Zensuren und Zeugnisse täuschen Eltern und Schüler

Über 10 Millionen Zensuren werden in diesen Wochen allein in den Grundschulen auf den Jahreszeugnissen erteilt. Der Grundschulverband hat eine wissenschaftliche Expertise in Auftrag gegeben, die die zentralen Forschungsbefunde und internationalen Erfahrungen zu Ziffernoten und ihren Alternativen auswertete. Die Ergebnisse stellen der in Deutschland praktizierten Leistungsbeurteilung ein verheerendes Zeugnis aus:

12.06.2006 Pressemeldung Grundschulverband e.V.

Zensuren täuschen vor, den tatsächlichen Leistungsstand des Schülers zu spiegeln, objektiv und vergleichbar zu sein. In der 4. Klasse sollen sie sogar eine Prognose auf zukünftige Leistungen geben, wenn sie über die Wahl der weiterführenden Schulen mit entscheiden. Nichts davon trifft zu. Gleiche Zensuren werden für unterschiedliche Leistungen erteilt, dieselbe Leistung wird in verschiedenen Klassen, von verschiedenen Lehrern unterschiedlich bewertet. Der Aussagewert für zukünftiges Lernen ist gering.

Zensuren können äußerst ungünstige Auswirkungen auf die Leistungsentwicklung haben: Sie gehören zu den stärksten Auslösern von Schulangst und blockieren damit Lernfreude und Leistungszuversicht. Sie behindern oder zerstören die Motivation für die Auseinandersetzung mit Sachthemen und fachlichen Problemen, wenn nur noch für Noten gelernt wird und nicht aus Interesse für das Thema. Sie stempeln leistungsschwächere Schüler dauerhaft zu Versagern, die sich wenig zutrauen, und machen leistungsstarke Schüler selbstgenügsam, wenn sie gute Zensuren "mit links" erhalten. "Fördern und fordern" werden erschwert.

Die Behauptung, Zensuren seien notwendige Anreize für das Lernen, wird durch schulisch erfolgreichere Länder widerlegt. Hier werden Noten erst in höheren Klassen erteilt und die Schüler sind insgesamt erfolgreicher, so in Schweden, in Finnland, auch im deutschsprachigen Südtirol.

Arbeitgeber haben längst erkannt, dass Zensuren wenig über Motivation und Leistungsfähigkeit aussagen: Sie gewichten die Eindrücke aus Einstellungsgesprächen und aus eigenen Leistungstests erheblich stärker. Die Expertise für den Grundschulverband macht darüber hinaus deutlich: Auch die bloße Abschaffung der Noten und ihr Ersatz durch Wortgutachten bringt noch keine Verbesserung. Zwei Bedingungen sind nötig, damit die Leistungsbewertung nicht im Widerspruch zur Leistungsförderung steht:

  1. Der Unterricht muss auf Eigentätigkeit der Schüler und auf sachgebundene Motivierung setzen. Die Lehrkräfte müssen gemeinsam mit den Schülern Lernen und Lernwege planen, Lernentwicklungen reflektieren und Lernergebnisse würdigen.
  2. Der Zusammenhang von Leistungsbewertung und Entscheidungen zur Selektion (Sitzenbleiben, Wahl der weiterführenden Schulen) muss entkoppelt werden. Eine Voraussetzung dazu ist, dass die Schüler über mehr als vier Schuljahre gemeinsam lernen können. Mehrere Bundesländer haben sich auf die Fahnen geschrieben, das "modernste Schulwesen" zu schaffen.

Mit Zensuren und Zensurenzeugnissen ist dies, wie die Auswertung des aktuellen Forschungsstandes zeigt, nicht zu haben. Informationen zur wissenschaftlichen Expertise:

  • Die Expertise wurde von der Arbeitsgruppe Primarstufe an der Universität Siegen unter Leitung von Prof. Dr. Hans Brügelmann erstellt.
  • Die ausführliche Fassung der Expertise mit allen Belegen ist für Medienvertreter kostenfrei über die Geschäftsstelle des Grundschulverbandes erhältlich (sonst 18,00 €).
  • Die Expertise wird der Kultusministerkonferenz, den für Schule und Bildung zuständigen Landesministerinnen und –ministern, den Parteien, den Landeselternvertretungen, den pädagogischen Fachverbänden sowie den Arbeitgebervereinigungen überreicht.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Hans Brügelmann ( , 02738 / 691476)
Horst Bartnitzky, Vorsitzender des Grundschulverbandes ( , 0203 / 708501)
Ulrich Hecker, stellv. Vorsitzender des Grundschulverbandes / Öffentlichkeitsarbeit ( , 02841 / 21714) Grundschulverband (i , 069 / 776006) Frankfurt/M, den 12. Juni 2006

Ansprechpartner

Grundschulverband e.V.

Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden