"Treibhäuser der Zukunft" stimulieren den Möglichkeitssinn

Nach Bekanntwerden der PISA-Ergebnisse berichteten die Medien ausführlich über die Schulen in den Siegerländern Finnland, Schweden und Kanada. Damit schien klar, dass die erfolgreichen Konzepte für Deutschland nicht taugen: Zu hoher Ausländeranteil, zu große Klassen, keine ausreichenden Mittel etc. Der Film "Treibhäuser der Zukunft" von Reinhard Kahl widerlegt dies: Er zeigt "Schulen, die gelingen", Schulen jeden Typs, aus allen Teilen Deutschlands.

13.05.2005 Artikel
  • © Archiv der Zukunft

Ihr Film "Treibhäuser der Zukunft" hat - ähnlich wie der Film über das Tanzprojekt "Rhythm is it" - zahlreiche Menschen begeistert. Woran liegt das?

Gesehen haben den Film "Treibhäuser der Zukunft" in Kinos und anderen öffentlichen Vorführungen inzwischen 15 000 oder mehr Menschen. Ich glaube, das große Interesse hat zwei Gründe. Der eine ist immer noch PISA. Die Ergebnisse haben irritiert. Es ist viel in Bewegung geraten. PISA ist im Grunde nur der Name für etwas tiefer Liegendes. Die Studie markiert Bruchstellen zwischen einer Industriegesellschaft und dem, wofür wir nur so unzureichende Namen haben wie Wissens- oder Ideengesellschaft. Der andere Grund ist, dass der Film etwas Ermutigendes zeigt, etwas, das den Möglichkeitssinn stimuliert. Man entdeckt, dass Schule ein Raum ist, der aufgeladen werden kann, dass Schulen auch bei uns gelingen und dass sie tatsächlich ein Lebensort sein können und dass man dann dort auch besser lernt.

Was heißt es, dass eine Schule "gelingt"?

Das Gelingen birgt immer auch das Risiko des Scheiterns. Es ist nicht das verordnete Richtige und auch nicht der gut ausgegangene Modellversuch. Die Schulen im Film haben, in Analogie zur Biografie eines Menschen, eine gelungene Biografie. Sie sind auch als Institution erwachsen geworden. Wenn man erwachsen wird, muss man aufhören, sich mit schlechten Bedingungen herauszureden. Man muss aus diesen Bedingungen, auch wenn sie schlecht sind, etwas machen. Nur in der infantilen Organisation beschwert man sich laufend darüber. Man delegiert die Verantwortung. Aber wer Verantwortung delegiert, kann auch keinen Stolz empfinden. In den skandinavischen Ländern ist das ganz anders. Dort ist Stolz eine Produktivkraft.

Welches ist die Kernbotschaft aller im Film gezeigten Schulen?

Es sind Schulen, die an den Koordinaten von Raum und Zeit arbeiten. Sie geben dem Ort große Bedeutung. Sie "laden ihn auf." Es sind Schulen, die die Zeit rhythmisieren und diesen industriellen 45-Minuten-Takt verlassen. Es sind Schulen, die auch aus den Kleinkriegen gegenseitiger Beschämung aussteigen, und die die Feindschaft zwischen Schülern und Lehrern aufgekündigt haben.

Setzen sich diese Schulen nicht dem Vorwurf aus, sie wollten zur Kuschelpädagogik der 1970er-Jahre zurück, die wir endlich durch Leistung, Standards und Evaluation ersetzt haben?

Nein. Leistung ist ihnen wichtig und sie sind durchgehend leistungsmäßig gut. Es ist vielmehr so, dass für diese Schulen das Schisma "entweder gute Leistungen oder sich Wohlfühlen" nicht gilt. Das Eine bedingt vielmehr das Andere! Es sind entneurotisierte Schulen. Die neurotisierte Schule ist so sehr mit sich und ihrem Unglück befasst, dass sie unglaublich viel Energie damit verbraucht.

Wie lange dauert es, bis aus einer herkömmlich arbeitenden Schule ein "Treibhaus" wird?

