Interview

„Das Fremdsprachenlernen beginnt erst nach dem Englischen“

Mehrsprachigkeit ist auch für die Wirtschaft von Bedeutung. Studien belegen, dass viele Geschäfte in Europa aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht zustande kommen. Stefany Krath sprach mit Prof. Dr. Hermann Funk, Leiter des Lehrstuhls Didaktik und Methodik/Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Jena über die Verknüpfung von Mehrsprachigkeit und Wirtschaft.

13.11.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG
  • © Judith Weyer, ZfA

Herr Prof. Funk, eine Studie der EU von 2006 kam zu dem Ergebnis, dass europäische Unternehmen im großen Stil Aufträge verlieren, weil Fremdsprachenkenntnisse fehlen. Warum ist das immer noch so, obwohl doch das Bildungssystem verstärkt auf die Vermittlung von Fremdsprachen setzt?
Diese Untersuchung war eine Befragung von über 2.000 Unternehmen, die schätzen sollten, wie hoch die Verluste sind – und die lagen im Millionenbereich. In der Folgestudie von 2011 wurde eine Best-Practice-Erhebung durchgeführt. Bei den Unternehmen, die eine sprachliche Strategie verfolgten, wurde nachgefragt, inwieweit sich das auf den Geschäftserfolg auswirkte. Das Ergebnis war sehr klar: Firmen, die nur auf Englisch setzen oder gar keine Sprachenstrategie haben, hatten eindeutig das Nachsehen.

Prof. Dr. Hermann Funk ist im „Institut für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und interkulturelle Studien“ der Universität Jena tätig. Seit 2012 ist er Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen.

Ist die englische Sprache denn nicht weiterhin weltweiter Konsens?

Das muss differenziert betrachtet werden. Natürlich ist Englisch im internationalen Geschäftsleben unverzichtbar. Aber es gibt eine ganze Reihe anderer Faktoren. Die Sprache des Kunden ist beispielsweise sehr wichtig, unabhängig davon, wo ich verkaufe. Und die ist in der Regel eben nicht Englisch. Hinzu kommt, dass im politischen Bereich Französisch in Europa von wachsender Bedeutung ist, während es weltweit eher abnimmt. Die EU befindet sich auch sprachlich gesehen gerade in einer paradoxen Situation: Wenn England nicht mehr Teil der EU ist, welches Land wird die Arbeitssprache Englisch beantragen? Die Iren haben als Arbeitssprache Irisch gewählt. Bliebe also nur noch Malta als englischsprachiges Land ...

Inwiefern ist die jeweilige Standortsprache von Bedeutung?
Wir haben bei den meisten großen deutschen Unternehmen eine regional komplementäre Produktion. Der viel zitierte Joghurtbecher, dessen Deckel in Bratislava hergestellt wird, dessen Inhalt in Bayern und dessen Becher in Schweden bedruckt wird, bedingt eine Kommunikationsstruktur, die nicht zwangsläufig immer auf Englisch basiert. Es zählen auch die Sprachen der Produktionsstandorte. Das bedeutet, wir haben Standortsprachen, Kundensprachen, eine internationale Verkehrssprache und eine regionale Lingua franca. Ein Beispiel: In Osteuropa verstehen immer noch eine ganze Reihe von Leuten ganz gut Deutsch und relativ schlecht Englisch. Deutsch ist eine typische zweite Fremdsprache, aber sehroft im Geschäftsleben auch die Kontaktsprache.

