Schuljahresauftaktpressekonferenz

("Es gilt das gesprochene Wort") In der nächsten Woche beginnt ein ganz besonderes neues Schuljahr, auf das ich mich persönlich sehr freue. Vieles von dem, was wir im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht haben, wird jetzt in den Schulen ankommen. Dazu gehören unter anderem die beiden Modellversuche "Gemeinschaftsschule" und "Abitur nach 12 oder 13 Jahren".

02.09.2011 Pressemeldung Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen

Noch vor der Sommerpause haben wir in einem schulpolitischen Konsens gemeinsame Leitlinien für die zukünftige Gestaltung des Schulsystems in NRW festgelegt. Dieser Schulkonsens von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen ist ein großer Erfolg. Nach vielen Jahren und Jahrzehnten, in denen in NRW heftig und erbittert um die richtige Schulstruktur gerungen und gestritten wurde, ist uns hier ein wirklich historischer Schulkonsens gelungen. An der Ausgestaltung der Gesetzestexte ist in der Sommerpause eifrig gearbeitet worden.

Ich gehe davon aus, und das ist auch unser gemeinsames Ziel, dass wir das Gesetzgebungsverfahren zügig abschließen werden, sodass die ersten Sekundarschulen zum Schuljahr 2012/13 an den Start gehen können.

Die Bildungspolitik steht im Zentrum der Arbeit dieser Landesregierung. Bildungspolitik ist Zukunftspolitik, und deshalb werden wir auch weiter in Bildung investieren. Dazu gehört, dass wir uns in der Koalition darauf verständigt haben, Ressourcen, die durch zurückgehende Schülerzahlen frei werden, nicht einzusparen (demografische Effekte), sondern damit systematisch die Qualität zu verbessern.

Die Gesamtzahl der Lehrerstellen wird für das neue Schuljahr um 2.078 steigen. Wir schließen damit unter anderem eine Lehrerlücke, die uns die Vorgängerregierung hinterlassen hat.

Drei weitere Maßnahmen möchte ich an dieser Stelle hervorheben:

  • Wir entlasten die Schulleiterinnen und Schulleiter an Grundschulen mit 340 zusätzlichen Lehrerstellen, sie bekommen im nächsten Schuljahr mehr Zeit, um sich ihren umfassenden Leitungsaufgaben zu widmen.
  • Wir setzen den Ausbau des Offenen Ganztags im Primarbereich mit weiteren 20.000 Plätzen fort. Dafür werden 177 zusätzliche Lehrerstellen bereit gestellt. Damit gibt es nach nur acht Jahren Entwicklungsprozess an 90 Prozent unserer Grundschulen in NRW Ganztagsangebote.
  • Wir erhöhen die Mittel für die Lehrerfortbildung um 800.000 Euro. Im Jahr 2011 stehen damit fast 17 Millionen Euro an Fortbildungsmitteln bereit. Damit geben wir ein deutliches Signal: Gute Schule braucht lernende Lehrerinnen und Lehrer. Sie brauchen für guten Unterricht qualifizierte Unterstützung.

Ich werde schon zum Schuljahresauftakt etliche Schulen besuchen, um mir vor Ort ein Bild über ihre Arbeit zu machen. Das sind einige der neuen Gemeinschaftsschulen, Schulen aller Schulformen und gezielt Schulen, die sich mit der Bildung von Integrativen Lerngruppen auf den Weg zur inklusiven Schule machen.

Bevor ich auf die Neuerungen und Herausforderungen des neuen Schuljahres eingehe, möchte ich Ihnen – wie es Tradition ist – das neue Schuljahr 2011/12 in einigen Zahlen kurz vorstellen. (Siehe Datenmaterial.)

1. Wichtige Zahlen und Daten

Die Zahl der Schülerinnen und Schüler an öffentlichen Schulen und privaten Ersatzschulen wird auch im kommenden Schuljahr weiter sinken. Insgesamt geht die Schülerzahl um 0,7 Prozent auf rund 2,74 Millionen zurück. Dieser Trend wird sich auch in den kommenden Jahren weiter fortsetzen und die Schulpolitik vor große Herausforderungen stellen. Das zeigt noch einmal, wie wichtig der Schulkonsens ist.

Anders verhält es sich mit der Zahl der Kinder, die im Schuljahr 2011/12 eingeschult werden. Die Zahl der Erstklässler steigt, und zwar um 6,3 Prozent auf rund 165.000 Schülerinnen und Schüler.

Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass durch das letztmalige Vorziehen des Stichtags für die Einschulung auf den 30. September in diesem Jahr 13 Geburtsmonate eingeschult werden. Im vergangenen Jahr waren es "nur" zwölf Geburtsmonate, und auch im nächsten Jahr und den dann folgenden werden es wieder "nur" zwölf Geburtsmonate sein.

Die durchschnittlichen Klassengrößen liegen in der Grundschule, der Hauptschule und der Realschule unter den Richtwerten und leicht unter den Werten des Vorjahres. Am Gymnasium und an der Gesamtschule entsprechen die durchschnittlichen Klassengrößen dem Richtwert.

  • Grundschule: 23,1 (-0,1) (Richtwert: 24)
  • Hauptschule: 21,4 (-0,2) (Richtwert: 24)
  • Realschule: 27,5 (-0,2) (Richtwert: 28)
  • Gymnasium: 28,0 (+0,2) (Richtwert: 28)
  • Gesamtschule: 28,0 (±0) (Richtwert: 28)

Die Zahl der Einstellungen in den Schuldienst ist in diesem Jahr so hoch wie seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr. Insgesamt wurden in diesem Jahr bisher mehr als 8.350 Lehrerinnen und Lehrer in den Schuldienst eingestellt.

Zum jetzigen Zeitpunkt nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens konnten 887 Stellen nicht besetzt werden. Bei einer Gesamtstellenzahl von 154.840 Lehrerstellen liegt die Quote der unbesetzten Lehrerstellen damit bei 0,57 Prozent. Das ist ein sehr guter Stand zum Schulstart. Und ich danke allen in allen Behörden und Schulen, die in den letzten Monaten daran gearbeitet haben, dass dies so ist.

Die Übergangsquote zur Hauptschule ist wie in den Vorjahren erneut gesunken. Sie liegt jetzt nur noch bei 12,3 Prozent – im Vorjahr waren es noch 13,3 Prozent. Die Übergangsquote zum Gymnasium ist auf 39,5 Prozent (+0,8) gestiegen. Und auch zur Gesamtschule ist die Übergangsquote auf 18,9 Prozent (+0,7) gestiegen. An der Realschule ist ein leichter Rückgang der Übergangsquote zu verzeichnen - um 0,3 auf 28,7 Prozent.

Und last but not least setzen wir den Ausbau des Ganztags fort. Neben den

  • 142 neuen offenen Ganztagsschulen im Primarbereich gibt es
  • 30 neue Ganztagsschulen in der Sekundarstufe I (12 Gemeinschaftsschulen, 6 Gesamtschulen, 7 Gymnasien, 5 Realschulen) und
  • 4 neue Ganztagsförderschulen.

2. Schulversuch "Längeres gemeinsames Lernen – Gemeinschaftsschule"

Das nächste Schuljahr steht im Zeichen des längeren gemeinsamen Lernens. Das Modellvorhaben Gemeinschaftsschule geht mit 12 neuen Gemeinschaftsschulen und mehr als 1.100 Schülerinnen und Schülern an den Start. Wenn Sie so wollen, ist das die Ouvertüre für die neue Sekundarschule.

Die meisten Gemeinschaftsschulen (8) haben sich dafür entschieden,

  • bis Klasse 10 integriert zu unterrichten, d.h., die Schülerinnen und Schüler bleiben bis zum Ende der Sekundarstufe I im Klassenverband zusammen. Die Details zu den einzelnen Standorten finden Sie in Ihren Unterlagen.
  • Drei Gemeinschaftsschulen wollen teilintegriert arbeiten. Das bedeutet: Die Schülerinnen und Schüler werden ab Klasse 7 teilweise entsprechend ihrer individuellen Leistungsentwicklung und ihren besonderen Neigungsschwerpunkten differenziert unterrichtet.
  • Die Gemeinschaftsschule Lippetal ist die einzige, die nach dem kooperativen Organisationsmodell mit getrennten Bildungsgängen ab Klasse 7 arbeiten möchte.

