Bayern

Was wollen Bayerns Nachwuchslehrer?

- Unterbezahlt: Kritik an den Bezügen im Referendariat - Unzufrieden: mit erziehungswissenschaftlichem Studium - Hohe Zustimmung: zu Eignungsberatungen, zweijährigem Referendariat und begleiteter Berufseinstiegsphase - Kritik an Bezahlung auf dem Niveau von ALDI-Azubis

22.11.2010 Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)

Zwei Drittel der bayerischen Referendare fühlen sich unterbezahlt. Das ist eines der Ergebnisse der größten Befragung von Junglehrern aller Schularten, die es in Bayern seit Jahren gegeben hat. 1240 Nachwuchslehrkräfte hatten bis Mitte November einen Fragenkatalog beantwortet, den die Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände (abl) entwickelt hatte – mit teilweise überraschenden Ergebnissen. Die Antwort auf die Frage nach der Zufriedenheit mit der Bezahlung kommentierte der amtierende abl-Präsident Max Schmidt: "Seit der letzten Kürzung der Bezüge billigt man Referendaren nach fünf- bis sechsjährigem Studium so viel Geld zu wie zehn Jahre jüngeren ALDI-Azubis im dritten Lehrjahr. Das finanzielle Elend beabsichtigt die Staatsregierung jetzt auch noch dadurch zu verlängern, dass die Einstiegsbesoldung z.T. um über 500.- Euro brutto gekürzt wird. Das ist himmelschreiend! Die erste Berufsphase darf für unsere jungen Leute keine nebenjobpflichtige Veranstaltung werden!"

Sind Orientierungspraktika hilfreich? - Weniger als ein Viertel sagt ja

Eine so nicht erwartete deutliche Unzufriedenheit besteht bei Junglehrern auch über das Orientierungspraktikum, das der Überprüfung des Berufswunsches dienen soll: Noch nicht einmal jeder vierte Befragte (23 Prozent) hielt es für ´hilfreich´, 40 Prozent nicht und 30 Prozent nur zum Teil. Dagegen sprachen sich fast 78 Prozent der Befragten für ein Eignungsberatungsverfahren zu Beginn des Studiums aus. Für den abl-Präsidenten sollten aus diesem Ergebnis Konsequenzen gezogen werden: "Das Ergebnis passt zu manchen Zweifeln universitärer Fachdidaktiker über den höchst begrenzten Nutzen der Orientierungspraktika: Sie gingen auf Kosten anderer Studienanteile, ohne den Studierenden einen hinreichenden Erkenntnisgewinn zu bringen. Ich halte sie für entbehrlich. Besser wäre es, man würde auf einen qualifizierten, systematischen Ausbau der Eingangsberatung setzen."

Fachwissenschaften schneiden gut, Erziehungswissenschaften schlecht ab

Gefragt wurden die Nachwuchslehrkräfte auch nach ihrer Einschätzung der drei Säulen der Lehramtsstudiengänge. Die mit Abstand beste Beurteilung erhielten die Fachwissenschaften: 50,5 Prozent empfanden die angebotene Vielfalt der Veranstaltungen an ihrem Studienort als ´gut´, nur 9 Prozent als ´schlecht´. Noch besser fiel das Urteil über die Qualität der fachwissenschaftlichen Veranstaltungen aus: Über 57 Prozent beurteilten sie als ´gut´, lediglich 5,4 Prozent als ´schlecht´. Dagegen nimmt sich das Urteil über die Fachdidaktiken vergleichsweise bescheiden aus: Über 80 Prozent der Befragten beantworteten die Frage nach der angebotenen Vielfalt mit ´mittel´ (44,5 Prozent) oder gar ´schlecht´ (36 Prozent), ein gemischtes Urteil wurde über die Qualität gefällt: Knapp 23 Prozent empfanden sie als ´gut´, 47 Prozent als ´mittel´ und rund 25 Prozent als ´schlecht´. Klar am ungünstigsten schneiden in der Umfrage die Erziehungswissenschaften ab: Nur 16,5 Prozent vergaben hier ein ´gut´ für die Vielfalt, die Veranstaltungsqualität als ´gut´ empfanden gar nur 13 Prozent. Die nahezu gleich hohen Werte bei den Einstufungen ´mittel´ und ´schlecht für die Vielfalt (zus. 77 Prozent) und die Qualität (zus. 80 Prozent) des Angebotes haben für den abl-Präsidenten einen deutlichen Aufforderungscharakter: "So erfreulich die Zufrieden­heit mit den Fachwissenschaften vor dem Hintergrund ihrer durch zahlreiche Untersuchun­gen bestätigten Bedeutung für den Unterrichtserfolg auch ist, so bedenklich finde ich das klare Urteil über die Erziehungswissenschaften: Anstatt unreflektiert ihren Anteil an den Lehramtsstudiengängen weiter zu erhöhen, sollte Geld und Personal in die Verbesserung ihrer Qualität investiert werden. Hier muss das Prinzip ´Qualität vor Quantität´ gelten!"

