Stiefkind Schulbibliothek - Oder ein Licht am Ende des Tunnels?

(hei) Spätestens seit PISA reden alle darüber – die Lesekompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler muss dringend gefördert werden. Da überrascht allerdings die Aussage des deutschen Bibliothekartags, dass die Ausstattung der Schulen in Deutschland mit Bibliotheken nur bei ca. zehn Prozent liegt – und damit im internationalen Vergleich gleichauf mit den Ländern der Dritten Welt.

16.05.2006 Artikel
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Lisa geht in die Bibliothek ihrer Schule, um für ein Referat nach Literatur zu suchen. Mit Hilfe der Schulbibliothekarin findet sie schnell, was sie sucht. Auch eine Recherche im Computer in der Medienecke ist erfolgreich und gibt ihr weitere thematische Hinweise.

Ein solches Vorgehen hört sich erstmal völlig normal an, dürfte aber wohl in Deutschlands Schulen eher selten sein, denn – so ein weiteres Ergebnis aus der PISA-Studie: 73 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler nutzen nie eine Schulbibliothek, während beispielsweise in Schweden nur 15 Prozent der Schüler nie eine Schulbibliothek besuchen. Für den Deutschen Bibliotheksverband besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem katastrophalen Befund der PISA-Studie zur Lesefähigkeit deutscher Schülerinnen und Schüler und der Stiefkindrolle der Schulbibliotheken: In allen Ländern, in denen ein gut organisiertes und finanziell abgesichertes Literatur- und Leseangebot in den Schulen vorhanden ist, liegt die Lesefähigkeit und die Lesemotivation erheblich höher als in Deutschland!

Ursachen für die geringe Zahl an Schulbibliotheken

Natürlich spielen finanzielle Probleme eine Rolle bei der Errichtung von Schulbibliotheken, die teilweise finanzielle Unterstützung vom jeweiligen Schulträger, also von den Kommunen oder Landkreisen erhalten. Da diese Beträge freiwillig und häufig zu gering sind, stellen viele Schulen zusätzlich Geld aus ihren Schulbudgets zur Verfügung und werben weitere Mittel durch Sponsoring oder Fund Raising. „Neben der finanziellen Seite ist gleichfalls problematisch, dass es keine verbindlichen Strukturen gibt“, erklärt Eva von Jordan-Bonin, die Geschäftsführerin der Expertengruppe „Bibliothek und Schule“ des Deutschen Bibliotheksverbandes. „So fehlen gesetzliche Grundlagen zum Aufbau und zur Finanzierung von Schulbibliotheken. Ebenso sind grundlegende Informationen zum Bestandsaufbau, zu Lehrerfortbildungen und eine kontinuierliche finanzielle Unterstützung Mangelware.“ Auch das fehlende Fachpersonal ist eine der Ursachen: Häufig betreuen Lehrer, Eltern, Schulverwaltungsangestellte oder ehrenamtliche Helfer die Schulbibliotheken, pädagogisch versierte Schulbibliothekare sind selten zutos: Image 100 finden. Insgesamt besitzen Bibliotheken in Deutschland einen geringen Stellenwert. Das zeigt sich beispielsweise am Ausleihverhalten: Deutsche leihen im Schnitt drei Bücher aus, während Dänen durchschnittlich 13 Bücher ausleihen www.bibliothek2007.de.

Wie sieht eine moderne Schulbibliothek aus?

Der Trend geht heute von reinen Ausleihbibliotheken hin zu modernen, multimedialen, pädagogisch orientierten Schulmediotheken mit Schülerarbeitsplätzen, Leseecken, Computern und digitalem Katalog, um eine umfassende Medienerziehung zu gewährleisten. Im Idealfall wird die Schulbibliothek in das schulische Leben mit einbezogen: Durch Vorlesewettbewerbe, Autorenlesungen, Bücherhitlisten oder Schreibwerkstätten wird Lesen und der Umgang mit Texten zu einem festen Bestandteil des Unterrichts. Kurz gesagt: Eine Schulbibliothek ist für innovative Unterrichtsformen unverzichtbar.

