben erfolgte mit MAXQDA und stellt erstmals eine Vollerhebung aller ökonomierelevanten Bestandteile innerhalb der untersuchten Schulbücher dar.

2. Das zentrale Ergebnis der Untersuchung ist: Schulbücher vermitteln nur in seltenen Fällen ökonomisches Denken. Wirtschaft in der Schule definiert sich über den Gegenstandsbereich – Unternehmen, Haushalte und Staat – und nicht über die Methode. Man spricht also zwar über Wirtschaft, aber nicht aus der notwendigen fachwissenschaftlichen Perspektive. Das (Teil-)Fach Wirtschaft ist ein Fach ohne ökonomische Fachlichkeit.

3. Der Staat ist die Lösung in wirtschaftlichen Transformationsprozessen. Er tritt in den Schulbüchern als benevolenter, paternalistischer Akteur auf, der über seine Bürger wacht und stets das Gute will. Eine kritische Betrachtung staatlichen Handelns findet nicht statt. Privatwirtschaftliche Initiativen oder markwirtschaftliche Lösungsmöglichkeiten für gesellschaftliche Probleme stehen im Hintergrund.

4. Unternehmerische Initiative als treibende Kraft von gesellschaftlichen Veränderungen und Strukturwandel sucht man zumeist vergeblich. Über Unternehmertum und Gründung wird zwar berichtet (beispielsweise durch Schüler:innenfirmen, Gründungswettbewerbe usw.), sie sind aber in den Schulbüchern nicht handlungsleitend.

5. Frauen spielen in den meisten Schulbüchern eine untergeordnete Rolle und sind häufig auf überholte Stereotype beschränkt.

6. Gerechtigkeit zieht sich als Beurteilungskriterium durch viele Aufgaben in den Schulbüchern. Nur selten wird aber erklärt, was damit gemeint ist.

7. Das Material und die Aufgaben für Schüler sind im Wesentlichen textzentriert. Datenaufbereitung, Grafik- und Datenanalysen, Simulationen und ähnliche fachliche Methoden kommen kaum vor. Wirtschaftsunterricht unterscheidet sich außer durch den Gegenstand so kaum vom Deutschunterricht. Die häufigsten Operatoren in den Aufgaben sind »beschreiben«, »erklären/erläutern« und »diskutieren«.

8. Die Erwartungshorizonte in den Lehrkräftebänden weisen erhebliche Mängel auf, vor allem hinsichtlich der Beurteilungsleistungen. Teilweise sind diese nicht vorhanden oder mit dem bereitgestellten Material nicht umsetzbar. Fachfremd eingesetzte Lehrkräfte werden so alleine gelassen; einschlägig ausgebildete werden nicht weiterführend unterstützt.

9. Als besonders problematisch fallen die Bücher des Fachs Gesellschaftslehre auf, das vor allem in den westdeutschen Bundesländen an Bedeutung gewonnen hat und noch weiter gewinnen wird. In diesen Schulbüchern findet sich die unheilvolle Allianz von fachlicher Oberflächlichkeit und thematischer Beliebigkeit.

10. Mangelnde Transparenz und fehlende Qualitätskontrollen: Die Schulbuchverlage betrachten Details zur Autor:innenschaft als Geschäftsgeheimnis. Außer den Namen ist über die Autoren nur wenig bekannt.

11. Insgesamt sind die Schulbücher Ausdruck einer sich verfestigenden und perpetuierenden Fachkultur, die weitgehend immun gegenüber Kernlehrplanreformen ist. Hier ist im Vergleich zu den bisherigen Studien nichts besser geworden. Die notwendige Neuausrichtung in der ökonomischen Bildung findet nicht statt.

Die Studie ist auf der Seite der auftraggebenden Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit sowie auf der Seite des Verbandes Die Familienunternehmer erschienen und kostenlos zugängig.

Ansprechpartner

Universität Siegen

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