G8-Umfrage

Über 35.000 bayerische Gymnasialeltern nehmen an G8-Umfrage teil - Ergebnisse bergen sozialen Brennstoff

Wer im Flächenstaat Bayern auf dem Land wohnt und Eltern hat, die auf wenig Geld und geringe Bildung zurückgreifen können, hat es, unabhängig von seinen eigenen Fähigkeiten, sehr schwer zum Abitur zu kommen. Doch selbst Stadtgymnasiasten mit gut betuchten Akademikereltern ächzen, auch sechs Jahre nach der Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8), unter der Last des "neuen" Systems.

07.05.2010 Pressemeldung Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern

35.078 Eltern sind dem Aufruf der Landes-Eltern-Vereinigung e.V (LEV) gefolgt. Sie haben an einer Umfrage teilgenommen, 16 Fragen beantwortet und damit auch ihrem G8-Ärger deutlich Luft gemacht. "Insgesamt überraschen mich die Ergebnisse nicht", sagt Thomas Lillig, LEV-Vorsitzender "sie decken sich mit dem, was unsere Mitglieder täglich aus ganz Bayern berichten. Wirklich erschreckend finde ich allerdings die Deutlichkeit mancher Einzelergebnisse und den sozialen Brennstoff, der sich darin verbirgt".

2007 hatten sich 141 Gymnasien an der erstens LEV-Umfrage, die nahezu identisch war, beteiligt, in diesem Jahr nur 120. Vorstandsmitglied Harald Renz, der die Gesamtauswertung vorgenommen hat, erklärt den Rückgang so: "Obwohl der Kultusminister seine grundsätzliche Genehmigung für die Umfrage erteilt hatte, gab es einige Schreiben aus dem Ministerium an die Schulleitungen, in denen vor juristischen Problemen und der damit verbundenen Rechtmäßigkeit gewarnt wurde. Das hat natürlich viele Elternbeiräte so verunsichert, dass sie lieber die Finger von der Umfrage gelassen haben".

Nachhilfebedarf erneut zugenommen - Mathe nach wie vor Spitzenreiter

Die Menge des Nachhilfeunterrichts im G8 hat seit 2007 noch einmal zugenommen. Für die LEV ein echtes Warnsignal: Wenige Wochen nachdem den Grundschülern die Eignung für die gymnasiale Laufbahn vom Staat attestiert wurde, braucht schon jedes achte Kind in der 5. Jahrgangsstufe externen Nachhilfeunterricht. Noch bedenklicher ist, dass sich dieser Anteil bereits in der 6. Jahrgangsstufe verdoppelt. Der Höchststand wird in der 9. Klasse erreicht, hier nimmt ein Drittel der Schüler in einem oder mehreren Fächern Nachhilfe. Mehrere negative Auswirkungen sind damit verbunden: Das Kind fühlt sich minderwertig, der zusätzliche Zeitbedarf belastet den Familienalltag und Nachhilfe ist teuer. 50 Euro zahlen ein Drittel der Fünftklasseltern monatlich, bei 20 Prozent wird das monatliche Familienbudget sogar um 80 bis 200 Euro reduziert. Lillig: " Wer nicht zahlen kann befürchtet - leider zu Recht - Nachteile für sein Kind". Trauriger Bestseller auf der Fächerliste ist Mathematik, gefolgt von Latein. "Dass Englisch in der 6. und 7. Klasse mit viel Nachhilfe verbunden ist, wundert mich nicht. Hier entspricht der Lehrplan nach wie vor nichtdem vom Kultusministerium geplanten wöchentlichen Zeitbudget", sagt Lillig.

Schule belastet die ganze Familie - ohne Elternhilfe geht's nicht

Darüberhinaus leisten die bayerischen Eltern von Gymnasiasten, das hat die Umfrage ebenfalls erneut ergeben, regelmäßig eine Vielzahl von innerfamiliärem Nachhilfeunterricht, das war noch vor zehn Jahren nicht denkbar. Zwei Drittel müssen bei der Erstellung der täglichen Hausaufgaben helfen, die ja eigentlich nur zur Vertiefung und Einübung des bereits gelernten Stoffes gedacht sind.

Gemeinsame Vorbereitung von Schulaufgaben und Erarbeitung von Referaten kommen dazu. Alles zusammengenommen ergeben sich in vielen bayerischen Familien negative Auswirkungen auf den Familienalltag, ein Drittel spricht sogar von häufigen Belastungen durch das Lernpensum der Kinder. Anlass zur Sorge um die gesunde Entwicklung der Schüler zeigt für Lillig leider auch die Tatsache, dass jedes dritte Kind der Jahrgangsstufen 5 - 10 häufig unter schulbedingten Stresssituationen leiden.

Q 11 - das Sorgenkind im G 8

Die Auswertung der Angaben der Q11-Eltern und die hohe Zahl der eingereichten Fragebögen hat die Gründe für die massiven Proteste der Eltern und Schüler in den vergangenen Monate nochmals eindrucksvoll bestätigt.

Über 80 % der Eltern stellen fest, dass ihre Kinder nicht mehr ausreichend Zeit für außerschulische Aktivitäten haben. "Außer Lernen findet bei den meisten Q11-Schülern wenig statt", so Lillig. Eine Anforderung des Schulsystems an die jungen Bayern, die nach Ansicht der LEV-Mitglieder durchaus hinterfragt werden muss. "Wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die für ihre gesunde Entwicklung und zur Förderung ihrer sozialen Kompetenz Sport und Musik machen sollten. Ganz zu schweigen von dem ehrenamtlichen Engagement, das viele Gymnasiasten gerne in die Gesellschaft einbringen würden, sei es bei der Freiwilligen Feuerwehr, als Übungsleiter im Sportverein oder als Tutoren, Mediatoren oder SMV-Mitglied an der eigenen Schule." Vorstandsmitglied Renz rechnet vor: "Im Mittel haben die Q11-Schüler 36 Schulstunden pro Woche. Dazu kommen durchschnittlich fünf durch organisatorische Probleme verursachte "Zwangs"-Freistunden und die Fahr- und Wartezeiten: Macht 48 Zeitstunden, ohne Hausaufgaben, ohne Vorbereitung auf den nächsten Tag und ohne Lernen für Schulaufgaben." Lillig gibt zu bedenken, dass soziales Engagement in der Jugend gelernt wird: "Wenn der bayerische Staat diesen schulpolitischen Weg weitergeht, wird er über kurz oder lang die wertvolle ehrenamtliche Leistung für teures Geld hauptamtlich einkaufen müssen".

G8 im Flächenstaat Bayern - ein Zeitkiller für die Schüler

Bestürzt zeigt sich der LEV-Vorsitzende über die Fahr- und Wartezeiten vieler Schüler, insbesondere auf dem Land. 62 % der Fahrschüler haben eine Fahrzeit zwischen 45 Minuten und drei Stunden täglich, ein Drittel muss täglich 45 Minuten bis 3,5 Stunden zusätzlich an Bahnhof oder Bushaltestelle verbringen. "Lange Wege erschweren den Zugang zu höherer Bildung", sagt der LEV-Vorsitzende dazu und fordert kleinräumigere Strukturen und schnellere Verkehrsanbindungen an die Schulen.

Lillig und Renz ziehen aus den Ergebnissen der zweiten LEV-Umfrage ein Fazit: "Der Mut und der Arbeitseinsatz, den die bayerischen Elternbeiräte beim Austeilen, Einsammeln und Auswerten von über 35.000 Fragebögen in den vergangenen Monaten gezeigt haben - trotz der Schwierigkeiten, die ihnen gemacht wurden - sollte von den Verantwortlichen als ernsthafter Hinweis gewertet werden, dass hier nach wie vor fundamental am System etwas nicht stimmt".

Lillig schließt mit einen Vergleich, um die Gesamtsituation noch deutlicher zu machen:" Das neue Haus G8 ist eben nun mal viel kleiner als das alte Haus G9. Ausgestattet ist dieses kleine G8-Haus aber immer noch mit den alten, viel zu großen Möbeln. Kein Wunder, dass man sich darin kaum bewegen kann und sich alle Bewohner ständig blaue Flecken holen".

Die LEV vertritt rund 600.000 Mütter und Väter in Bayern. Mehr Informationen finden Sie unter www.levgym-bayern.de


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