Nur zwei von zwölf Gemeinschaftsschulen wollen eine eigene gymnasiale Oberstufe einrichten. Dies sind die Gemeinschaftsschulen in Lippetal und Rheinberg.

Die pädagogischen Konzepte der neuen Gemeinschaftsschulen stehen Pate für die künftigen Sekundarschulen. In Ihren Unterlagen finden Sie eine kurze Darstellung der pädagogischen Konzepte der drei Gemeinschaftsschulen in Billerbeck, Ascheberg und Rheinberg. Sie veranschaulichen stellvertretend für die neue Schulform, wie das längere gemeinsame Lernen gestaltet wird. Die Beispiele zeigen: Die Gemeinschaftsschulen haben ihren jeweils ganz eigenen Weg gefunden, um alle Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu fördern und zu guten Schulabschlüssen der Sekundarstufe I und II zu führen. So werden auch die künftigen Sekundarschulen ihre eigenen pädagogischen Konzepte entwickeln. Das nenne ich innovative Schulentwicklung von unten.

3. Schulversuch "Abitur an Gymnasien nach 12 oder 13 Jahren"

Es wird im nächsten Schuljahr einen zweiten Schulversuch geben. 13 Gymnasien werden wieder einen neunjährigen Bildungsgang zum Abitur anbieten.

Es handelt sich hierbei nicht um eine Rückkehr zum alten neunjährigen Bildungsgang. Der neue neunjährige Bildungsgang wird mit 188 die gleiche Anzahl von Wochenstunden in der Sekundarstufe I haben wie die Real-, Gesamt- und Hauptschulen. Das sind 9 Wochenstunden mehr als früher, die unter anderem für die individuelle Förderung genutzt werden können. Die Modellgymnasien werden erproben, wie sich mehr Lernzeit auf die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler auswirkt. Und sie werden erproben, wie sich der Unterricht und das Lernen verändern.

Zehn Gymnasien bieten ausschließlich wieder einen neunjährigen Bildungsgang an. Sie finden die Standorte in Ihren Unterlagen. Drei Gymnasien (Lohmar, Neunkirchen-Seelscheid und Dorsten) werden einen achtjährigen und einen neunjährigen Bildungsgang parallel unter einem Dach anbieten.

Ein erstes Treffen der 13 Gymnasien im Juli dieses Jahres im Schulministerium ist sehr positiv verlaufen. Vertreterinnen und Vertreter aller 13 Schulen haben die Möglichkeit genutzt, ihre pädagogischen Konzepte vorzustellen, sich auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Insgesamt wurde auch hier deutlich, wie vielfältig die pädagogischen Konzepte der einzelnen Schulen sind.

Allen Konzepten gemeinsam ist der kreative Umgang mit der zusätzlichen Lernzeit bei gleichzeitigem Ausbau der individuellen Förderung. Diese Kombination hat das Interesse der Eltern geweckt. Alle Gymnasien konnten ihre Anmeldezahlen im Vergleich zum Vorjahr teilweise deutlich steigern. Über 1.100 Anmeldungen liegen für diese Schulen vor.

Das zeigt mir, dass wir mit dem Angebot dieses Schulversuchs die richtige Entscheidung getroffen haben.

Ich möchte noch einmal betonen, dass wir auch die anderen Gymnasien, die sich für ein Festhalten an der verkürzten Schulzeit entschieden haben, weiterhin begleiten werden.

Unterstützungsangebote, die auch im Internet verfügbar sind und Zug um Zug ausgebaut werden, zeigen den Schulen Wege auf, wie sie die Umsetzung des verkürzten Bildungsgangs Schritt für Schritt verbessern können. - Zum Beispiel mit der Weiterentwicklung von Hausaufgaben zu Schulaufgaben. Mit diesem Thema haben sich die Gymnasien bereits landesweit auseinandergesetzt.

4. Inklusion

Ein weiteres wichtiges Thema, das uns auch im nächsten Schuljahr wie in weiteren Schuljahren beschäftigen wird, ist das Thema Inklusion.

