„Wir brauchen keine neuen Theorien“

„Jedes Kind hat das Recht in der Schule erfolgreich zu lernen und die dafür notwendigen Hilfen zu bekommen. Das gilt für das hochbegabte Kind genauso wie für das in seiner Entwicklung beeinträchtigte“, erklärte der Bundeselternratsvorsitzende Wilfried Steinert heute auf der didacta. Unterstützung erhielt er während der Podiumsdiskussion „Lassen wir die Schwachen links liegen?“ von dem Stellvertretenden Leiter der Bildungsabteilung der OECD, Andreas Schleicher.

02.03.2005 Artikel

Entscheidend: Verantwortung

„Wir brauchen keine neue Theorien, wir sehen in der Praxis, wie das funktionieren kann,“ erklärte der deutsche PISA-Koordinator und ließ keinen Zweifel daran, dass Bildungsgerechtigkeit machbar ist. „Wenn Sie nach Finnland gehen, nach Kanada, Schweden oder Japan, dann erleben Sie in der Praxis wie das funktioniert. Das heißt eben, dass ich als Lehrer für meine Klasse verantwortlich bin, dass ich mit der Verschiedenheit der Schüler umgehen muss, dass es wenige Möglichkeiten gibt, mich dieser Verantwortung zu entziehen. Das deutsche Schulsystem aber bietet viele Möglichkeiten, Verantwortung abzuwälzen. Da fängt das an.“

Verantwortung war das zentrale Stichwort auf dieser Podiumsdiskussion. „Wir müssen lernen, dass nicht die Schüler allein für ihren Erfolg verantwortlich sind, sondern dass die Schule die Verantwortung für die Schüler übernimmt, die sie einmal aufgenommen hat. Das gilt genauso für das Gymnasium wie für die Realschule - wenn wir schon das gegliederte System haben“ bekräftigte Wilfried Steinert, vorsitzende des Bundeselternrats.

Auslese beginnt bei der Einschulung

PISA, so das Statement der Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Dr. Eva-Maria Stange, habe sehr deutlich gezeigt, „dass wir der Fiktion unterliegen, dass nur eins von beiden geht - entweder ich fordere und fördere Leistung oder ich fördere die Leistungsschwachen. Beides zusammen funktioniert nicht.“ Erfolgreiche PISA-Länder aber hätten es sehr wohl geschafft, beide Seiten der Medaille zusammenzubringen Sowohl die Leistungsstarken wie auch die Leistungsschwachen gemeinsam in heterogenen Gruppen zu fördern und damit das Niveau insgesamt anzuheben, die Risikogruppe zu verkleinern und die Spitzengruppe zu vergrößern. Das deutsche Bildungssystem hingegen sortiere von Anfang an aus. Schulreifeuntersuchungen, die es in anderen Ländern schon lange nicht mehr gebe, machten den Kindern – vor allen Dingen einem großen Prozentsatz von Migrantenkindern - klar, dass sie nicht reif für die Schule seien. „Das erste negative Ausleseergebnis für Kinder.“

Nicht alle für eine Schule für alle

Stange, Steiner und Schleicher ließen keinen Zweifel an der notwendigen Änderung der Schulstrukturen hin zu einer Schule für alle. Dem wollte sich der Staatssekretär des baden-württembergischen Kultusministeriums, Helmut Rau, nicht anschließen und verteidigte das dreigliedrige Schulsystem. “Unsere Schulen sind für alle, sie bieten aber ein differenziertes Angebot an, das seine eigenen Erfolge vorzuweisen ab. Es hängt nicht von der Frage der Schulstruktur ab, ob Schule eine gute Arbeit leistet es hängt von der Qualität des Unterrichts ab.“ Dass die Qualität des Unterrichts entscheidend für mehr Bildungsgerechtigkeit ist, wollten auch die anderen Diskussionsteilnehmer nicht abstreiten. In der Frage der Schulstruktur kamen sich die bildungspolitischen Lager allerdings nicht näher.


Weiterführende Links

  • Mehr zu Bildungsgerechtigkeit ...
  • PISA Deutschland
  • GEW
  • Bundeselternrat

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