Also ist die deutsche Sprache im Aufwind?
Ich engagiere mich im Netzwerk ERFA wirtschaft sprache. In den mehr als 20 großen Unternehmen, die sich dort zusammengeschlossen haben, gab es vor zwei Jahren eine Umfrage. Das Ergebnis war, dass die firmeninternen Deutschkurse und nicht die Englischkurse angestiegen sind. Und das hat nichts mit Migration zu tun. Die Deutschkurse sind bei den Inpats angestiegen, also denjenigen, die aus anderen Ländern ins Unternehmen kommen. Audi zum Beispiel baut seinen Q5 seit letztem Jahr in Mexiko und hat ein umfassendes Deutsch-Programm aufgezogen. Die Mitarbeiter werden für eine gewisse Zeit von Mexiko nach Ingolstadt gebracht und bilden Tandems, damit sie eine Weile im Betrieb mitlaufen können. Sozialkontakte und Gespräche am Arbeitsplatz: Alles läuft auf Deutsch. Die Sprache am Band, die Sprache der Produktion ist Deutsch, die Sprache der Weiterbildung auch in Konzernen wie VW und Audi ist immer, wenn es technisch wird, Deutsch. Was bedeutet in diesem Zusammenhang funktionale Mehrsprachigkeit? Je nach Szenario des wirtschaftlichen Handelns können unterschiedliche Sprachen eine Bedeutung haben. Auch für einen koreanischen Autohersteller ist es unter Umständen wichtig, die ADAC-Mängelstatistik auszuwerten. Und die liegt nun mal nur auf Deutsch vor. Wir haben also unterschiedliche Sprachen in unterschiedlichen Funktionen in einem sehr differenzierten Handlungsfeld. Die Szenarien implizieren in der Regel Mehrsprachigkeit.

Das Netzwerk ERFA wirtschaft sprache ist eine Interessengemeinschaft von Sprachenverantwortlichen in Unternehmen, die ihren Hauptsitz in Deutschland, der Schweiz oder Österreich haben. Zweimal jährlich treffen sich die Mitglieder zu einer Konferenz mit wissenschaftlichen Vorträgen, Workshops und Berichten aus den Firmen. Ziel ist es dabei, den Austausch zwischen Unternehmen und universitärer Forschung zu fördern. Seit 2006 ist Prof. Dr. Hermann Funk Wissenschaftlicher Koordinator des Netzwerks.

Welche Trends lassen sich beim Thema berufliche Mehrsprachigkeit definieren?
Um die Jahrtausendwende gab es Prognosen, dass Englisch durch das Internet die Weltsprache Nummer 1 werden würde. Aber tatsächlich sind nach der Anzahl gerechnet die meisten Internetseiten heute auf Chinesisch. Englisch liegt auf Platz 2. Gerade das Internet hat dabei geholfen, ein Forum für kleinere, das heißt hier weniger gelernte Sprachen zu bieten. China betreibt derzeit eine ganz aktive Sprachpolitik. Von daher ist anzunehmen, dass das Interesse an Chinesisch als Fremdsprache weiter steigt. Es ist außerdem zu erwarten, dass Spanisch nicht unbedingt zurückgeht, weil Menschen auch aus Freizeitinteressen lernen. Französisch wird weiter verlieren. Und der Bedarf an Englisch wird weiter steigen. Letztlich wird einfach vorausgesetzt werden, dass die Leute Englisch können, es ist eine Kulturtechnik. Das Fremdsprachenlernen beginnt erst nach dem Englischen.

Was heißt das für die deutsche Sprache?
Wir leben mit dem Status der 2. Fremdsprache ganz gut. Die Studie „Deutsch als Fremdsprache weltweit“, die das Auswärtige Amt alle vier Jahre durchführt, zeigt, dass die Situation sich im Großen und Ganzen stabilisiert hat, bei rund 15 Millionen Lernern. Rückgänge waren in Osteuropa zu verzeichnen, nicht zuletzt auch durch eine Generation von Deutschlehrkräften, die weggebrochen ist, und durch die Entscheidung, vielerorts in den nationalen Curricula Englisch als erste Fremdsprache zur Pflicht zu machen. Für die Mehrsprachigkeit war das eine schlechte Entscheidung. In Brasilien, Ägypten, der Türkei und im Mittelmeerraum ist die Nachfrage nach Deutsch hingegen gestiegen. Deutschland ist und bleibt in Europa weiterhin ein attraktiver Arbeitsmarkt.

Quelle: ELAN-Studie: „Auswirkungen mangelnder Fremdsprachenkenntnisse in den Unternehmen auf die europäische Wirtschaft“, 2005 im Auftrag der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 4-2016 veröffentlicht.


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