Wir arbeiten zurzeit intensiv an einem landesweiten Inklusionsplan für den Schulbereich, in dem die nächsten Schritte zur Umsetzung der UN- Behindertenrechtskonvention beschrieben werden. Unser Ziel ist das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen. Die allgemeine Schule soll zum Regelförderort auch für Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden.

Erste Eckpfeiler für diesen Inklusionsplan werden wir zur nächsten Sitzung des Gesprächskreises Inklusion im Oktober vorlegen und dann intensiv mit allen Beteiligten erörtern. Mir ist es wichtig, hier den offenen und transparenten Dialog fortzusetzen.

Die Schaffung eines inklusiven Schulsystems, in dem Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen können, ist eine Generationenaufgabe, bei der die gesamte Gesellschaft gefordert ist.

Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben. Im Grunde ist es notwendig, dass sich auch der Bund an den Kosten beteiligt. Das Kooperationsverbot hat sich nicht bewährt und sollte deshalb aufgehoben werden. Wir brauchen im Schulbereich eine neue Verantwortungspartnerschaft von Bund, Ländern und Gemeinden. Warum nicht ein gemeinsames Programm "Inklusive Schule"? Wir gehen auf dem Weg zur inklusiven Schule Schritt für Schritt vor und warten nicht ab, bis der Inklusionsplan fertig auf dem Tisch liegt. Wir handeln schon jetzt und weiten den Gemeinsamen Unterricht deutlich aus. Bereits im vergangenen Schuljahr hatten wir die Schulaufsicht aufgefordert, zusammen mit den Schulträgern den Gemeinsamen Unterricht unter stärkerer Einbeziehung des Elternwunsches auszubauen. Immer da, wo der Gemeinsame Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderungen gewünscht wird, sollte er auch ermöglicht werden.

Dank des Haushalts 2011 können wir zum beginnenden Schuljahr knapp 12.000 Plätze für Gemeinsamen Unterricht in der Grundschule zur Verfügung stellen – das sind rund 2.300 mehr als es mit dem Haushalt des Vorjahres noch möglich war.

Besonders problematisch war in den vergangenen Jahren immer der Übergang von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen. Das zeigt auch der Vergleich der Integrationsquoten zwischen allen Jahrgängen der Grundschule (25 Prozent im Schuljahr 2010/11) und allen Jahrgängen der Sekundarstufe I (11 Prozent im Schuljahr 2010/11).

Mir ist sehr wichtig, dass bei den Kindern, die in der Grundschule eine sonderpädagogische Förderung erhalten, diese Förderung in der Sekundarstufe I bei Bedarf auch fortgesetzt wird.

Hier zeichnet sich für das nächste Schuljahr nach ersten vorsichtigen Berechnungen eine positive Entwicklung ab.

Wir können davon ausgehen, dass nahezu alle Viertklässlerinnen und Viertklässler, für die eine Fortführung sonderpädagogischer Förderung in der allgemeinen Schule gewünscht wurde, diese auch erhalten werden. Insgesamt wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer allgemeinen Schule der Sekundarstufe I im Vergleich zum Vorjahr deutlich ansteigen. Diese positive Entwicklung in der Sekundarstufe I ist auch darauf zurückzuführen, dass wir seit Regierungsantritt 443 zusätzliche Stellen für den Mehrbedarf in den Integrativen Lerngruppen in der Sekundarstufe I und die Inklusion geschaffen haben. So haben wir zum Beispiel in jedem Schulamt eine Stelle eingerichtet, um die regionalen Inklusionsprozesse zu unterstützen.

Darüber hinaus haben wir Sachmittel im Umfang von 2,35 Millionen Euro unter anderem für Fortbildungen und die wissenschaftliche Begleitung zur Verfügung gestellt.

All dies zeigt, wie ernsthaft die Landesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention und den Willen des Landtags zur Schaffung eines inklusiven Schulsystems angeht.

Wir haben im nächsten Schuljahr viel vor. Mit all diesen Maßnahmen arbeiten wir an der Qualitätsentwicklung und der individuellen Förderung. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, und jetzt freue ich mich auf Ihre Fragen!


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