Regionale Unterschiede je nach Bundesland

Viele Bundesländer in Deutschland haben Programme zur Unterstützung von Schulbibliotheken. „Es hat sich einiges getan in den letzten fünf bis sieben Jahren. An vielen Stellen herrscht Aufbruchstimmung“, so Eva von Jordan-Bonin. In Bayern beispielsweise wurde im März 2006 das Gütesiegel „Bibliotheken – Partner der Schulen“ vorgestellt, das erstmals im Herbst 2006 verliehen wird. Ausgezeichnet werden Bibliotheken, die sich in besonderer Weise als Partner der Schulen erwiesen haben.

In Hessen gibt es seit November 2005 einen Kooperationsvertrag zwischen dem Hessischen Kultusministerium, dem Deutschen Bibliotheksverband – Landesverband Hessen e.V. und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, in dem eine verstärkte systematische und umfassende Kooperation von Schulen und Bibliotheken angestrebt wird: eine Verankerung der Schulbibliotheken im Lehrplan, Förderung des Aufbaus von Schulbibliotheken und Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer. Außerdem gibt es eine Landesarbeitsgemeinschaft (LAG), in der sich Lehrer, Eltern, Bibliothekare und Schulen zusammengeschlossen haben. Ziel ist die Stärkung und Weiterentwicklung der Schulbibliotheken. Die LAG setzt sich insbesondere für das Schulbibliothekswesen und die Leseförderung in Hessen ein, führt Projekte durch und unterstützt die Mitglieder mit Information und Beratung.

Blick über den Tellerrand

Über positive Lerneffekte von Schulbibliotheken wird in verschiedenen nationalen wie internationalen Studien berichtet. Allerdings sind die dort zugrunde gelegten Schulbibliotheken besser ausgestattet als in Deutschland und auch mehr in den Unterricht eingebunden. In Finnland, dem viel zitierten PISA-Sieger gibt es an jeder Schule eine Bibliothek oder zumindest ist jede Schule an eine örtliche Ausleihe angeschlossen. Die Erfolge finnischer Schulen stehen wohl aber auch mit den öffentlichen Bibliotheken sowie den landesweit und schrankenlos verfügbaren Zugängen zu wissenschaftlichen Bibliotheken in Zusammenhang.

In den USA sind Bibliotheken seit jeher ein wichtiger Bestandteil von Bildung und Kultur. Im Jahr 2000 gab es 93 861 Schulbibliotheken (zum Vergleich: In Deutschland gibt es insgesamt 12 000 Bibliotheken). Zudem werden zwei Drittel der amerikanischen Bibliotheken durch fachlich geschultes Personal betreut.

Fazit

Trotz aller Unkenrufe ist ein Aufbruch im Bereich der Schulbibliotheken in den letzten Jahren zu verzeichnen. „Gerade durch PISA ist die schulische Leseförderung in aller Munde, und so sind vielfältige Programme zur Unterstützung der Schulbibliotheken zu Stande gekommen“, erklärt Eva von Jordan-Bonin. Wichtig erscheint nun, dass Schulbibliotheken weiterhin aufgebaut und gepflegt werden und dafür auch kontinuierlich finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Eine zentrale Rolle für den Erfolg von Schulbibliotheken spielt auch die Verankerung der schulbibliothekarischen Fortbildung in der Lehrerausbildung.

Hintergrund

Mit dem Portal Schulmediothek gibt es eine zentrale Anlaufstelle für Informationen rund um Schulbibliotheken. Das Portal wurde von der Expertengruppe „Bibliothek und Schule“ des Deutschen Bibliotheksverbandes entwickelt und durch das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) finanziell ermöglicht. Hier finden Lehrerinnen und Lehrer alle Informationen zur Organisation und Praxis der schulbibliothekarischen Arbeit wie Raumplanung, EDV und Internet, Bestandserschließung und Verwaltung. Es werden Grundlagen vermittelt, wie eine Schulbibliothek im Unterricht und im schulischen Alltag genutzt, wie Lesen gefördert und Medienkompetenz vermittelt werden kann.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst


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