´Vorsprung durch Bildung´ über Reduzierung des Wissens?

"Die weitere Reduzierung der Ansprüche an das Wissen unserer Schüler ist die grundfalsche Antwort auf den immer schärfer werdenden internationalen Wettbewerb. Der rasante wirtschaftliche Aufstieg Indiens, Chinas und anderer asiatischer Staaten ist auch auf den verbreiteten Bildungshunger und auf enorme Bildungsanstrengungen des Einzelnen wie des Staates zurückzuführen. Das dort anzutreffende Bewusstsein um den Wert von Bildung und das Streben junger Menschen, sich möglichst viel Wissen anzueignen, steht in einem krassen Kontrast zur derzeitigen Diskussion um nochmalige Stoff- und Stundenkürzungen am achtjährigen Gymnasium", mahnte der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) Max Schmidt anlässlich der heutigen Tagung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) unter dem Titel "Bildungsrisiken und -chancen im Globalisierungsprozess". Schmidt, der verschiedene asiatische Bildungssysteme bei mehreren Studienaufenthalten vor Ort kennenlernen konnte, teilt die Feststellung des vbw, dass ´die wichtigste Ressource Bildung in einer zunehmenden Wissensgesellschaft verstärkt und ausgebaut werden muss´, wolle Deutschland ´international nicht den Anschluss verlieren´.

06.03.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)

Beispiel Frankreich: Enorme Probleme durch Entwertung des Abiturs

Schmidt weiter: "Der von vbw-Präsident Randolf Rodenstock geforderte ´Vorsprung durch Bildung´ Deutschlands ist erst recht nicht haltbar, wenn sich neben den Kürzungsforderungen für das Gymnasium auch die Forderungen nach einer deutlichen Erhöhung der Abiturientenquote durchsetzen. Eine einseitig auf Tempo und Quantität ausgerichtete Bildungspolitik würde sich als Bumerang für den Einzelnen wie die Entwicklung unseres Landes erweisen." Auch in der Wirtschaft zeige sich ja, dass Versuche, unter allen Umständen Produktionssteigerungen zu erzielen, immer zulasten der Produktqualität gingen. Prominente Beispiele seien Automobilhersteller wie Mercedes und Toyota: Hohe Folgekosten durch Rückrufaktionen, unzufriedene Käufer und nur mit Mühe wieder gut zu machende Imageverluste sind die Folgen. Gleiches gilt für den Bildungsbereich. Das Beispiel Frankreich führt warnend vor Augen, dass es eine Illusion bleibt, mit einer drastisch gesteigerten Abiturientenquote die Berufs- und Lebenschancen junger Menschen erhöhen zu können: Die Ansprüche an das Abitur wurden gesenkt, so dass mittlerweile rund 80 Prozent der Jugendlichen die Schule mit einem ´bac´ in der Tasche verlassen. Durch diese Inflationierung ist das normale Abiturzeugnis aber nichts mehr wert. Lediglich eine Minderheit, die sich teure und renommierte Eliteschulen und –universitäten leisten kann, hat realistische Aussichten auf anspruchsvolle und gut bezahlte Arbeitsplätze. So befördert der Drang nach immer höheren Abiturienten- und Akademikerquoten nicht die Berufs- und Lebenschancen des Einzelnen, sondern trägt ganz im Gegenteil zur Verstärkung bestehender sozialer Unterschiede bei. Denn sozialer Aufstieg allein über individuelle Leistung ist für Begabte aus finanziell schwachem Milieu unter solchen Voraussetzungen kaum mehr möglich. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, daraus resultierend die stete Gefahr großer gesellschaftlicher, sich in zunehmenden Gewaltakten äußernder Verwerfungen und andererseits ein frappanter Mangel an Handwerkern gehören zu den Folgen einer solchen Politik.

Schweizer Arbeitgeberverband: Qualität vor Quantität bei Abiturienten

Eine völlig andere Politik in Bezug auf die Qualität des Gymnasiums und die Höhe der Abiturientenquoten fährt dagegen die Schweiz, die im internationalen Wettbewerb vor den gleichen Herausforderungen steht wie Deutschland. Der Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes Thomas Daum sprach sich im vergangenen Jahr gegen die Erhöhung der von der OECD monierten 20-prozentigen Abiturienten- bzw. Maturantenquote aus: "Wir sehen, dass bei einer forcierten Erhöhung der Maturitätsquote die Probleme eher zu- als abnehmen. Ich bin lieber bei der Maturitätsquote und der Arbeitslosenquote unter dem OECD-Schnitt als darüber. Mehr Abschlüsse lassen sich nur erreichen, wenn entweder die Anforderungen in den einzelnen Fächern oder die Zahl der Selektionsfächer reduziert würden. Beides wäre nach unserem Dafürhalten der falsche Weg. Die Maturität hat verlässlich die Hochschulreife zu gewährleisten. Es ist besser, den Selektionsprozess im Gymnasium und so eine gewisse Qualitätskontrolle zu gewährleisten, als nach dem Gymnasium nochmals zusätzliche Loops zu machen, um dann die richtigen Leute fürs Studium zu finden." – Eine weitsichtige und selbstbewusste Haltung, die der Philologenverband sich auch von deutschen Politikern und Arbeitgebervertretern wünscht.

Richtige Antwort auf Belastungsdebatte: Investitionen in Gymnasien

Die Qualität des Abiturs und die Gewährleistung der Studierfähigkeit müsse auch im achtjährigen Gymnasium oberstes Ziel dieser Schulart bleiben, forderte der bpv-Vorsit­zende Schmidt: "Wir wollen jeden Schüler entsprechend seinen Anlagen und Fähigkeiten in unserem vielgliedrigen Bildungssystem optimal fördern. Wir wollen auch zukünftig selbstbewusste Jugendliche mit einem weiten Wissens- und Bildungshorizont, die im internationalen Wettbewerb mit den Besten bestehen können. Aber wir wollen keine Paukschulen oder Lernmaschinen. Wir müssen den Weg gehen, Schülern einen großen Fundus an Wissen, Kompetenzen und Fähigkeiten zu vermitteln, ohne sie permanent zu überfordern. Das gelingt unter den Bedingungen eines achtjährigen Gymnasiums am besten in einem lernförderlichen Umfeld. Um dieses gewährleisten zu können, müssen die personellen und räumlichen Kapazitäten konsequent ausgebaut und Möglichkeiten etabliert werden, den Unterricht schülerentlastend zu rhythmisieren. Wer Bildungschancen erhalten und erweitern möchte, muss die finanziellen und personellen Kapazitäten erweitern. Wer dagegen Stundentafeln und Lehrpläne kürzt, kürzt Bildungs- und Lebenschancen."


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