Das ist ganz schwer zu sagen. Ich vermute aber, dass es unter drei, vier Jahren nicht geht, und ich glaube, dass man sich diese Zeit auch nehmen muss. Zu allererst gilt es, sich darüber klar zu werden, worüber man unglücklich ist und was einem nicht gefällt. Eine der interessantesten Schulen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe ist die Geresta skola in Härnösand, das liegt in Nordschweden. Diese Schule gilt als eine der besten überhaupt. Die Lehrer haben drei Jahre gebraucht, um herauszufinden, was ihnen missfiel, und was sie anders machen wollten. Drei Jahre, und dann ging alles plötzlich ganz schnell. Leider will man bei uns innerhalb eines Jahres Ergebnisse haben.

Ist Unterricht und die Vorbereitung darauf in "Treibhausschulen" aufwändiger als in klassischen Schulen?

Es gibt eine entscheidende Verschiebung: Die Vorbereitungszeit wird viel wichtiger. Das bedeutet vor allem, dass Lehrer kooperieren und nicht mehr jeder Einzelne die Vorbereitung ausschließlich für sich selbst macht. In der Bodenseeschule z. B. gibt es einen Raum voller Leitz-Ordner. Die enthalten das Schul-Gedächtnis von 20 Jahren. Viele Projekte wiederholen sich. Diejenigen, die zum ersten Mal ein Projekt durchführen, können auf bereits vorhandene Dokumentationen und Materialien zurückgreifen und diese modifizieren.

Lehrer merken auch sehr schnell, ob ein bewährtes Projekt mit den Schülern ihres Jahrgangs noch gut läuft oder ob es verändert, angepasst werden muss. Die Lehrer dieser Schulen beschweren sich nicht über falsche Schüler, mit denen man sowieso nichts anfangen kann, weil sie dauernd nur fernsehen oder weil sie aus kaputten Familien kommen. Sie sagen: "Das sind unsere Kinder."

Wenn Treibhausschulen erfolgreich sind und zudem noch viel motivierender, warum fangen nicht alle Schulen morgen damit an?

Weil zumindest die ersten Schritte sehr anstrengend sind. Weil man Angst vor dem Scheitern hat und man sein Handeln selbst verantworten muss. Was nicht gut läuft, kann nicht mehr auf externe Ursachen abgeschoben werden, seien es andere Institutionen oder die widrigen Begleitumstände. Sobald man sagt, "das ist mein Leben", ist man für sich selbst verantwortlich und es ist vorbei mit dieser komfortablen Verantwortungslosigkeit, weil ja Schulen ohnehin nicht Konkurs gehen und niemand entlassen werden kann. Ich glaube, dass das Abschieben von Verantwortung die große Erbsünde unserer Schulen ist. So entledigt man sich seiner eigenen Urheberschaft.

Welche Chancen räumen Sie den von Elterninitiativen gegründeten Privatschulen ein?

Sie haben eine enorme Chance, denn wenn die Eltern Gründer oder Mitgründer sind, eröffnen sie gar nicht erst den Kleinkrieg mit den Lehrern. Aus einem Konsens heraus suchen sie sich die Lehrer aus, die zu ihnen und zur Schule passen. Darüber hinaus ist es für alle Institutionen gut, so etwas wie einen Gründungsmythos zu haben.

Sehen Sie sich als Missionar, der im Auftrag, die Schule in Deutschland zu verändern, quer durch Europa reist?

Um Gottes Willen, nein! Ich versuche etwas herauszufinden, vieles zu sammeln. Missionar ist jemand, der alles weiß und es anderen weitergibt. Das Schöne beim Filmen ist, dass man Dinge sammeln kann und - anders als beim Schreiben - nicht in die eigene homogene Theorie übersetzen muss. Der Missionar kennt ja schon genau das richtige Ergebnis. Ich erlebe ständig, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, gute Schule zu machen, und nicht nur die eine. Es gibt garantiert nicht nur eine. Die Schulen, die ich kennen gelernt habe und die gut sind, sind alle geprägt durch die Personen, die in ihr arbeiten. Vor allem durch Schulleiter und insbesondere durch Schulleiterinnen.

Lassen sich gute Schulen in einem föderalen System leichter verwirklichen als in Systemen mit nationaler Bildungspolitik?

Das glaube ich nicht. Ein Nachteil des föderalen Systems ist, dass die Kultusminister nichts abgeben wollen. Die Veränderungen in den skandinavischen Ländern waren stets davon begleitet, dass sehr viel Macht nach unten abgegeben wurde. Die ideale Konstruktion ist, dass erstens die Zentrale für Konsens und für Ressourcen sorgt und zweitens sehr viel Macht an die Schulen und die Kom¬munen, also an die Basis, geht. Und dann entsteht die Notwendigkeit für eine dritte Instanz, die Evaluations-Instanz. Dieses Dreieck ist sehr produktiv. Man könnte das durchaus auch in einem Bundesland realisieren. Aber die Bildung ist ein Feld, auf dem die Parteien gerade landes¬politisch ihre Unterscheidungsgewinne machen können.

