Umfrage

Mehrheit der Lehrkräfte würde den Beruf weiterempfehlen – trotz Zukunftssorgen

Was belastet die Lehrkräfte, wie zufrieden sind sie mit ihrem Beruf und wie blicken sie in die Zukunft? Der VBE Baden-Württemberg hat dazu 505 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen repräsentativ durch forsa befragen lassen.

02.11.2026 Baden-Württemberg Pressemeldung VBE Baden-Württemberg
  • Grundschulkinder sitzen in einem Klassenzimmer und heben die Hände zur Wortmeldung, an der Tafel steht eine Lehrerin. © Adobe Stock Zwei Drittel der Lehrerinnen und Lehrer würden jungen Menschen empfehlen, den Beruf der Lehrkraft zu ergreifen – dennoch sorgt sich ein Drittel, den beruflichen Anforderungen künftig nicht mehr gewachsen zu sein.

„Dass Lehrkräfte ihren Beruf gern ausüben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie viel ihnen die bestehenden Arbeitsbedingungen abverlangen. Wenn ein Drittel befürchtet, den Anforderungen künftig nicht mehr gewachsen zu sein, ist das besorgniserregend. Die Motivation der Lehrkräfte ist keine unerschöpfliche Ressource. Es braucht bessere Bedingungen, damit sie ihre Arbeit langfristig gut machen können“, erläutert Gerhard Brand, Landesvorsitzender des VBE Baden-Württemberg, angesichts der Umfrage-Ergebnisse.

Lehrkräftemangel und heterogene Klassen belasten den Arbeitsalltag

Nach wie vor ein großes Problem ist der Lehrkräftemangel. Besonders deutlich zeigt sich das an den Grundschulen, wo vier von zehn befragten Lehrkräften (44 Prozent) den Lehrkräftemangel als Problem benennen.

Eine vorangegangene VBE-Umfrage zum Thema Unterrichtsausfall deckt ein weiteres Problemfeld auf: 37 Prozent der Grundschulen, 57 Prozent der Sek-I-Schulen sowie 51 Prozent der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren vermelden bereits zu Schuljahresbeginn Unterrichtsausfälle. An Grundschulen wird der besonders starke Lehrkräftemangel, im Vergleich zu anderen Schularten, offenbar häufiger durch fachfremde Vertretungen und Mehrarbeit der vorhandenen Lehrkräfte aufgefangen. Da jüngere Kinder zudem nicht einfach nach Hause geschickt werden können, führt der Mangel dort nicht zwangsläufig zu mehr Unterrichtsausfall als an den Sek-I-Schulen.

Auch der Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft sowie mit Inklusion und Integration beschäftigt die Lehrkräfte: An Grundschulen nennen vier von zehn Lehrkräften (41 Prozent) diesen Bereich als eines der größten Probleme, an weiterführenden Schulen ist es ein Viertel der Befragten (25 Prozent). Hinzu kommen Belastungen, die sich unmittelbar auf die pädagogische Arbeit auswirken: Drei Viertel der Befragten (74 Prozent) kritisieren, dass zusätzliche Aufgaben nicht ausreichend berücksichtigt werden. Darunter fallen unter anderem die Einführung von Sprachförderprogrammen wie SprachFit, der Ausbau der Ganztagsbetreuung oder die inklusive Beschulung von Kindern mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen, beispielsweise im Autismus-Spektrum. Diese erfordern zusätzliche Absprachen im Kollegium, mit Eltern, sonderpädagogischen Diensten und weiteren Fachkräften sowie Kooperationspartnern.

„Wenn Lehrkräfte fehlendes Personal auffangen, zu wenig Unterstützung in herausfordernden Situationen erhalten und zusätzlich zahlreiche Aufgaben neben dem Unterricht bewältigen müssen, steigt ihre Belastung. Wir brauchen deshalb nicht noch mehr Aufgaben und Vorgaben, sondern mehr Personal, multiprofessionelle Unterstützung und eine spürbare Entlastung im Schulalltag“, mahnt Brand.

Neun von zehn Lehrkräften kritisieren fehlenden Praxisbezug in der Bildungspolitik

Neun von zehn Lehrkräften (90 Prozent) belastet, dass Politikerinnen und Politiker bei ihren Entscheidungen die Realität an den Schulen nicht ausreichend berücksichtigen. Landesvorsitzender Brand sieht darin ein deutliches Signal an die Politik: „Wer über Schule entscheidet, muss die Bedingungen kennen, unter denen Lehrkräfte arbeiten, und ihre Erfahrungen ernst nehmen. Sonst entstehen Vorgaben, die an der Realität vor Ort vorbeigehen und die Herausforderungen im Schulalltag noch vergrößern.“

Bei der Einschätzung der Entwicklung der Rahmenbedingungen zeigt sich, dass acht von zehn Lehrerinnen und Lehrern (79 Prozent) der Ansicht sind, dass sich diese in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) erwarten eine weitere Verschlechterung.

Dabei ist die Arbeit an der eigenen Schule keineswegs negativ besetzt: Fast alle befragten Lehrkräfte bewerten das Verhältnis zu ihren Schülerinnen und Schülern (97 Prozent) und das Arbeitsklima im Kollegium (93 Prozent) positiv.

Zwei Drittel der Lehrkräfte würde den Beruf weiterempfehlen – trotz Zukunftssorgen

Trotz der Belastungen ist die pädagogische Arbeit für viele Lehrkräfte nach wie vor der wichtigste Antrieb, weshalb neun von zehn Lehrkräften (88 Prozent) gerne zur Arbeit gehen. Fast alle Lehrkräfte (98 Prozent) antworten auf die Frage nach der Wichtigkeit der Gründe für das Ergreifen des Lehrerberufs, dass sie gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und Freude daran haben, Wissen zu vermitteln. Für viele Lehrkräfte sind auch die Existenzsicherheit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zentrale Aspekte. Deshalb würden auch knapp zwei Drittel der Lehrerinnen und Lehrer (61 Prozent) jungen Menschen den Beruf der Lehrkraft weiterempfehlen.

Dass Lehrkräfte ihren Beruf gern ausüben, heißt jedoch nicht, dass sie nicht mit Sorge in die Zukunft blicken. Ein Drittel der befragten Lehrkräfte (33 Prozent) macht sich große oder sehr große Sorgen, den Anforderungen des Berufs künftig nicht mehr gewachsen zu sein. Begründet wird dies unter anderem mit der zunehmenden Arbeitsbelastung, mit gesundheitlichen Ursachen, Stress und psychischen Belastungen sowie mit der heterogenen Schülerschaft.

„Die Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist für viele Lehrkräfte der wichtigste Antrieb. Damit diese Motivation erhalten bleibt und sich auch künftig junge Menschen für den Beruf entscheiden, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehört auch die berufliche Sicherheit durch das Berufsbeamtentum. Mit ihrem Eid auf die Landesverfassung verpflichten sich verbeamtete Lehrkräfte zudem, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzustehen. Das Berufsbeamtentum bietet ihnen den notwendigen Schutz vor politischer Einflussnahme und stärkt sie in ihrer Aufgabe, demokratische Werte zu vermitteln und zu verteidigen“, betont Gerhard Brand.

VBE: Berufszufriedenheit von Lehrkräften sichern, Bildungsqualität stärken

Landesvorsitzender Brand zieht ein klares Fazit: „Die Berufszufriedenheit von Lehrkräften ist keine Nebensache. Sie entscheidet mit darüber, ob Lehrkräfte ihren Beruf langfristig ausüben können und junge Menschen sich dafür entscheiden, den Beruf zu ergreifen. Beides ist entscheidend für guten Unterricht und die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen. Wir müssen Lehrkräfte spürbar entlasten und die Bedingungen vor Ort verbessern. Dazu brauchen wir auch belastbare Daten: Der VBE fordert deshalb, dass Deutschland an der internationalen Lehrkräftebefragung TALIS der OECD teilnimmt. So kann aufgezeigt werden, wo unsere Schulen im Vergleich zu anderen Ländern stehen und wo wir bei den Arbeitsbedingungen ansetzen müssen.“

Aus Sicht des VBE Baden-Württemberg müssen konkrete Konsequenzen folgen:

  1. Lehrkräfte wirksam entlasten: Gezielte Maßnahmen, um mehr originär ausgebildete Lehrkräfte für Grundschulen, Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren sowie die Schularten der Sekundarstufe I zu gewinnen. Außerdem eine verlässliche Vertretungsreserve in Höhe von mindestens 110 %. Multiprofessionelle Teams aus pädagogischem und nicht-pädagogischem Personal an allen Schulen sowie mehr Anrechnungsstunden für zusätzliche Aufgaben. Gleichzeitig braucht es Investitionen in die Gesundheitsvorsorge der Lehrkräfte.
  2. Bildungspolitik näher an der Schulpraxis ausrichten: Lehrkräfte und Schulleitungen müssen ihre Praxiserfahrung frühzeitig in bildungspolitische Entscheidungen einbringen können. Reformen, neue Konzepte und Programme müssen praxistauglich, mit ausreichend Ressourcen hinterlegt, und langfristig angelegt sein. Abfragen, Dokumentationspflichten und neue Aufgaben mit Augenmaß – deren Ergebnisse müssen anschließend in die Arbeit der Schulen einfließen. Die Bildungspolitik muss außerdem das Berufsbeamtentum für Lehrkräfte sicherstellen.
  3. Gute Lern- und Arbeitsbedingungen schaffen: Investitionen in moderne, funktionale Schulgebäude und eine verlässliche Ausstattung mit modernen und digitalen Lehr- und Lernmaterialien.

Hintergrund

Die repräsentative Befragung „Berufszufriedenheit von Lehrkräften in Baden-Württemberg“ wurde im Auftrag des VBE vom 28. September bis 11. Oktober 2026 vom Sozialforschungsinstitut forsa durchgeführt. Dafür wurden 505 Lehrkräfte an allgemein bildenden Schulen in Baden-Württemberg im Rahmen des repräsentativen Bevölkerungspanels forsa.omninet befragt.

Ansprechpartner

VBE Baden-Württemberg

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