Mehr schulartspezifische Angebote gewünscht

Kritik übten die Befragten an der Zahl der schulartspezifischen Angebote an ihrem Studienort: Weniger als ein Viertel (23,5 Prozent) war damit zufrieden, am häufigsten lautete die Antwort ´nein´ (37 Prozent). Eine mittlere Einstufung gaben 34,5 Prozent der Befragten ab. Für die bayerischen Lehrerverbände erwächst daraus die Forderung nach einer Erhöhung der schulartspezifischen Angebote, denn, so Schmidt, "die Anforderungen in den einzelnen Lehrämtern sind hochspezifisch und kaum miteinander vergleichbar: Eine Grundschullehrerin benötigt andere Angebote als ein zukünftiger Lehrer an einer beruflichen Schule."

Seminarausbildung gut, aber mit Verbesserungspotenzial

Die Ausbildung im Studienseminar wird von vielen jungen Kollegen geschätzt: Nur jeder zehnte gab an, durch die Seminarlehrer nicht effektiv auf den Unterricht vorbereitet worden zu sein, fast 43 Prozent beantworteten diese Frage dagegen mit einem klaren ´ja´. Dass allerdings auch über ein Drittel (37 Prozent) der Befragten angab, nur teilweise eine gute Vorbereitung erfahren zu haben, zeigt, dass Verbesserungen in diesem Bereich möglich und nötig sind: Referendare und Seminarlehrer benötigen nach Ansicht der Pädagogenverbände mehr Zeit für eine noch intensivere Unterrichtsvorbereitung und den fachlichen und pädagogischen Austausch. Darauf weist auch der Umstand hin, dass nur knapp jeder zweite (49,5 Prozent) Nachwuchslehrer angibt, genügend Beratungsmöglichkeiten durch seine Seminarlehrer zu haben.

Der enorme Stellenwert, der dem Referendariat in den Augen der Betroffenen zukommt, spiegelt sich in der höchsten Zustimmung unter allen gestellten Fragen wider: 80 Prozent sagen: In der Lehrerbildung ist das zweijährige Referendariat ´unverzichtbar´, anders empfinden dies nur 15 Prozent.

Für die Idee einer dritten Phase der Lehrerbildung können sich sieben von zehn Befragten erwärmen: 69 Prozent hielten eine institutionalisierte Berufseinstiegsphase für hilfreich, in der Junglehrer nach dem Referendariat beim Berufseinstieg weiter professionell begleitet und unterstützt werden.

abl: Verbesserungen mit Kürzungen im Bildungsbereich nicht vereinbar

Für den abl-Präsidenten zeigt die Befragung vor allen Dingen Folgendes: "Das bayerische System der Lehrerbildung steht für Qualität und muss nicht über den Haufen geworfen werden. Dennoch besteht Handlungsbedarf: Die Möglichkeiten zur qualifizierten Beratung und Betreuung unseres Lehrernachwuchses müssen ausgebaut, die Studienangebote selbst in Teilbereichen qualitativ wie quantitativ verbessert werden. - Kürzungen im Bildungsbereich lassen sich mit diesem Handlungsauftrag nicht vereinbaren, zusätzliche Investitionen sehr wohl!"

Die Ergebnisse der Befragung wurden im Rahmen der Tagung "Professionalität und Qualität" der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände (abl) zur Lehrerbildung an der TU München einem Fachpublikum am Samstag erstmals vorgestellt. Anlässlich dieser Fachtagung haben die vier beteiligten Pädagogenverbände ihre Forderungen zur Verbesserung der Situation in der Lehrerbildung in einer Resolution formuliert, die Sie angehängt finden und um deren freundliche Beachtung wir Sie bitten.


Der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände (abl) gehören der Baye­rische Philologenverband (bpv), der Bayerische Realschullehrerverband (brlv), die Katholische Erziehergemeinschaft (KEG) und der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen (VLB) an.

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