Deshalb ist die Bereitschaft, Konsens zu schaffen so gering. Wir haben zu viel Krieg im System. Das manifestiert sich im Augenblick gerade in der Debatte um die Elite-Universitäten, die von der Politik jetzt in Geiselhaft genommen werden.

Wenn im September die Pisa-E-Länderauswertung veröffentlicht wird, wird das Theater von vorn losgehen. Sollten Bayern und Baden-Württemberg wieder besser abschneiden als Nordrhein-Westfalen oder Bremen, wird man nicht danach fragen, ob es eventuell aufgrund kultureller Traditionen und stärkerer Wirtschaft weniger Verwahrlosung gibt. Oder ob nicht die Hauptschule deshalb (noch) nicht dieses pädagogische Lazarett ist, weil diese Bundesländer lange Zeit nicht so stark auf das Gymnasium gesetzt haben. Baden-Württemberg und Bayern haben, obwohl das gar nicht ihrer Politik entspricht, so gesehen die integriertesten Systeme. Dort, wo man zwar die Politik der integrierteren Systeme in Form von Gesamtschulen formuliert hat, in der Realität aber sehr stark auf den Aufstieg durch Bildung, also auf das Gymnasium gesetzt hat, sind die anderen Schularten stark ausgeblutet. Und das Gymnasium ist ausgewiesener Maßen die pädagogisch schwächste Schule. Leider ist das alles sehr paradox bei den Deutschen.

In den nächsten Jahren werden mehr als 40 Prozent aller deutschen Lehrer in den Ruhestand gehen. Sehen Sie darin eine Chance für eine Veränderung von Schule?

Im Augenblick ist meine größte Befürchtung eher, dass die falschen Leute Lehrer werden. Wenn, und das scheint so zu sein, das Ansehen der Lehrer so gering ist, dass diejenigen, die sich für den Lehrerberuf interessieren, als völlig uncool gelten und deshalb diejenigen Lehrer werden, die vor zehn Jahren aus Sicherheitsgründen lieber zur Bank gegangen sind, dann würde ich doch eher auf die Fünfzigjährigen setzen. Außerdem werde ich demnächst 57 und finde oft, es geht erst richtig los.

Die Fragen stellte Hannelore Ohle-Nieschmidt.

Service

Der Film "Treibhäuser der Zukunft" kann unter www.archiv-der-zukunft.de oder im Buchhandel über den Beltz Verlag bestellt werden.
VHS mit Dokumentation (115 Minuten), Kurzfassung und Ultrakurzfassung 17,20 Euro.
DVD mit Buch (132 Seiten) 29 Euro.
Auf drei DVD-Scheiben sind 14 Stunden Film. Außer der Dokumentation und den Kurzfassungen gibt es acht Exkurse zu Themen wie Lehrer, Heterogenität und andere Länder. Außerdem dokumentieren die DVDs ausführliche Interviews mit Hartmut von Hentig, Elsbeth Stern, Manfred Spitzer, Andreas Schleicher und vielen anderen Experten sowie mit den Protagonisten aus den Schulen.

Ansprechpartner

Reinhard Kahl
Eppendorfer Landstraße 46
20249 Hamburg
Telefon: 0 40-48 94 11
Fax: 0 40-4 80 47 67

www.reinhardkahl.de

Zur Person

Der Journalist, Autor, Regisseur und Produzent von Fernseh- und Videodokumentationen Reinhard Kahl wurde 1948 in Göttingen geboren. Er studierte Erziehungswissenschaften, Philosophie, Soziologie und Psychologie in Frankfurt/Main und Hamburg. Seit 1975 ist Kahl als Journalist tätig. Er schreibt u. a. für "Die Zeit", "Geo", "Die Welt", die "Süddeutsche Zeitung" und die "taz". Im Hamburger Literaturhaus ist er Gastgeber des monatlich stattfindenden "Philosophischen Cafés" und im Stuttgarter Literaturhaus Gastgeber des "Stuttgarter Bildungsdiskurses".

Erstveröffentlichung:

Klett Themendienst


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden